Home / Themen / Zivilcourage / Entscheidungen... / Zur Frage eines... / Warum Gewaltanwendung notwendig sein kann
Es gibt eine moralische Verpflichtung zur Gewaltanwendung
"Wer angesichts der Tatsache, daß Menschen durch Jahrhunderte hindurch unter menschenunwürdigen Bedingungen in grauenhaftem Elend leben, der Aktualisierung des Widerstandsrechts mit dem Hinweis widerspricht, es seien noch nicht alle normalen und legalen, alle natürlichen und übernatürlichen Mittel ihrer Existenzsicherung ausgeschöpft, verschließt in einer unverständlichen Lebensblindheit die Augen vor den Tatsachen. Er gleicht demjenigen, der dem von einem Verbrecher tödlich bedrohten Menschen zuruft, eine gewaltsame Gegenwehr sei nicht statthaft, solange die Polizei nicht verständigt sei; denn es sei nicht ausgeschlossen, daß sie der Bedrohung noch begegnen könne. Die theoretischen Möglichkeiten der Hilfe sind unerschöpflich; ihr Einsatz wird sinnlos, wenn der Bedrohte inzwischen ermordet ist. Man kann, wenn menschliches Leben in der Gefahr physischer und geistiger Vernichtung steht, nicht warten, bis alle noch denkbaren gewaltlosen Mittel durchexperimentiert sind: das gilt für das Leben des Einzelnen in gleicher Weise wie für das Leben eines Volkes. Wer sich für den aktiven Widerstand entschließt, muß seinen Einsatz mit allen Opfern, die von ihm gefordert werden, vor seinem Gewissen verantworten. Und dieses allein entscheidet über den sittlichen Wert seines Tuns."
Franz Klüber. Gewalt: Fanal der Hoffnung und der Zuversicht. In: Publik Forum, Nr. 4, 23. Februar 1979, S. 4, Auszug.
Lieber Gewalt als Nichtstun
"Die größten Verbrechen in der Welt sind die Verbrechen der Versäumnisse. Für mich ist es die Summe der Gewalt, wenn ein Kind an Hunger stirbt und wenn wir nichts dagegen tun. Wir sind nicht einmal an den Gründen interessiert, weshalb dieses Kind stirbt, gestorben ist. Das ist kriminell. Das ist für mein Verständnis der Gipfel der Gewalt. Lieber ständig handeln, als diese schrecklichen Verbrechen der Unterlassung zu begehen.
Wenn jemand keine gewaltfreien Mittel zur Verfügung hat, nimmt er das Gewehr und das ist besser, als nichts zu tun. Das Gewehr nehmen, um diese schrecklichen Ungerechtigkeiten zu beseitigen, ist weniger kriminell, als überhaupt nichts zu tun. Wenn jene, die in Zentralamerika den Aufstand anführen, zu gewaltsamen Mitteln greifen, dann ist dies ihre Entscheidung. Ich selbst würde alles versuchen, gewaltfreie Mittel zu wählen, um soziale Veränderungen zu erreichen, um Abrüstung, Gerechtigkeit und Friede in der Welt herbeizuführen. Wenn andere andere Mittel wählen, die meines Erachtens gewaltsam sind, so respektiere ich ihr Gewissen und erkenne, daß sie weitaus weniger gewalttätig sind als jene, die mit Blick auf diese Übel nichts tun."
Auszug aus einem Interview mit Phil Berrigan. Publik Forum 21/1993.
Phil Berrigan ist katholischer Priester und Mitglied der Gruppe »Pflugschar 8&laqno;, die sich mit spektakulären gewaltfreien Aktionen gegen Rüstung und Militär in den USA wendet.