Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Sieben Tage in Prag (1968)

Prag, 20. August 1968: Truppen von fünf Warschauer-Pakt-Staaten marschieren in den späten Abendstunden in die Tschechoslowakei ein. Panzer rollen in die Straßen von Prag.

Transportflugzeuge setzen Truppen ab. Die Welt hält den Atem an.
Ein Krieg in Mitteleuropa scheint unvermeidlich. Doch dann geschieht etwas Unerwartetes: Die Streitkräfte der Tschechoslowakei bleiben in den Kasernen. Statt dessen stellen sich unbewaffnete Bürger den Invasionstruppen entgegen. Das "sieben-Tage-Wunder von Prag", wie später der zivile, gewaltlose Widerstand genannt wurde, hat begonnen.
Wie kam es zu dieser Besetzung? Wie war es möglich, Widerstand ohne Waffen zu leisten? Wie sah dieser Widerstand aus?

Die Vorgeschichte
Es war der "Prager Frühling" der in den Augen der sowjetischen Machtpolitiker den Sozialismus in der CSSR bedrohte. Am 5. Januar hatte der Reformkommunist Alexander Dubcek den Stalinisten Antonin Novotny als Erster Sekretär des Zentralkomitees der KPC abgelöst, am 23. März trat Novotny auch von seinem Amt als Staatspräsident zurück. Am 30. März wurde - zum erstenmal in geheimer Wahl - der Kriegsheld Ludvik Svoboda zum Präsidenten der Republik gewählt. Am 6. April schied die Regierung Jozef Lenart aus ihrem Amt aus. Am 9. April vereidigte Svoboda den neuen Ministerpräsidenten Oldrich Cernik, einen Wirtschaftsfachmann.
Zu Svobodas ersten Amtshandlungen gehörte die Verkündung einer Teilamnestie für politische Gefangene und die Einstellung der Strafverfolgung von Emigranten und "Republikflüchtlingen". Radio Prag schätzte die Zahl der in den vorausgegangenen zwanzig Jahren aus politischen Gründen Inhaftierten auf 120.000 bis 130.000, davon seien rund 100.000 Rehabilitierungsfälle. Schon nach den ersten Versuchen der neuen Männer in Prag, sich von den stalinistischen Praktiken ihrer Vorgänger zu befreien und dem Sozialismus ein menschlicheres Gesicht zu geben, zeigte sich deutliche Nervosität in der Sowjetunion, in Polen, Ungarn und Bulgarien, vor allem aber in der DDR. Am 8. Mai 1968 berieten die Parteiführer der fünf Länder in Moskau über die neue Lage in der CSSR. Ein Propagandafeldzug gegen den neuen Prager Kurs folgte.
Dubcek war am 5. Mai wegen der Gewährung eines Kredits in Moskau. Am 17. Mai kam der sowjetische Ministerpräsident Kossygin nach Prag, reiste einen Tag später nach Karlsbad weiter, angeblich "zur Kur", die er aber plötzlich wieder abbrach. Marschall Gretschko, der sowjetische Verteidigungsminister, verhandelte in Prag über die Stationierung von Truppen der Verbündeten in der Tschechoslowakei -die bisher keine Sowjetgarnison kannte. Am 20. Juni begannen Stabsmanöver des Warschauer Paktes auf tschechoslowakischem Gebiet, die am 1. Juli beendet sein sollten. Bis Anfang August herrschte jedoch Ungewißheit über den Abzug der Manöversoldaten. Eine Kette von Pressionen Moskaus, die von militärischen Drohgebärden begleitet waren, sollte die Prager Reformer auf den dogmatischen Kurs zurückführen.
Am 28. Juni erschien das "Manifest der 2000 Worte" des parteilosen Schriftstellers Ludvik Vaculik, in dem scharfe Kritik am alten Funktionärskorps geübt und eine raschere Liberalisierung gefordert wurde. Regierung und Nationalversammlung lehnten die "politisch unverantwortlichen Appelle" des Manifestes zwar ab, doch äußerten in Unterschriftenlisten etwa 40.000 Menschen begeisterte Zustimmung. Josef Smrkovsky, Parlamentspräsident und einer der populärsten Reformpolitiker, bescheinigte den Unterzeichnern ehrenhafte Absichten, mißbilligte jedoch ihre "politische Romantik".
Und die gab es in der Tat. So forderte der Leiter der 8. ZK-Abteilung für Militär- und Sicherheitsfragen, Generalleutnant Prchlik, eine Revision des Warschauer Paktes mit der Möglichkeit, daß nicht nur die Sowjetunion, sondern auch andere Mitgliedstaaten den Oberkommandierenden stellen. In Prag lehnte ein "Klub engagierter Parteiloser" die Vorherrschaft der Kommunistischen Partei rundheraus ab. Im Fernsehen konnte ein Sozialdemokrat über die Chancen einer künftigen Koalition reden, in der die Kommunisten vielleicht in der Minderzahl sein würden. Der Primat der KPC schien gefährdet, der Weg zur bürgerlichen Demokratie westlichen Zuschnitts beschritten.
Das rief die Spitzenfunktionäre der Sowjetunion, Polens, Ungarns, Bulgariens und der DDR erneut auf den Plan. Mitte Juli traten sie zu einer zweitägigen Konferenz in Warschau zusammen. Der Brief, den sie an die "treuen Genossen" in Prag richteten, lieferte die Grundlage für das spätere militärische Eingreifen. In ungeschminkter Deutlichkeit hieß es darin:
"Seht Ihr denn diese Gefahr nicht, Genossen? (...) Seht Ihr denn nicht daß Euch die Konterrevolution eine Position nach der anderen entreißt, daß die Partei die Kontrolle über den Verlauf der Ereignisse verliert? (...) Wir können nicht damit einverstanden sein, daß feindliche Kräfte Ihr Land vom Weg des Sozialismus stoßen und die Gefahr einer Lostrennung der Tschechoslowakei von der sozialistischen Gemeinschaft heraufbeschwören. Das sind nicht mehr nur Ihre Angelegenheiten."
Doch die Regierung Dubcek wies die Anklagen zurück und bekräftigte ihre Entschlossenheit, einer freien, fortschrittlichen und sozialistischen Entfaltung zu dienen.

