Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Zivilcourage im Alltag entwickeln

Zivilcourage im Alltag zu leben, bedeutet zunächst die Entwicklung von Ichstärke und Selbstbewußtsein, um auf der Beziehungsebene befriedigend kommunizieren zu können, um eigene Vorurteile erkennen und bearbeiten zu können, aber auch um am politischen Geschehen so teilzuhaben, daß ein Engagement in Richtung Gewaltminimierung und Partizipation möglich wird.

Dies setzt die Fähigkeit, sich einzumischen voraus. Diese Einmischung von unten gelingt am besten, wenn sie zunächst in kleinen Schritten vorgenommen wird.

Ein wesentlicher Punkt dieser Einmischung besteht darin, wenn nötig den Gehorsam zu verweigern. Gehorsam war und ist eine der Triebfedern der Zerstörungsmentalität, denn Gehorsam wird subjektiv immer mit der Delegation von Verantwortung an den/die Vorgesetzten (oder gar an Strukturen) gleichgesetzt. Doch ohne die Übernahme von Verantwortung für das eigene Handeln sowie für die Unterlassung eigenen Handelns ist Friedensfähigkeit nicht denkbar. Dies setzt auch ein neues Verhältnis zu Autoritäten voraus, die nicht länger wegen ihres Amtes und ihres (oft phantasierten) Einflusses zu fürchten sind. In bezug auf Erziehung bedeutet dies, anders mit Widerspruch, Einwänden und Gehorsamsverweigerung bei Kindern und Jugendlichen umzugehen. Denn diese Verhaltensweisen können eben nicht nur als "Trotz" oder "Ungezogenheit" gedeutet werden, sondern sind auch Ausdruck einer sich entwickelnden Selbständigkeit sowie von Auseinandersetzung mit Autoritäten.

Bei dieser mehr öffentlichen und politischen Dimension des Handelns ist die subjektive Glaubwürdigkeit von entscheidender Bedeutung für das Selbstbild und das Selbstwertgefühl. Dieses wird auch bestimmt von einer Einstellung und Haltung der belebten und unbelebten Natur sowie den Mitmenschen gegenüber, die von Sensibilität und Achtung, von Empathie und Solidarität geprägt ist und die lebensbejahenden Elemente fördert. Dies ist auch eine Haltung, die sich bewußt um die Aneignung des verfügbaren Wissens bemüht und sich dabei im Klaren ist, daß Wissen auch Mitverantwortung bedeutet.

Bürgermut ist auch deshalb selten, weil man den Verlust der bisherigen Zustimmung des sozialen Umfeldes riskiert, weil man plötzlich allein (oder als kleine Gruppe) gegen "alle" dastehen könnte.

Wer Zivilcourage erwerben will, kann mit kleinen Schritten sein persönliches Maß finden. Er kann in vielen kleinen Situationen erkennen lassen, wie er persönlich denkt und wovon er überzeugt ist. Er muß jedoch die damit verbundene Angst vor der Zivilcourage wahrnehmen, akzeptieren und damit umgehen lernen. Billiger ist Zivilcourage nicht zu haben.

Günther Gugel: Wir werden nicht weichen. Erfahrungen mit Gewaltfreiheit. Eine praxisorientierte Einführung. Tübingen 1996, S. 173-192.


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