Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Gewaltfreiheit ist nicht nur moralisch überlegen

"Der Preis ist zu hoch"

"(...) Du sprichst frei und offen über die Gewalt, die ein vergewaltigtes Volk, Dein Volk, anwendet, und billigst sie. Du verbindest Dich mit dieser Gewalt, mit Bedauern, aber entschieden, unwiderruflich. (...)

Ich denke, wie unheilvoll einfach es ist, in einer Welt, die vom Mythos der Vereinfachungen und Endlösungen verwirrt und fasziniert ist, wo Gewaltlosigkeit zunehmend als naiv, als alter Hut, als versponnen angesehen wird, wie einfach es da ist, die Front zu wechseln und zum Gewehr zu greifen. Wie einfach die Schlußfolgerung ist: das Spiel ist gemacht, das Spielfeld abgesteckt ­ zugunsten der großen Haifische, der Ausgang des Spiels steht fest, über das Leben selbst ist entschieden, alles ist abgemacht, bevor die Karten überhaupt verteilt sind. Ist es da nicht vorzuziehen ein paar Leben (von zweifelhaftem Wert zumindest, von Folterern, Lakaien, Polizisten) zu nehmen, als viele wertvolle Leben hinzugeben, von Studenten, Armen, Geopferten und Schutzlosen, von Menschen, die ihrem Gewissen folgen, von solchen, die man leicht als Brüder und Schwestern nach dem Evangelium erkennen kann? Es gibt schließlich eine lange Tradition legitimer Selbstverteidigung. (...)

Und so haben die jungen Leute von Solentiname zu den Waffen gegriffen. Sie haben es aus einem Grund getan: 'auf Grund ihrer Liebe zum Reich Gottes'. Ja, damit stellen wir uns wirklich in eine Tradition! In jedem Kreuzzug, in den je die Christenheit gezogen ist, Mord ­ das säkularste aller Unternehmen, das allerweltlichste, in dem wir wie die anderen Söldner des Kaisers eingeschrieben und bezahlt werden dieses Unternehmen wird immer wieder unverändert in religiöser Ideologie getauft: Reich Gottes. (...)

Und natürlich ändert sich nichts. Nichts ändert sich in Beirut, in Belfast oder in Galiläa, nichts ­ soweit ich es sehen kann. Nur daß die Lebenden sterben. Und die altehrwürdige Unterscheidung zwischen Kämpfenden und Zivilisten, die dazu gedacht war, die Unschuldigen und die Hilflosen zu schützen, geht den nächsten Bach hinunter, in dem sich das Blut aller mischt, ohne Unterschied.

Bei Gott, ich habe noch keinen Menschen getroffen, den das Töten moralisch aufgerichtet und gebessert hat, weder den, der die Kugel abgeschossen hat, noch den, dessen Körper sie traf. (...)"

Junge Kirche, 5/1979, S. 206 ff.

Aus einem Brief von Daniel Berrigan, den er 1978 an Ernesto Cardenal schrieb. Daniel Berrigan (USA) und Ernesto Cardenal (Nicaragua) sind beide Dichter und katholische Priester. Beide haben sich unter Einsatz ihres Lebens dem Kampf für die Beendigung von Ungerechtigkeit in ihrer Gesellschaft verschrieben. Nach der Zerstörung der Gemeinschaft von Solentiname, die Cardenal auf einer Insel im Nicaragua See gegründet hatte, durch Regierungstruppen, bei der es Tote unter den Soldaten und den Mitgliedern der Gemeinschaft gab, hat sich Ernesto Cardenal der Befreiungsbewegung Nicaraguas, den Sandinisten angeschlossen. In einer öffentlichen Erklärung hat er seine Überzeugung ausgesprochen, daß die einzige Möglichkeit seines unterdrückten Volkes, eine gerechte Gesellschaft zu schaffen, der Weg der Gewalt sei. Auf diese Erklärung hat Daniel Berrigan in einem offenen Brief geantwortet.

Gewaltlosigkeit ­ die befreiende Kraft der Schwachen

"Es geht keineswegs um eine Verurteilung derjenigen, die aufgrund ihres Gewissens zu der Überzeugung gelangen, Gegengewalt anwenden zu müssen. Wer Gegengewalt übt, ist kein Passiver, kein Feigling. Er stellt sich dem Unrecht, er kämpft mit Entschiedenheit für seine Überwindung. Sein Mut und sein Einsatz bis zur Hingabe des eigenen Lebens für eine gerechte Sache verlangen Anerkennung und Achtung. Er wird Gegengewalt solange anwenden, als er sich ihrer unerbittlichen Logik nicht bewußt geworden ist und keine Alternative gefunden hat.

Aber, und das soll mit Dom Helder Camara klar ausgesprochen sein: Wer Gegengewalt übt, bleibt in der Spirale der Gewalt gefangen; er durchbricht nicht das System der Gewalt, das die Welt beherrscht, sondern nährt es und eskaliert es in sich und im Befreiungskampf; er pflanzt es in die neue Situation in neuer Gestalt ein. Verwerfliche Mittel höhlen das gute Ziel von innen her aus und können es nur im begrenzten Maße verwirklichen.

Die Gegengewalt bringt das christliche Konzept der Konfliktaustragung nicht zur Entfaltung. Sie bringt die in der großen Linie der Verkündigung Jesu Christi und in seinem Leben und Tod aufgezeichnete Alternative der Gewaltlosigkeit als revolutionäre und zugleich Gerechtigkeit und Frieden schaffende Kraft in die Geschichte nicht ein."

Hildegard Goss-Mayr: Gewaltlosigkeit: Befreiende Kraft der Schwachen. In: Publik Forum, Nr. 4, 23. Februar 1979, S. 5, Auszug.

 

Günther Gugel: Wir werden nicht weichen. Erfahrungen mit Gewaltfreiheit. Eine praxisorientierte Einführung. Tübingen 1996, S. 157-172.

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