Der Einmarsch
In den späten Abendstunden des 20. August 1968 überschreiten Truppeneinheiten aus der Sowjetunion, der DDR, Polen, Bulgarien und Ungarn die Grenzen der verbündeten Tschechoslowakei. 650.000 Soldaten sollen die alte Ordnung wieder herstellen. Sie rechtfertigen ihre Intervention mit einem brüderlichen Hilferuf zur Zurückschlagung der Konterrevolution:
"Unsere Brüder, Tschechen und Slowaken! (...) In Beantwortung des Hilferufs führender Vertreter der Partei und des tschechoslowakischen Staates, die sich, der Sache des Sozialismus treu, an uns wandten, gaben wir unseren Streitkräften die Weisung, der Arbeiterklasse und dem gesamten tschechoslowakischen Volke die nötige Hilfe zur Verteidigung seiner sozialistischen Errungenschaften, die immer stärker durch die Ränke der heimischen und internationalen Reaktionen bedroht sind, zu gewähren. (...)"
Nach kurzer Zeit ist das Land besetzt - aber keinesfalls unter Kontrolle. Überall rührt sich der Widerstand.

Der Widerstand der Bevölkerung
Eine der ersten Widerstandshandlungen ist spontan: Als der Direktor des Zivilflughafens in Prag die Landung sowjetischer Truppentransportmaschinen bemerkt, ordnet er sofort an: "Schaltet die Energieversorgung ab, dreht alle technischen Geräte aus. Stoppt die Stromzufuhr, Wasser und Heizung. Die Dienstzeit wird heute verlängert. Jeder bleibt an seinem Arbeitsplatz und verläßt diesen unter keinen Umständen."
Drei Tage brauchen die Besatzer, bis sie die Schaltzentrale des Flughafens selbst bedienen können, und der Flugverkehr wieder funktioniert.
Eine wichtige Rolle während des Widerstandes spielt der tschechische Rundfunk: "Verehrte Hörer des Rundfunks und des Fernsehens in Böhmen und in der Slowakei! Wir sprechen zu Ihnen in einer Stunde, die für unser Land die größte Prüfung ist und gleichzeitig die größte Prüfung für jeden Bürger dieses Landes. Wir bitten Sie erneut, lassen Sie nicht zu, daß es mit den fremden Truppen zu offenen Zusammenstößen kommt. Dies würde als Provokation angesehen werden und zur Veranlassung von weiteren Eingriffen führen. Überall, wo Sie mit den Okkupationstruppen in Kontakt sind, erklären Sie ihnen, daß in diesem Land Ruhe herrschte, daß Ihr sie als Freunde betrachtet, aber daß die Ordnung in diesem Land wir selbst aufrechterhalten wollen. Hören Sie weiterhin den tschechoslowakischen Rundfunk ab, und suchen Sie die Frequenzen, auf denen noch gesendet wird."
Die Prager Bürger verteidigen das Rundfunkgebäude mit allen Mitteln: Sie bilden lebende Mauern, errichten immer wieder aufs neue Barrikaden, mutige Jugendliche versuchen, ihre Jacken vor die Sehschlitze der Panzer zu stopfen. Als Panzer die Barrikaden durchbrechen, steuern Verteidiger des Rundfunkgebäudes Lastwagen gegen sie, um ihnen erneut den Weg zu verstellen. Das Rundfunkgebäude wird dann doch besetzt. Aber die Techniker haben bereits in einem Kinosaal ein Studio errichtet. Es wird weitergesendet. Als dieses Studio auch besetzt wird, sind bereits weitere Sendestudios eingerichtet worden. Der Rundfunk kann so während der ganzen Dauer des Widerstandes senden. Der Freiheitssender demonstriert die Machtlosigkeit der Besatzungstruppen und gibt der Bevölkerung ein Gefühl der Verbundenheit und Einigkeit im Widerstand.
Neben den Untergrund-Sendern gibt es eine Vielzahl von Wandzeitungen, Flugblättern, Transparenten und Parolen, die überall auftauchen.
