Home / Themen / Zivilcourage / Aktionen / Soldatenmütter in Rußland (1995)
"Der Krieg in Tschetschenien hat vieles verändert. Gerade diese Tragödie hat die Menschen in Rußland und anderswo daran erinnert, daß Frauen eine eigene Meinung über den Krieg haben, die gehört werden muß. Als erste erhoben die Mütter russischer Soldaten ihre Stimme. Noch bevor die erstes Zinksärge mit Gefallenen in den russischen Provinzstädten und Dörfern eintrafen, ›bombardierten‹ aktive Frauen aus vielen Verbänden und organisierte Soldatenmütter das Verteidigungsministerium und die Regierung mit Petitionen und Erklärungen. Sie organisierten Protestveranstaltungen und wollten Einberufungen verhindern. Vertreterinnen des russischen ›Komitees der Soldatenmütter‹ reisten auf der Suche nach ihren Söhnen an die Kriegsschauplätze - und viele fanden die Vermißten. Mehr noch: Einige konnten ihre Kinder aus der Gefangenschaft befreien.
Vor 15 Jahren, zu Beginn des Afghanistan-Krieges, wäre eine solche Bewegung noch völlig undenkbar gewesen. Damals hatten die Mütter lediglich das ›Recht‹, stumm zu leiden und die Toten zu beweinen. Die Bewegung der Soldatenmütter, der Tausende im ganzen Land angehören, ist ein Beweis, daß sich die Gesellschaft wirklich verändert hat und eine Rückkehr zu früheren Lebensweisen ›im Zeichen der Stagnation‹ unmöglich ist.
Sajnap Gaschajewa ist eine der Frauen, die sich von Anfang an darum bemühten, zwischen russischen und tschetschenischen Frauen zu vermitteln. Die Tschetschenin, Mutter von vier Kindern, Tochter und Enkelin von Opfern des Stalinismus, lebt in Moskau und hatte nie vor, irgendwann einmal eine Frauenbewegung anzuführen. Am Vorabend des Angriffs auf Grosny reiste sie aus geschäftlichen Gründen in die Stadt. ›Niemand dachte, daß ein Krieg ausbrechen würde, alles war wie immer. Die Leute waren erstaunt, als sie im Radio hörten, daß bald Bomben fallen würden‹, sagte sie. Sajnap Gaschajewa überlebte das erste Gefecht in einem Luftschutzkeller. Als sie am nächsten Morgen herauskam und die Auswirklungen des Angriffs sah, wußte sie, daß sie den Menschen von dem Erlebten berichten mußte. Seit diesem Tag widmet sie sich nur noch einer Aufgabe: Dem Sammeln von möglichst vielen Aussagen, der präzisen Dokumentation der einzelnen Kriegsgeschehnisse und der Veröffentlichung der schrecklichen Wahrheit.
Eine der Leiterinnen des ›Rates der Mütter von Verteidigern der tschetschenischen Republik Itschkeria‹ ist Fatima Gasnewa, die sowohl in Rußland als auch in Tschetschenien mit Frauen zusammenarbeitet. ›Heute bringen sie die Mütter gegeneinander auf, das ist ein Verbrechen. Die Frauen sollen nicht an dem Gemetzel teilhaben. Unsere Aufgabe ist es, in erster Linie unseren Männern zu helfen, Menschen zu sein‹, sagt sie.
Eine wichtige gemeinsame Aktion der Frauen war der ›Marsch mütterlichen Mitgefühls‹, der am 8. März 1995 dem Internationalen Frauentag, in Moskau begann, sich durch mehrere russische Städte und Regionen zog und von der Bevölkerung Inguschetiens und Tschetscheniens überaus herzlich empfangen wurde. Die Frauen wurden eingeladen, bei Einheimischen zu übernachten; man nahm sie freundlich auf und bewirtete sie. An dem Marsch nahmen Hunderte Frauen verschiedener Nationalitäten sowie buddhistische Mönche und Vertreter anderer religiöser Vereinigungen teil. Mitte April 1995 wurde der friedliche Zug von russischen Truppen gestoppt. Nachdem die Marschierenden bedroht worden waren, wurden sie umstellt, und ein großer Teil der Frauen mußte mehrere Stunden unter den Gewehrläufen niederknien. Später wurden sie gegen ihren Willen mit Bussen aus der Republik gebracht.
Die Auflösung des Marsches entmutigte die TeilnehmerInnen jedoch nicht: Noch im Frühjahr 1995 wurde die ›Frauenvereinigung des Nordkaukasus‹ gegründet, der Frauen unterschiedlicher Nationalitäten angehören und deren Ziel es ist, die Solidarität der Frauen zu unterstützten, humanitäre Hilfe zu leisten und Informationen zur Lage in der Region zu sammeln.
›An vielen Dingen, die passiert sind, haben auch wir Schuld‹, sagt Sajnap Gaschajewa: ›Wir Frauen haben zu dem Krieg in Nagornyj-Karabach und zu dem schrecklichen Konflikt in Inguschetien geschwiegen. Es ist Zeit, daß wir verstehen, daß fremdes Unglück auch unser Unglück ist, daß es morgen auch in unser Haus kommt. Wir Frauen können keine Feinde sein. Wir haben einen gemeinsamen Feind - den Krieg.‹"
Nadeschka Aschgichina: Der Widerstand der Soldatenmütter. In: ai-journal. Magazin für Menschenrechte, Heft 3/1996, S. 6-8, Auszüge.
Günther Gugel: Wir werden nicht weichen. Erfahrungen mit Gewaltfreiheit. Eine praxisorientierte Einführung. Tübingen 1996.