Home / Themen / Zivilcourage / Aktionen / Südafrika: Weiße Frauen demonstrieren vor der Polizeistation (1986)
"Hier in Johannesburg fastete Harald Winkler, 21 Jahre alt, drei Wochen lang in einer Kapelle gegen den Wehrdienst. Viele Freunde, junge und alte, haben ihn dabei begleitet.
Einmal haben sich hier in der Kapelle Mütter getroffen: Mütter, die mit ihren Familien betroffen sind vom Ausnahmezustand in den Townships, deren Kinder eingeschüchtert werden, bedroht, verfolgt, gehetzt und gejagt, gefangen und erschossen - und Mütter, deren Söhne in eben diesen Townships als Soldaten unter der allgemeinen Wehrpflicht den Kindern solches antun. In dieser bewegenden Begegnung kam die Frage auf: ›Was sollen wir tun?‹ und die Feststellung: Man sollte Solidarität zeigen mit den Menschen in den Townships, und zwar dort, wo die Gewalt geschieht, dort, wo die Kinder gefangengehalten werden.
Ich bin erst spät zu dieser Gruppe gestoßen. Jemand fragte mich: Machst du mit? Ich war nicht darauf vorbereitet. Mein Herz wehrte sich dagegen: Ich habe Angst, mir werden schnell die Knie weich. Ich habe zugesagt, habe Ja gesagt.
Nach einer vorbereitenden Zusammenkunft am Donnerstag trafen wir uns am Sonnabendmorgen, 26. Oktober, sprachen das Letzte durch. Wir hatten uns einfache hemdartige Überwürfe geschnitten und in knappen Worten darauf geschrieben, was uns wichtig ist: daß unsere Kinder sich nicht gegenseitig bekämpfen. Damit stellten wir uns vor die Polizeistation Moroka in Soweto auf - in Solidarität mit den Müttern, den Menschen in den Townships.
Wir waren drei Frauen aus Soweto und 19 aus Johannesburg. Schon wurden wir von einem Polizeioffizier aufgefordert, innerhalb von drei Minuten auseinanderzugehen. Wir blieben stehen. Als Polizisten uns in die Polizeistation nehmen wollten, setzten wir uns hin. Widerstand haben wir nicht geleistet, als wir verhaftet wurden.
Schließlich wurden wir alle in eine Zelle gesperrt, dann wieder verteilt in mehrere Zellen, in denen auch andere Frauen saßen. In der ersten Zelle gab's für uns 19 Leute vier rohe Bettstellen, drei Matratzen, etliche Wolldecken und in der Ecke ein dreckiges offenes Klo. Wir baten den Offizier um mehr Matratzen, um Wasser und um Toilettenpapier. Er antwortete daraufhin, dies sei kein 5-Sterne-Hotel.
Als spät am Abend unsere Rechtsanwältin uns die Nachricht brachte, wir würden noch in der Nacht gegen Kaution freigelassen, waren wir sehr überrascht - und froh. Das Ausfüllen der entsprechenden Formulare dauerte dann noch viele Stunden.
Ich habe dies mehr für mich als für andere aufgeschrieben, und ich zögere sehr, es weiterzugeben. Ich weiß: Unser Erleben ist nichts Besonderes, ist ein Nichts, ein Gar-Nichts gegenüber dem, was andere in den Händen der Polizei, in den Gefängnissen erleben, erleiden.
Aber ich habe in diesen Stunden einiges gelernt, was ich nicht wieder vergessen, verlernen will.
Wir Frauen, die wir da verhaftet wurden, kommen aus ganz verschiedenen Richtungen, Häusern, Traditionen, Kirchen. Wir kannten einander kaum. Wir haben alle Angst gehabt. Eine Heldin war keine von uns, und - was für ein Trost - brauchte es auch nicht zu sein.
Beim Transport ins Gefängnis kamen mir die ersten Verse aus dem Josuabuch in den Sinn. Da habe ich mir ganz fest gesagt: Wenn du im Gefängnis ankommst, ist Gott schon da. Wenn du in die Zelle geschoben wirst, wartet Christus dort schon auf dich. Ich habe es mir richtig eingeredet, eingepaukt. Ich wollte es im Sinn behalten, damit ich es nicht vergesse, wenn die Angst kommt.
Unsere Wärterin am Tage muß sehr verwundert gewesen sein über die Gruppe von gefangenen Frauen, die ihr da plötzlich zugeteilt worden war. Auf dem Weg über den Korridor hat sie schließlich Bess, eine der Ältesten unter uns, 62 Jahre alt, gefragt: ›Warum um Himmels willen seid ihr hier?‹ Und auf Bess' kurze Erklärung hat sie leise geantwortet: ›Gott segne Euch‹."
Eine Teilnehmerin an der Demonstration. In: Südafrika-Magazin, März 1986.
Günther Gugel: Wir werden nicht weichen. Erfahrungen mit Gewaltfreiheit. Eine praxisorientierte Einführung. Tübingen 1996.