Die Bevölkerung entzieht den Besatzern die Orientierungsmittel. Straßenschilder werden entfernt. Hausnummern, Ortskennzeichen und Tafeln an öffentlichen Gebäuden werden abgeschraubt und unkenntlich gemacht. Namensschilder an Wohnungstüren werden ausgetauscht: auf einmal heißen viele Dubcek oder Svoboda. Diese Aktion hat der Rundfunk angeregt. Die Soldaten können sich nur schwer zurechtfinden, denn die Bevölkerung verweigert die Zusammenarbeit um jeden Preis.
Menschen stellen sich den bewaffneten Truppen entgegen: "Ich habe gesehen, wie sie am Mittwoch vormittag auf dem Wenzelplatz saßen: Tausende, und von unten, vom Brückl her, kamen die Panzer, sie kamen immer näher und die Tschechen blieben sitzen, sie schwenkten Fahnen, einen Augenblick stockte mir der Atem, die Panzer waren schon ganz nahe, und kein einziger Tscheche stand auf, wirklich kein einziger. Die saßen da und riefen im Chor ›Svoboda‹, ›Dubcek‹, und dann hielten die Panzer an, keine drei Meter von der ersten Reihe der Sitzenden entfernt, aus den Luken schauten Russen heraus, du hättest ihre Gesichter sehen sollen, sie waren so grenzenlos erstaunt, das war ein einmaliger Anblick."
Die Bevölkerung stoppt nicht nur Panzer, sie sucht auch den direkten Kontakt zu den Soldaten. Sie will sie von ihrem Unrecht überzeugen und ihnen sagen, "Keiner hat Euch um Hilfe gerufen". Überall, wo Panzer und Transporter halten, werden sie von Menschentrauben umringt. Die Bevölkerung versucht, den Soldaten den wahren Stand der Dinge klar zu machen.
Überall, auf Schaufenstern und Hausmauern, auf Lokomotiven und Waggons, auf Personenautos und Lastwagen, auf Straßen und Telefonzellen werden Zeichnungen, Karikaturen und Parolen angebracht, die den Soldaten zeigen, wie unerwünscht sie sind: "Ignoriert die Okkupanten! Gebt ihnen nicht zu essen, eßt lieber alles selbst auf!" "Sowjetischer Zirkus wieder in Prag. Nicht füttern, nicht reizen." "Sozialismus ja, Okkupation Nein!"
Direkt aus Prag schildert Heinrich Böll die Lage der russischen Soldaten: "Es war wirklich eine hoffnungslose Situation für diese armen Jungs. Sie waren vollkommen verzweifelt, manche auch einfach erstarrt und ganz stur. Man muß sich diese zermürbende Situation vorstellen: zwei, drei Tage hintereinander mitten in Prag - in einer fremden Stadt - von Tausenden von Leuten umgeben, auf vollkommene Ablehnung zu stoßen, ganz isoliert zu sein, das war ein furchtbarer Schock für sie."
Niemand fällt den Soldaten in die Arme, niemand heißt sie willkommen. Sie treffen nur Menschen, die staunen, weinen, drohen, argumentieren und protestieren.
Und ihre Argumente sind sozialistische Argumente - und gerade das gibt ihnen ihre Treffsicherheit, ihre Schärfe, ihre Leidenschaftlichkeit.
Bereits am 3. Tag der Besetzung muß deshalb ein Großteil der stationierten Truppen abgezogen und durch neue Kräfte ersetzt werden. Die neuen Kräfte sind entweder besser geschult, oder sie erhalten einfach Diskussionsverbot. Die Bevölkerung gibt daraufhin die Parole aus: "Ignoriert die Okkupanten".
Im ganzen Land wird ein Generalstreik ausgerufen. Doch um die eigene Produktion nicht lahmzulegen, wird er auf 1 Stunde begrenzt. Er ist ein symbolischer Akt der Solidarität und des Widerstandes.
Um Produktionsausfälle auszugleichen, wird zu einer freiwilligen Sonderschicht in den Fabriken - der Dubcek-Schicht - aufgerufen.

