Home / Themen / Zivilcourage / Aktionen / Warum ich faste (1983)
Am 6. August 1983 begannen acht Frauen und Männer aus verschiedenen Nationen mit einer zeitlich unbegrenzten Fastenaktion. Sie wollten (notfalls mit ihrem Leben) auf die Gefahren des nuklearen Wettrüstens aufmerksam machen und die Politiker mit ihrer Aktion zwingen, dieses zu beenden. Diese Aktion war in der Friedensbewegung umstritten. Nach 40 Tagen wurde sie am 15. Sept. 1983 beendet. Ein Teilnehmer begründet, warum er sich beteiligte.
"Ich habe geschrieben, Petitionen unterzeichnet, habe unterrichtet, mich an Mahnwachen beteiligt, habe organisiert, Kriegssteuern verweigert, bin marschiert und habe Waffenfabriken behindert, und nun faste ich wegen der Tiefe unserer Krise und der Kürze der Zeit, die uns noch bleibt.
Fasten vereinigt zwei der beständigen Anliegen in meinem Leben: die Frage des Hungers und die Frage des Krieges. Wenn ich die Leere meines Magens spüre, identifiziere ich mich ein wenig mit jenen Millionen Menschen, die solange fasten, wie die Reichtümer dieses üppigen Planeten durch die Reichen gehortet werden, um Kriegsmaschinen zu bauen, die dazu dienen, das zu verteidigen, was sie von den Armen gestohlen haben.
Mein Fasten erinnert dauernd an jene, die hungern, es bestärkt meine Entschlossenheit, es ist ein demütig flehendes Gebet, ein Akt der Buße, ein Plädoyer, ein Aufschrei in der Dunkelheit an meine Schwestern und Brüder.
Es macht mir keinen Spaß zu fasten, so wie dies bei anderen der Fall ist. Es ist für mich sehr schwierig. Einerseits ist meine Entscheidung zu fasten freiwillig, was mich von Millionen, die hungern, unterscheidet. Andererseits ist es aber unfreiwillig. Ich fühle mich gezwungen zu fasten, gezwungen durch meinen Glauben, daß wir auf eine Art und Weise handeln müssen, die dem Übel, dem wir gegenüberstehen, angemessen ist. Dieses Übel, mit dem wir konfrontiert sind, ist so riesig, daß wir unser ganzes Selbst darbieten müssen, um es zu stoppen.
Ich fühle mich gezwungen durch das Bild des verhungernden Kindes, durch das Bild des atomaren Holocausts, durch das Bild der Flüchtlinge von El Salvador und Beirut, durch die Bilder der hungrigen, heimatlosen Menschen in Washington D.C. und New York.
Diese Schrecken müssen enden. Bei dem Versuch, diese Schrecken zu beenden, werde ich, gemeinsam mit anderen, mein Leben in die Waagschale werfen. Und so soll es auch sein.
Denjenigen, die sagen: ›Nimm nicht die Last der ganzen Welt auf deine Schultern‹ würden wir sagen: ›Aber die Last der ganzen Welt liegt auf unseren Schultern, so wie sie auf den Schultern von uns allen lastet. Nur daß wir dies nicht annehmen.‹ Sie ist da, unerbittlich da, und sie ist nicht nur die ganze Welt, sondern sie besteht aus allen künftigen Welten, denn wir sind dabei, die Zukunft zu ermorden. Sie lastet auf unseren Schultern, ob wir es wollen oder nicht, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht.
Unser menschliches Experiment ist in seinen Kinderjahren, und wir sind dabei, einen Kindermord zu begehen, wie Jonathan Shell so lebendig beschrieben hat. Wir sind dabei, die Möglichkeit von tausend Millionen Jahren voll von Geburt und Leben, Liebe und Kunst, zu ermorden.
Ist einmal die Tür ins Schloß gefallen, so wird auf unseren Schultern die Last des riesigen Verbrechens der gesamten Geschichte und Vorgeschichte liegen.
Unsere Handlungen bei diesem Fasten für das Leben sind nicht freiwillig. Sie werden uns vorgeschrieben durch unsere einzigartige Situation und Gelegenheit, die keine vorausgegangene Generation bisher gekannt hat. Wir sind immer noch die erste atomare Generation. Wir sind Pioniere. Alle folgenden Generationen sind von unserer Antwort auf diese vorher niemals dagewesene Krise abhängig.
Wenn wir erfolgreich den Holocaust verhindern, so wird eine neue Generation kommen, die mit demselben gefährlichen Wissen leben muß, aber sie wird die zweite atomare Generation sein und kann von unserer wegbahnenden Erfahrung profitieren. Wenn wir scheitern, scheitert alles. Das ist unsere Situation: eine größere Last als sie ein früheres Volk je getragen hat. Unsere Last ist auch unsere Chance, unsere Chance, Gründer einer Zukunft zu sein, einer Lebensfolge auf diesem noch so schönen Planeten. Laßt uns diese Chance ergreifen."
