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“Zivilcourage kann man lernen” ZDF heute - Interview mit Günther Gugel

“Zivilcourage kann man lernen”

Wie man in Konfliktsituationen helfen kann

von Lisa Hegemann

Ein 50-jähriger Mann wird auf einem Münchener S-Bahnhof tot geprügelt - und keiner greift ein. In so einem Moment zaudern viele aus Angst, selbst verletzt zu werden. Doch es gibt auch noch andere Wege zu helfen.

15 Personen sahen den Angriff: Ein 17-Jähriger und ein 18-Jähriger prügelten auf einen Geschäftsmann ein, mit Fäusten und Tritten. Doch niemand half ihm. Dabei hatte der 50-Jährige bis dahin eigentlich alles richtig gemacht, meint Stefan Werner, Anti-Gewalt-Trainer aus Ingelheim. “Er hat sich zwischen Täter und Opfer gestellt und hat als erstes die Polizei gerufen”, sagt Werner im ZDF. Doch dann stand er alleine da.?

Keiner will Verantwortung tragen

Günther Gugel vom Institut für Friedenspädagogik Tübingen weiß, warum niemand dem Geschäftsmann half. “Wenn mehrere Menschen an einem Ort stehen, greifen sie weniger ein als wenn sie alleine anwesend sind - denn der andere könnte ja auch helfen”, sagt der Gewaltexperte. Verantwortung möchte keiner übernehmen. So hatte das 50-jährige Opfer keine Unterstützung.

“Wichtig wäre es, Hilfe zu organisieren. Vielleicht hätte er noch Menschen in der S-Bahn ansprechen können, die ihn dabei unterstützen”, meint Anti-Gewalt-Trainer Werner. Auch Gewaltexperte Gugel hält es für wichtig, die Umstehenden mit einzubeziehen, Öffentlichkeit herzustellen: “Wenn sie sich involviert fühlen, helfen sie eher”, meint er. Einer müsse dabei die Führung übernehmen und den anderen sagen, was sie machen sollen. “Wenn man das Gefühl hat, es kümmert sich bereits jemand um den Vorfall, hilft man selbst nicht mehr”, sagt Gugel.

Aus Angst schrecken viele zurück

Einer der Gründe, warum viele Menschen vor Zivilcourage zurückschrecken, ist vor allem die Angst davor, selbst verletzt zu werden. Wenn jemand nicht gerade einen Kampfsport betreibt, wird er in Eins-zu-Eins-Situationen gegen den Angreifer immer der Verlierer sein, meint Gugel: “Viele können ihre eigene Kraft in einer solchen Situation nicht einschätzen.” ??Normalerweise würde es reichen, das “Magnetfeld der Täter”, so Werner, zu verlassen, in diesem Fall die S-Bahn. Aber die Täter sind ihrem Opfer gefolgt, weil sie sich gedemütigt fühlten. “Sie fühlen sich als Verlierer der Gesellschaft und sind ihm nachgegangen, um ihr Selbstbild wieder herzustellen”, meint Anti-Gewalt-Trainer Werner. In diesem Moment hatte der 50-Jährige verloren: “Wenn der Täter gereizt ist, kann man ihn verbal nicht mehr überzeugen”, sagt Gugel.

“Leute helfen, wenn sie es sich zutrauen”

Als Zeuge hilft es schon, die Polizei anzurufen. Tatsächlich gingen auch mehrere Notrufe bei der Polizei ein, allerdings half keiner dem 50-jährigen Opfer. “Viele wissen nicht, was das Richtige ist, wie sie helfen können und wie sie helfen sollen”, sagt Gugel. “Aber Zivilcourage kann man lernen. Leute helfen nur dann, wenn sie es sich auch zutrauen. Diese Kompetenz kann man trainieren.”

Werner hilft als Anti-Gewalt-Trainer beispielsweise Schülern der 8. Klasse, sich durchzusetzen. “Wir üben den Ernstfall, dann müssen die Schüler auch mal laut werden”, sagt er. Einer Attacke hätte der 50-Jährige aus dem Weg gehen können, in dem er sich schon vorher an die anderen Fahrgäste und den Schaffner gewandt hätte. “Sobald man von mehreren brutal attackiert wird, hat man keine Chance mehr”, meint Gugel.

Quelle: http://www.heute.de/ZDFheute/inhalt/26/0,3672,7892538,00.html 

Das Institut für Friedenspädagogik hat einen Band speziell zum Thema Zivilcourage herausgegeben:

Zivilcourage lernen. Analysen – Modelle – Arbeitshilfen. Tübingen 2004

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