Home / Themen / Zivilcourage / Anfragen, Probl... / Prinzipielle An... / Was ist Gerechtigkeit?
Gerade ziviler Ungehorsam, also das bewußte Übertreten bestehender Gesetze, beruft sich auf ein vorstaatliches Recht, ein übergeordnetes Prinzip der Gerechtigkeit, das jenseits der von Menschen gemachten Gesetze angesiedelt ist und sich quasi als unbeugsames Gewissen im einzelnen niederschlägt (oder besser: niederschlagen kann).
Gewaltfreie Aktionen möchten gerechte Gesellschaftsstrukturen durchsetzen, benachteiligten Minderheiten helfen, den Menschenrechten Geltung verschaffen. Doch ist es immer offensichtlich, was unter Gerechtigkeit in der jeweiligen Situation zu verstehen ist, oder muß dies mit allen Betroffenen ausgehandelt werden? Was als gerecht empfunden wird, ist eine Frage der Akzeptanz von Kultur- und Rechtstraditionen, des Vertrauens in Autoritäten, der Zusammensetzung von Entscheidungsgremien und der Fairness der Entscheidungsverfahren.
So kann in Bezug auf soziale Ungleichheiten das Gerechtigkeitsempfinden z.B. durch folgende Sichtweisen bestimmt sein: "Wer eine Verteilung von Ressourcen nach Bedürftigkeit für gerecht hält, sieht die existierenden sozialen Ungleichheiten eher als ungerecht an und entwickelt deshalb Zorn oder ðexistentielleÐ Schuldgefühle. Wer eine Verteilung nach dem Leistungsprinzip für gerecht hält, sieht Ungleichheiten hier nicht als ungerecht, sondern als selbstverschuldet an und tendiert dazu, die eigene bessere Lebenslage als verdient zu rechtfertigen."
Leo Montada in einem Gespräch mit Ursula Nuber. In: Psychologie Heute, 11/1995, S. 31.