Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Pazifismus im Zeichen neuer Gewalt

"1. Radikalpazifistisches Verhalten ist die eindeutige Alternative zu militärischer Gewalt. (...) In jedem Fall bedeutet pazifistisches Verhalten die Ablehnung einer Doppelmoral, die individuelles Töten unter Strafe stellt, kollektives Töten im Kriege dagegen rechtfertigt.

2. Zum Ausgang des 20. Jahrhunderts ist pazifistisches Verhalten in besonderer Weise geboten, weil durch die anhaltende Fortentwicklung von Massenvernichtungswaffen ­ auch nach Beendigung der Ost-West-Konfrontation ­ Technologien und Fähigkeiten des Menschen, die gesamte Zivilisation vernichten zu können, weiterhin zunehmen. (...)

3. Wer für pazifistisches Verhalten eintritt, muß den Faktor ðmenschliches VersagenÐ und die Existenz aggressiver Staaten in Rechnung stellen. Es wird immer ein gewisses Ausmaß an individueller und kollektiver Gewalt geben, mit der gewaltarm umzugehen wir lernen müssen. PazifistInnen sind nicht gegen strafrechtliche Verfolgung von Delikten, die gegen andere Personen oder ganze Personengruppen begangen werden, und folglich auch nicht gegen rechtsstaatliche ðOrdnungskräfteÐ (Polizei).

4. PazifistInnen setzen sich deshalb vorrangig für Friedensbewahrung durch staatliche und internationale Rechtsordnungen ein, die auf einen gerechten Ausgleich von Lasten und Pflichten gegründet sein müssen. Gewalt eindämmen zu wollen, ohne die Ursachen von Gewalt anzugehen, ist illusionär und zynisch. Demokratie allein macht nicht satt. Menschen brauchen und erwarten Nahrung, Wohnung, Kleidung, Arbeit und vor allem Lebensperspektiven.

5. Aus pazifistischer Sicht ist Militär ungeeignet, gewaltsame Konflikte beizulegen, auch nicht kurzfristig oder als sogenannte ulitma ratio (äußerstes Mittel). Militärische Gewalt erweist sich in der Regel nicht als das geringere, sondern als das größere Übel. Allein schon das Denken in militärischen Kategorien beeinträchtigt ­ oder verhindert sogar ­nichtmilitärische politische, zivile Chancen des Konfliktaustrages.

6. PazifistInnen können darauf verweisen, daß Krieg inzwischen geächtet ist. Was heute als ðKriegeÐ bezeichnet wird, sind in Wirklichkeit ethnonational aufgeheizte soziale Gewaltausbrüche in politischen Umbruch- und/oder wirtschaftlichen bzw. ökologischen Elendsregionen. Militärische Interventionen sind sinnlos, weil sie die Ursachen dieser Gewaltausbrüche nicht beheben. Abhilfe können nur wirtschaftliche und soziale Maßnahmen zur Selbsthilfe schaffen."

Karlheinz Koppe in: Thomas Dominikowski / Regine Mehl (Hrsg.): Dem Humanismus verpflichtet. Zur Aktualität pazifistischen Engagements. Festschrift für Kalheinz Koppe. Münster 1994, S. 14 ff., Auszüge.

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