Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Von Personen lernen oder Personifizierung der Geschichte?

Bei Beschreibungen historischer Aktionen ist immer wieder festzustellen, daß prominente Einzelpersonen in den Mittelpunkt gerückt werden und die vielen anderen Beteiligten kaum zur Sprache kommen, geschweige denn in ihrer Leistung und ihrem Einsatz gewürdigt werden. Diese Tendenz, Identifikationsmöglichkeiten zu schaffen, ist zwar verständlich, würdigt jedoch die notwendigen Voraussetzungen sowie die Basis von Aktionen zu wenig.

Andererseits ist es auch unbezweifelbar, daß im Sinne eines biographischen Lernens gerade auch die Auseinandersetzung mit herausragenden Persönlichkeiten vielfältige Lernchancen bietet.

An Gandhi überzeugt mich vieles

"An Gandhi überzeugt mich vieles, ja das meiste:

Ich muß mich geradezu anstrengen, etwas zu finden, das mir nicht einleuchtet, so z.B. seine Ablehnung der Kuhmilch sowie manche diätetischen und medizinischen Experimente. Doch wäre Gandhi wohl der Letzte gewesen, derartige Skurriliäten zur allgemeinen Lebensregel zu erheben."

Wolfgand Sternstein: An Gandhi überzeugt mich vieles. In: Graswurzelrevolution, Nr. 80, S. 12.

Vorsicht vor einer Personifizierung der Geschichte

"Mit Vorbildern habe ich immer Schwierigkeiten. Ich vermute, die Nachteile einer Orientierung an Vorbildern überwiegen letztlich sogar die möglichen Gewinne. Die größten Probleme liegen in der Personifizierung von Geschichte und in der Übertragung von 'Lehren und Methoden' in andere Gesellschaften und auf andere geschichtliche Abläufe. Die charismatische Verehrung Gandhis (...) beruht wesentlich auf dieser Personifizierung von Geschichte und ist letztlich Ausdruck eines autoritären Denkens. (...)

Wir wissen heute von mehreren Faktoren, die den Rückzug der Engländer aus Indien befördert haben. Das Ende des Kolonialismus nach dem 2. Weltkrieg, begründet in seiner ökonomisch-politischen Ineffizienz gegenüber den neuen kapitalistischen Beziehungsstrukturen zur '3. Welt', hat dem organisierten Befreiungskampf der Inder eine entscheidende Erfolgsbedingung verschafft. Trotzdem werden Faktoren dieser Art von naiven Gandhi-Anhängern beständig übersehen und alle Erfolge der "Größe" Gandhis zugeschrieben. (...)

Andererseits wäre selbst bei einem wahrheitsgemäßen Umgang mit den Erfahrungen des indischen Befreiungskampfes und speziell der gewaltfreien Handlungsformen zu überprüfen, inwieweit manche 'Methoden' nur durch die spezielle Kultur der Inder und Engländer oder das spezifische Verständnis von Gewaltfreiheit nur auf dem Hintergrund religiöser Orientierungen 'praktikabel' waren.

Es ist überhaupt vor allem der religiöse und ideologische Ballast, der der Gewaltfreiheit anhängt (oder angehängt wird), der einer fruchtbaren Verwendung der Erfahrungen im Wege steht. Gandhi selbst hat sich m.E. einigen Illusionen über das ðGewissenÐ der Gegner hingegeben und durch ein metaphysisches 'Wahrheits-'verständnis die Leidensideologien befördert, deren Abschaffung erst wirkliche Befreiung ermöglicht. Es war aber weniger die religiöse als die tatsächlich ausgeübte gesellschaftliche Praxis, der Druck durch breite und organisierte Verweigerungshandlungen, soziale Interventionen und (versuchte) ökonomisch-politische 'Gegengesellschaft', welche die Erfolge des indischen Befreiungskampfes ausmachten. (...)

Es wird leicht übersehen, was in der heutigen Situation eine bittere Wahrheit ist: daß nämlich machtvolle Aktionen einen sozialen Unterbau haben müssen, der in einer Bevölkerung vorhanden sein oder entwickelt werden muß. Diese Entwicklung dauerte in Indien Jahrzehnte. Gandhi hat die Bedeutung einer solchen breiten Widerstands- und Erneuerungskultur für das Gelingen der Befreiung erkannt und entsprechend gehandelt."

Günter Saathoff: Vorsicht vor Personifizierung der Geschichte! In: Graswurzelrevolution 80, S. 13.

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