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Im Herbst 1989 veränderte sich die politische Landschaft Osteuropas in einer atemberaubenden Geschwindigkeit. Die Öffnung der Mauer in Berlin, sowie die ersten freien Wahlen in der DDR im März 1990 waren hierfür die sichtbarsten Zeichen.
Dem war eine jahrzehntelange Arbeit oppositioneller Gruppen vorausgegangen, die dann im Jahre 1989 immer mehr Menschen einbezog. Kirchen wurden zu Treffpunkten von politischen Gruppen. Mahnwachen, Fastenaktionen, regelmäßige wöchentliche Demonstrationen, an denen zuletzt Hunderttausende teilnahmen, waren Teil dieser Bewegung.
Diese vielfältigen demokratischen Bemühungen, vor dem Hintergrund der Veränderung der politischen Großwetterlage in der ehemaligen Sowjetunion führten zu einer Demokratisierung vieler ehemals totalitärer osteuropäischer Staaten.
Mahnwache für die politischen Gefangenen in der DDR Aufruf vom 4. Oktober 1989
"In den letzten Wochen wurden in Leipzig, Potsdam und Berlin Menschen wegen ihres gesellschaftlichen Engagements und der Wahrnehmung grundlegender Menschenrechte kriminalisiert und inhaftiert.
Leipzig: Am 11. September 1989 wurden vom montäglichen Friedensgebet in der Nikolaikirche kommend 104 Personen festgenommen. Von diesen wurden über 22 mit Strafbefehlen (Geldstrafe, 1.000 bis 5.000 Mark) belegt. Mindestens 18 von ihnen sind noch als inhaftiert bekannt. (...) Von diesen sind bereits 12 per Strafbefehl, ebenfalls nach § 217 StGB (Zusammenrottung), zu Haftstrafen verurteilt. (...)
Auch am 18. September kam es zu über 46 Festnahmen, von denen noch sechs inhaftiert sein sollen. Bislang liegen noch keine Namen vor.
Am 25.9.1989 kam es zu mindestens zwölf Festnahmen, von denen sich noch Tino Karwaczky in Haft befindet.
Am 2. Oktober fand die bislang größte Demonstration statt, bei der es zu mindestens acht bekannten Festnahmen kam.
Potsdam: Am 10. September beteiligte sich die ANTIFA-Gruppe Potsdam an der offiziellen Kundgebung zum internationalen Gedenktag für die Opfer des faschistischen Terrors und Kampftag gegen Faschismus und imperialistischen Krieg. Sie versuchten, eigene Plakate zu zeigen (›Warnung! Neonazis auch in der DDR!‹, ›Nie wieder Krieg - Wehret den Anfängen!‹).
Sicherheitskräfte griffen brutal ein. Dabei wurde auch der Pädagogikstudent Matthias Schrader mißhandelt und verhöhnt. Am 13. September wurde er verhaftet.
Berlin: Seit dem 23. September befindet sich Olaf Stabs in Haft. Er ist Mitglied der Arche-Projektgruppe Ökologie/Ökonomie, die kürzlich die erste Nummer ihrer Publikation ›Standpunkt‹ veröffentlichte, bei der er als Kontaktadresse angegeben war. Am 7. Juli, bei der seit dem Wahlbetrug regelmäßig auf dem Alexanderplatz stattfindenden Demonstration, versuchte er, das Transparent ›Zu dumm zu addieren, aber ein ganzes Land regieren‹ zu zeigen. Das in diesem Zusammenhang eingeleitete Ermittlungsverfahren wurde nach drei Wochen eingestellt.
Berlin: Wie erst jetzt bekannt wurde, sind seit dem 13. Juli Torsten Röder und Henryk Schulze inhaftiert. Sie waren bereits bei der unabhängigen Demonstration am 30. Juni gegen den Staatsterror gegen die Demokratiebewegung in China festgenommen worden. Ermittlungsverfahren nach § 217, Abs. 1 (T. Röder) und § 217, Abs. 2 (H. Schulze) sind seit Mitte September abgeschlossen. Der Prozeßtermin ist noch nicht bekannt.
Wir fordern mit der Mahnwache an der Gethsemanekirche, Stargader Straße, die seit dem 2. Oktober ununterbrochen durchgeführt wird:
Die gegenwärtige innenpolitische Krise kann mit polizeistaatlichen Methoden nur verschärft und in keinem Falle gelöst werden. Auch die größte Fluchtwelle seit dem Mauerbau zeigt, daß die Abschottung eines Landes von politischen Veränderungen in Europa nicht möglich ist, denn ein Land, das sein konstruktives Potential einer starren, festgefahrenen Staatsräson opfert, verspielt die eigene Zukunft.
Täglich finden um 18.00 Uhr in der Gethsemanekirche aktuelle Informationsandachten statt.
Informationen können unter der Nummer des Berliner Kontakttelefons: 4484235, täglich ab 15.00 Uhr abgerufen und gegeben werden.
Bringt bitte Kerzen, Blumen und Nahrungsmittel, Tee und Kaffee mit.
Infos:
Fasten-Aktion (seit 4. Oktober in der Berliner Gethsemanekirche):
Ein konkretes Angebot zum gewaltfreien Widerstand:
4. Oktober 1989
Angela Kunze, z.Z. Gethsemanekirche
In der Gethsemanekirche liegt auch eine Protestresolution an den Generalstaatsanwalt zur Unterschrift aus (bisher über 3.000 Unterzeichnende).
Die Mahnwache"
Charles Schüdekopf (Hrsg.): "Wir sind das Volk!" Flugschriften, Aufrufe und Texte einer deutschen Revolution. Reinbek 1990, S. 58-61.
Günther Gugel: Wir werden nicht weichen. Erfahrungen mit Gewaltfreiheit. Eine praxisorientierte Einführung. Tübingen 1996.