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Mahatma Gandhi (1869 - 1948)

Mohandas Karamchad Gandhi entstammte einer reichen, gebildeten Familie. Bereits mit 13 Jahren wurde er mit der gleichaltrigen Kasturbai verheiratet. Mit 19 Jahren wurde er nach England geschickt, um dort Jura zu studieren. Er begann in England mit der Suche nach einer Synthese von Buddhismus, Hinduismus und Christentum und entdeckte dort auch den Vegetarismus neu für sich. Nach Indien zurückgekehrt (1891) nahm er eine Tätigkeit als Rechtsbeistand an, die ihn nach Südafrika führte. Die Diskriminierung der Inder als ethnische Minorität bekam auch Gandhi in Südafrika zu spüren. Er wurde schnell Führer einer Bewegung, die den Kampf um Gleichberechtigung aufnahm. Dabei entwickelte er die Idee des gewaltlosen Widerstandes, die in seinem Konzept des Satyagraha aufging. Sein Lebensstil und seine Philosophie wurden von diesen Erlebnissen stark beeinflußt. Er faßte den Entschluß, den Weg der totalen Enthaltsamkeit zu gehen und kleidete sich nun nur noch mit weißen Tüchern. 20 Jahre blieb Gandhi in Südafrika, bis er und seine Anhänger die Beseitigung der diskriminierenden Gesetze erreicht hatten. Er gründete in Südafrika mehrere landwirtschaftliche Siedlungen, in denen er Tolstojs Ideen verwirklichte.

Nach der Rückkehr nach Indien ging es ihm auch dort um die Veränderungen der bestehenden Verhältnisse. Er wollte den Verwaltungsapparat dezentralisieren, ein Bildungssystem für alle einrichten, die niederen Kasten abschaffen, die Kinderheirat beseitigen und vor allem das ländliche Handwerk in dörflichen Einrichtungen wiederbeleben. Hierzu war die Beendigung der Kolonialherrschaft der Engländer Voraussetzung.
Gandhi's "Experimente mit der Wahrheit", wie er seine Methode nannte, waren der Versuch, Politik und Religion zu einer Lehre zu verbinden. Er war in den angewandten Mitteln und den sich selbst auferlegten Restriktionen unerbittlich. Seine unbeugsame Willenskraft und seine nahezu unmenschliche Kraft zu leiden ließen ihn vielen als "Heiligen" erscheinen. Er verbrachte mehrere Jahre im Gefängnis, war oft pausenlos unterwegs um für seine Ideen zu werben, organisierte dann wieder Kampagnen, die weit über Indien hinaus Aufsehen erregten, so z.B. den Salzmarsch 1930.
Doch Gandhi hatte nicht nur Freunde. Am 30.1.1948 wurde er von einem fanatischen Hindu ermordet.

Satyagraha
"Den Begriff Satyagraha habe ich in Südafrika geprägt, um der Kraft einen Namen zu geben, mit der die Inder dort für volle 8 Jahre (1906-1914) gekämpft haben. Ich sprach von Satyagraha, um diese Kraft von der Bewegung zu unterscheiden, die damals in Großbritannien und Südafrika unter dem Namen des passiven Widerstands lief.
Der Grundgedanke der Satyagraha ist das ›Festhalten an der Wahrheit‹, darum heißt Satyagraha ›Kraft der Wahrheit‹. Ich habe es auch "Kraft der Liebe" oder ›Kraft der Seele‹ genannt. Schon bei den ersten Versuchen der Anwendung der Satyagraha entdeckte ich, daß das Streben nach Wahrheit es nicht erlaubt, dem Gegner Gewalt anzutun, sondern daß er durch Geduld und Mitgefühl von seinem Irrtum abgebracht werden muß. Was der eine für Wahrheit hält, mag der andere als Irrtum ansehen. Und Geduld zu üben bedeutet, selbst zu leiden. Satyagraha nahm also die Bedeutung von Verteidigung und Rechtfertigung der Wahrheit an: Verteidigung nicht, indem man dem Gegner Leid zufügte, sondern indem man selbst Leiden ertrug.
Die Satyagraha ist vom passiven Widerstand so weit entfernt wie der Nordpol vom Südpol. Der passive Widerstand ist die Waffe der Schwachen und dabei ist die Anwendung von physischem Druck oder verletzender Gewalt nicht grundsätzlich ausgeschlossen, um das Ziel zu erreichen. Dagegen ist Satyagraha eine Waffe für die Stärksten. Hierbei ist die Anwendung von Gewalt in jeder Form ausgeschlossen. (...)
Dieses Gesetz der Liebe ist nichts anderes als das Gesetz der Wahrheit. Ohne Wahrheit gibt es keine Liebe. (...)
Satyagraha lebt aus sich selbst heraus. Satyagraha kann ohne vorherige Billigung der Gegner ins Spiel gebracht werden. Satyagraha besitzt die größte Ausstrahlungskraft dann, wenn der Gegner Widerstand leistet. Deshalb ist Satyagraha unwiderstehlich. Ein Satyagrahi kennt keine Niederlage, denn er kämpft unermüdlich für die Wahrheit. Für ihn ist der Tod im Kampf eine Befreiung und das Gefängnis das Tor zur Freiheit.
Satyagraha wird auch die Kraft der Seele genannt, weil die Gewißheit einer allem innewohnenden Seele notwendig ist, wenn der Satyagrahi daran glauben soll, daß der Tod nicht das Ende, sondern den Höhepunkt des Kampfes bedeutet. (...) Und im Wissen, daß die Seele den Körper überlebt, brennt er nicht ungeduldig darauf, den Sieg der Wahrheit im gegenwärtigen Körper zu erleben. (...)
Trotzdem wurde dagegen eingewandt, daß die Satyagraha - wie wir sie verstehen - nur von einer auserwählten Minderheit praktiziert werden könne. Meine Erfahrung beweist das Gegenteil. Werden ihre einfachen Grundsätze - Festhalten an der Wahrheit und durch eigenes Leiden dafür Einstehen - erst einmal begriffen, kann jeder die Satyagraha praktizieren. (...)
Doch auf politischer Ebene besteht der Kampf im Namen des Volkes vorwiegend darin, dem Irrtum in Form ungerechter Gesetze entgegenzutreten. Wenn es mißlungen ist, dem Gesetzgeber den Irrtum durch Petitionen und dergleichen eindringlich vor Augen zu führen, bleibt einem als einziges Gegenmittel - wenn man sich nicht unterwerfen will -, ihn zu zwingen, die Gesetze aufzuheben, indem man durch Verletzung des Gesetzes eine Bestrafung herausfordert und dadurch selbst Leiden auf sich nimmt. Deshalb erscheint die Satyagraha der Öffentlichkeit weiterhin als ziviler Ungehorsam oder ziviler Widerstand. ›Zivil‹ ist in dem Sinne aufzufassen, daß dieses Vorgehen nicht kriminell ist."
Mohandas K. Gandhi: Satyagraha. Aus dem Bericht der Congress-Partei über die Unruhen im Punjab. In: M.K. Gandhis Collected Works, Vol. XVII, S. 151-157. Zitiert nach: Gewaltfreie Aktion, Heft 57 / 58, 3.+4. Quartal 1983, S. 23 ff., Auszüge.

Günther Gugel: Wir werden nicht weichen. Erfahrungen mit Gewaltfreiheit. Eine praxisorientierte Einführung. Tübingen 1996.

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