Fast for Life. Rundbrief 3, 21. Juni 1983, S. 9.
Stellungnahme zum "Fasten für das Leben"
"Der Koordinationsrat der ›Föderation Gewaltfreier Aktionsgruppen‹ (FÖGA) hat am 5./6.6.1983 die Aktion und den Appell ›Fasten für das Leben‹ intensiv diskutiert. Dabei konnte keine einheitliche Haltung der FÖGA zu den Aktionen gefunden werden. Während ein Teil der Mitarbeiter/innen das ›Fasten für das Leben‹ stark kritisiert, werden andere FÖGA-Mitglieder sie aktiv durch Öffentlichkeitsarbeit und Begleitaktionen unterstützen. Der Koordinationsrat hielt dennoch eine Stellungnahme für nötig, da er sich dem radikalen gewaltlosen Engagement der Fastenden verbunden fühlt und angesichts der Gefahr für ihr Leben nicht schweigen kann.
Die wichtigsten Aspekte der Kritik waren folgende:
1. Die Aktionen appellieren letztlich doch an die Regierungen, ohne aber die Verantwortlichen konkret zu benennen. Damit wird die Entfaltung politischen Drucks stark begrenzt. Es sei daher zu befürchten, daß entweder die Aktion mit dem tragischen Tod der Teilnehmer/innen ende oder nur nichtssagende, verharmlosende good-will-Erklärungen von Regierungen bewirke.
2. Die Aktion sei politisch falsch, da die Forderungen der Fastenden verschwommen und an den Gleichgewichtsvorstellungen der Freeze-Kampagne orientiert blieben, sie enthielte keine ultimative Forderung, die dem Risiko des Todes entspräche.
3. Die Aktion sei politisch falsch, da der Zeitpunkt falsch sei - die augenblickliche politische Situation sei nicht so angespannt, daß das (an sich richtige) Kampfmittel des Fastens bis zum Tode einen Durchbruch zur Abrüstung bewirken könne. Die Zeit vom Beginn bis zum unvermeidlichen Ende des Fastens sei zu kurz und andererseits die Friedensbewegung noch zu wenig aktiviert, die Regierungen der Supermächte hätten schon ganz andere Zahlen von Menschen ihrem politischen Interesse geopfert.
4. Der Tod der Fastenden, der beim Festhalten an ihren Zielen wahrscheinlich sei, werde die Friedensbewegung entmutigen, da er bestätige, daß selbst bei einem so hohen Einsatz kein Erfolg zu erreichen sei. Andererseits werde er gewaltlose Aktionen genau als das darstellen, was Skeptiker an ihnen immer kritisierten: sie würden sinnlose Selbstaufopferung bedeuten.
5. Die Aktion übe einen sehr hohen moralischen Druck auf alle in der Friedensbewegung Aktiven aus, da die Fastenden ihr Leben riskierten, wenn nicht durch öffentlichen Druck Zugeständnisse erreicht würden.
Diesen Argumenten wurde von Befürwortern der Aktion in der FÖGA entgegengehalten:
1. Die Aktion verpflichte niemanden zur Teilnahme, die Entscheidung der Fastenden sei zu akzeptieren, ihr Recht, auch eine Beendigung ihres Lebens zu riskieren, müsse respektiert werden.
2. Angesichts des immer stärker drohenden Atomkrieges seien solche radikalen Aktionen durchaus angemessen, wer konsequent für Abrüstung kämpfe, riskiere u.U. auch sein Leben. (...)
3. Die Aktion richte sich in erster Linie an die Friedensbewegung und fordere jeden Menschen auf, den ihm größtmöglichen Einsatz an seinem Ort des Kampfes zu erbringen, sie könne damit durchaus einen Sprung nach vorne bewirken.
4. Die Forderungen der Fastenden seien bescheiden und realistisch angesichts dessen, was insgesamt wünschenswert und notwendig sei."
Stellungnahme der Föderation Gewaltfreier Aktionsgruppen. In: Fast for Life. Rundbrief 3, 21. Juni 1983, S. 7 f.
Freeze-Kampagne: Eine Abrüstungsinitiative in den 80er Jahren, mit der Forderung, zunächst die Zahl der Atomwaffen auf dem bestehenden Niveau einzufrieren.
Günther Gugel: Wir werden nicht weichen. Erfahrungen mit Gewaltfreiheit. Eine praxisorientierte Einführung. Tübingen 1996.