Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

Home / Themen / Zivilcourage / Grundlagen / Konflikte gewaltfrei lösen

Konflikte gewaltfrei lösen

Politisches Handeln steckt heute in einer grundlegenden Glaubwürdigkeitskrise. Machterhalt steht über dem Gemeinwohl, die Antworten auf die großen Herausforderungen der Zukunft fehlen und große Kreise der Bevölkerung sind von der politischen Willensbildung und Beteiligung ausgeschlossen.
Hinzu kommt, daß heute der Staat nicht mehr Garant der sittlicher Normen ist und sich politische und gesellschaftliche Entscheidungen häufig an partikularen gruppeninteressen orientieren.
Die Kritik an der Wachstums- und Wohlstandsorientierung ist heute zwar vorhanden, doch fehlen bislang gangbare Vorstellungen einer zukunftsfähigen, ökologisch vertretbaren Lebensweise.
Gewaltfreies Handeln versteht sich - gerade auch in einer solchen gesellschaftlichen Situation - als ein Handeln, daß an klaren sittlichen Werten orientiert ist und Beteiligungsformen für alle Bürger eröffnet.
Dabei geht es nicht nur darum punktuell, an einzelnen Sachfragen (z.B. dem Bau eines Endlagers für atomare Abfällel) Einfluß zu gewinnen, sondern überhaupt Zugang zu Entscheidungsprozessen zu erzwingen um so auch über Strukturentscheidungen mitbestimmen zu können. Solche Prozesse können nicht von oben verordnet werden, sondern sie setzen sich von unten durch und erzwingen neue Teilhabemöglichkeiten.
Gewaltfreie Aktion ist die Form der Konfliktaustragung die aus der Haltung der Gewaltfreiheit resultiert und bei der bewußt auf verletzende oder tötende Gewalt verzichtet wird. Dies bedeutet nicht, daß keine Macht bzw. keine Druckmittel angewendet werden. So können z.B. Streiks und Boykottaktionen sehr starke Mittel sein um Interessen durchzusetzen.
Das Methodenspektrum der Gewaltfreien Aktion wird inzwischen von Lastwagenfahrern, die eine Straße blockieren um für eine schnellere Abfertigung an der Grenze zu demonstrieren ebenso angewendet, wie von Bauern, die einen Hungerstreik für höhere Agrarpreise organisieren.
Viele dieser Aktionen versuchen ein Teilinteresse durchzusetzen, das aus der jeweiligen Sicht zwar berechtigt sein mag, sich jedoch nicht in eine Gesamtstrategie (für eine gerechte Gesellschaft) eingebettet ist und auch nicht auf dem prinzipiellen gewaltfreien Gedankengut basiert. Die Verwendung gewaltfreier Aktionsmethoden konstituiert jedoch noch keine gewaltfreie Aktion.
Als Kern der gewaltfreien Aktion wird ein Handeln im politischen Raum mit einer politischen Ausrichtung verstanden, wobei es in erster Linie um die Erlangung oder Erhaltung von Menschen- und Bürgerrechten geht. Die Konfliktebene liegt hier also primär in der Beziehung Bürger kontra Staat oder gesellschaftliche Großgruppen. Solches Handeln hat nicht nur das Ziel Probleme und Konflikte öffentlich zu machen, sondern darüberhinaus auch Gegenmacht zu entwickeln um im politischen Raum handeln zu können.
Ein zweiter Bereich gewaltfreien Handelns befaßt sich mit der Abwehr von Bedrohung und Gewalt im zwischenmenschlichen und innerstaatlichen Bereich (z.B. Schutzdienste, Nachbarschaftskonzepte usw.). Hier geht es um die Konfliktebene Bürger kontra Bürger(gruppen).
Ein dritter Bereich der gewaltfreien Aktion wurde auf zur Abwehr von Staatstreichen bzw. gewaltsamer Interventionen dritter Staaten als ziviles (soziales) Verteidigungskonzept, das von Bürgern getragen wird, entwickelt.
Die wesentlichen Kennzeichen der Gewaltfreien Aktion sind:

Die Aktionsmethoden sind sehr vielfältig. Viele Methoden (wie z.B. Unterschriftensammlungen) sind in unserer Gesellschaft risikolos und auch mit einer gewissen Breitenwirkung anzuwenden. Andere (vor allem symbolische) Aktionen wie z.B. die Schornsteinbesteigungen von Greenpeace bedürfen einer eingehenden Vorbereitung und eigenen sich nur für speziell trainierte Akteure.
Ein wichtiger Teilbereich aller Aktion ist die Entwicklung von Alternativen im politischen, wirtschaftlichen, ökoloigschen und kulturellen Bereich. Solche Alternativen sollen praktisch vor Augen führen, daß eine andere, eben eine gewaltfreie, zukunftsbezogene Art zu leben und zu wirtschaften möglich ist.

Gewaltfreiheit - was wir damit meinen

Gewaltfreie Aktion bedeutet, aus Passivität und Resignation herauszutreten und mit Aktionen gegen Unrecht zu protestieren und Widferstand zu leisten. Gewaltfreie Aktion ist an keine TeilnehmerInnenzahl gebunden. Ein/e Einzelne/r kann gewaltfreien Widerstand leisten, es können sich aber auch Hunderttausende daran beteiligen. Gewaltfreie Aktion beruft sich nicht auf Mehrheitsentscheidungen, sodnern auf die persönliche Verantwortung zum Widerstand gegen menschen- ( doer natur-)verletzendes Unrecht.
Dieser Bezug auf Recht und Unrecht ist nicht nur eine Begründung für die Gewaltfreie Aktion, sondern auch eine Verpflichtung: Die Gewaltfreie Aktion muß so angelegt und durchgeführt werden, daß sie nicht neues Unrecht in die Welt setzt. Das ist nicht einfach, denn bei einer Gewaltfreien Aktion geht es um einen Konflikt, meist sogar um einen ziemlich heftigen, mit allen damit verbundenen Emotionen und Einengungen der Wahrnehmungen.
Das Ziel einer gewaltfreien Aktion ist nicht, die GegnerInnen zu besiegen oder gar zu vernichten.
Stattdesen will die Gewaltfreie Aktion den Konflikt auf der Basis lösen, daß alle Menchen grundsätzlich gleich an Rechten sind und es deshalb zu einem Ausgleich der (gegensätzlichen) Intersssen kommen muß.
Diese Grundsätzliche Anerkennung der Menschenrechte der GegenerInnen hat Konseuqnezen für die Praxis der Gewaltfreien Aktion:

  • Die Aktion muß so angelegt sein, daß die Verletzung oder Tötung anderer Menschen ausgeschlossen ist. Gewaltfreie Aktion verbietet auch Handlungen, die die Würde eines Menschen verlezten. (...)
  • Bei einer Gewaltfreien Atkion greifen wir niemanden tätlich an. Wird Gewalt gegen die Beteiligten einer Gewaltfreien Aktion ausgeübt, leisten wir entweder passiven Widerstand oder geben nach. (...)
  • Gesetzesübertretungen, Blockaden, Besetzungen und auch die Beschädigung von Sachen gehören zu den Mittteln Gewaltfreier Aktion. Dabei muß abgewogen werden zwischen den Folgen, die solche Aktionen für andere Menschen haben, und den Zielen, die die Aktion verfolgt.

Gewaltfreies Aktionsbündnis Hamburg (GAB): Gewaltfreiheit - was wir damit meinen. In: Graswurzelrevolution, April 1994.

Eine PDF-Version dieser Seite herunterladen

Aktuelles / Blog

Veranstaltungen

Peace Counts School