Home / Themen / Zivilcourage / Personen / Albert John Luthuli (1898 - 1967)
Albert John Luthuli wurde vermutlich im Jahre 1898 in Rhodesien geboren - er wußte das genaue Jahr seiner Geburt selbst nicht. Er war Lehrer für Zulu-Geschichte und Zulu-Sprache. Seine Verwurzelung im Christentum bestimmte sein politisches Tun und gab ihm die Überzeugung, daß gewaltfreie Opposition gegen die Mißstände in seinem Land sich nicht in Taktik erschöpft, sondern auf Ethik basiert. Politik ohne Ethik war für ihn schlechte Politik.
Als 1910 die Südafrikanische Union gegründet wurde, entstand zwei Jahre später als Reaktion auf diesen Schritt der "African Nation Congreß" (ANC). Mit ihm schufen sich die Afrikaner eine Interessenvertretung und wollten sogleich Spaltung und Rivalitäten überwinden, um der weißen Regierung geschlossen gegenübertreten zu können.
Luthuli wurde 1945 Mitglied des ANC, zu dessen Präsident er 1952 aufstieg. Zuvor hatte er jedoch seinen Häuptlingstitel aufgeben müssen - 1936 war er von den Zulus als deren Häuptling gewählt worden. Das Ministerium für Eingeborenenfragen stellte ihn jedoch vor die Alternative, entweder auf diese Bezeichnung oder aber auf die Mitgliedschaft im Nationalkongreß zu verzichten. Luthuli entschied sich für den Kongreß und damit für einen Weg durch die Gefängnisse und Polizeibüros.
Ohne Stimmrecht war die schwarze Mehrheit in Südafrika faktisch ausgeschaltet. Es gab für Luthuli und seine Freunde keinen Zweifel, daß sie in ihrem Land ohne jede Geltung waren, ja ohne die Möglichkeit, überhaupt noch gehört zu werden. Das Apartheidprogramm nahm den Schwarzen jegliches Wahlrecht, schränkte Wohngebiet- und Berufswahl ein, verbot ihnen Streik und machte gemischte Ehen unmöglich. Sie entschlossen sich zu ersten Schritten des aktiven Widerstandes: So fand z.B. am 16. Juni 1950 eine Demonstration gegen die "supression of communismus act" statt. Afrikaner, Inder und Mischlinge blieben einen Tag der Arbeit fern.
Luthuli versuchte alle nichtweißen Gruppen zu vereinigen, zu gemeinsamen Aktionen zu veranlassen und dabei gewaltfrei vorzugehen. Daß Gewaltfreiheit die Weißen dabei ungemein provozierte, weil sie deren Bild vom "bösartigen Schwarzen" nicht entsprach, war an den oft brutalen Gegenreaktionen festzustellen.
Dreimal wurde Luthuli geächtet: 1953, 1954 und 1955. Gegen ihn wurde ein Hochverratsprozeß angestrengt, viele Male saß er im Gefängnis und jahrelang durfte er sich nicht außerhalb seines Heimatortes Groutvilles aufhalten.
Schwierig war es für Luthuli, seine in der Gewaltfreiheit wurzelnde Kraft auf andere zu übertragen, zumal Erfolgserlebnisse eher selten waren. Dies, obwohl mehrere große gewaltfreie Kampagnen organisiert wurden, so z.B. 1957 ein Bus-Boykott als Protest gegen die Fahrgelderhöhungen oder 1959 ein Kartoffel-Boykott gegen Farm-Gefängnisse, in denen Afrikaner, die die Paßgesetze übertreten hatten, festgehalten wurden und mit bloßen Händen Kartoffeln ausgraben mußten. Dieser Boykott wurde drei Monate durchgehalten. Die Regierung schuf die offiziellen Farm-Gefängnisse ab.
Für sein Engagement erhielt Luthuli 1961 den Friedensnobelpreis. 1967 wurde er auf mysteriöse Weise von einem Zug erfaßt und getötet.
Nach: Hansjörg Nikolaus Schultz: Albert John Luthuli. In: Hans Jürgen Schultz: Politik ohne Gewalt? Von Gandhi bis Camara. Frankfurt 1976, S. 76-84.
Auszüge aus Reden und Briefen
"Afrika sollte seine Schicksalstunde, diesen Augenblick der Erfüllung, als Aufforderung betrachten, weiter an sich zu arbeiten und weiter zu kämpfen, bis unser ganzer Kontinent von jeder rassischen Unterdrückung befreit ist, und zugleich als Möglichkeit, die Welt davon zu überzeugen, daß unser nationales Bestreben nicht dahin geht, die weiße Fremdherrschaft zu überwinden und zu ersetzen durch Kastengeist, sondern daß unser Ziel die Schaffung einer Demokratie ist die keine feindlich getrennten Rassen, die nur gleichberechtigte Menschen kennt, eine gewaltige Brüdergemeinschaft, in der niemand auf Grund seiner Rasse oder seiner Hautfarbe diskriminiert wird. In einer von feindlichen Gegensätzen zerrissenen Welt, die sich schwankend am Rande der völligen Vernichtung durch von menschlicher Hand geschaffene nukleare Waffen bewegt, vollzieht sich die Geburt eines freien unabhängigen Afrika (...)."
Aus der Dankesrede bei der Verleihung des Friedensnobelpreises 1961. Zitiert nach: Hansjörg Nikolaus Schultz: Albert John Luthuli. In: Hans Jürgen Schultz: Politik ohne Gewalt? Von Gandhi bis Camara. Frankfurt 1976, S. 76.
"Der Kampf geht weiter, mag er zu Ächtung, Verbannung, Verschleppung, Gefängnis führen oder nicht. Wir kämpfen nicht mit Gewalttaten und Gewehren, und die Waffenausrüstung der Gewalthaber ist machtlos gegen den Geist. Der Kampf geht weiter, sei es im Gefängnis oder außerhalb, und mit jedem wehrlosen Opfer, das die grausamen Menschen verletzen oder töten, verlieren sie an Boden. Die Suprematisten (diejenigen, die die Herrschaft ausüben, d. V.) bilden sich ein, es sei ein Kampf der Ziffern, ein Kampf der Rassen, ein Kampf der modernen gegen die primitive Bewaffnung. Nein: hier steht Recht gegen Unrecht, gut gegen böse, das Bündnis der Verbogenen, Entstellten und Verstümmelten gegen das heiße Verlangen nach Gesundung."
Zitiert nach: Hansjörg Nikolaus Schultz: Albert John Luthuli. In: Hans Jürgen Schultz: Politik ohne Gewalt? Von Gandhi bis Camara. Frankfurt 1976, S. 84.
Günther Gugel: Wir werden nicht weichen. Erfahrungen mit Gewaltfreiheit. Eine praxisorientierte Einführung. Tübingen 1996.