Der Widerstand der Regierung
Sofort nach der Besetzung werden Dubcek und andere Regierungsmitglieder verhaftet und in die Sowjetunion transportiert. Die Sowjetunion versucht, eine eigene Regierung einzusetzen und die Bevölkerung von ihrer Regierung zu spalten. Diese Versuche scheitern. Bevölkerung und Regierungsmitglieder sind sich einig. Sie wollen nicht mit den Besatzern zusammenarbeiten.
Um die Funktionsfähigkeit von Parteikongreß und Regierung zu demonstrieren, wird der 14. außerordentliche Parteikongreß einberufen. An drei verschiedenen Orten finden gleichzeitig Scheinverhandlungen statt, um die Besetzer irrezuführen. Nahezu alle gewählten Delegierten können so an dem Kongreß teilnehmen. Der Parteitag fordert ultimativ den Abzug der Besatzungstruppen und die Freilassung der gefangenen Prager Führer. Obwohl über sein Schicksal nichts bekannt ist, wird Dubcek mit überwältigender Mehrheit als Parteichef bestätigt. Fast alle gesellschaftlichen Gruppen unterstützen nach wie vor seinen Regierungskurs. In einem Aufruf der Gewerkschaftsgruppe der Polizei heißt es beispielsweise: "Der außerordentliche 14. Parteikongreß hat ein neues Zentralkomitee der kommunistischen Partei der Tschechoslowakei gewählt. (...) Wir werden uns nur von ihren Anordnungen leiten lassen. Gegen selbsternannte Beamte, die eine verräterische Tätigkeit aufnehmen, müßt ihr sofort die Haltung des passiven Widerstandes einnehmen. (...)"

Das Ende
Trotz aller Anstrengungen wird der Widerstand nach sieben Tagen eingestellt. Im Gegensatz zu anderen Widerstandsbewegungen, die zusammengebrochen sind, wird der tschechoslowakische Widerstand nicht durch das Militär gebrochen, sondern durch die eigene Regierung beendet. Das kam so:
Am dritten Tag der Besetzung fliegt Staatspräsident Svoboda in die Sowjetunion. Er hat sich entschieden, direkte Verhandlungen mit Moskau aufzunehmen - ohne Auftrag und Billigung durch die Regierung.
Die gefangengesetzten Regierungsmitglieder, darunter auch Dubcek, werden auf Bemühen Svobodas zu den Verhandlungen hinzugezogen. Isoliert von der Bevölkerung, ohne Informationen über die Geschehnisse in ihrem Land, einem gewaltigen Druck und Drohungen durch die Sowjetunion ausgesetzt, stimmen Dubcek und die anderen Regierungsmitglieder, nach viertägigen Verhandlungen, dem "Moskauer Protokoll" zu.
Zugeständnisse auf beiden Seiten - so scheint es zunächst - sind ausgehandelt worden:

Mit dem Abkommen wird also die Besetzung legalisiert und der Widerstand gebrochen.
Da die Sowjetunion ihre Zugeständnisse in den nächsten Monaten stückweise zurückzieht bzw. uminterpretiert, gleicht das Ergebnis einer Kapitulation nach einer gewonnenen Schlacht. Der Weg zurück in die Abhängigkeit Moskaus ist geebnet.
Die Bevölkerung und viele gesellschaftliche Gruppen sind mit dieser Art von "Kompromiß" nicht einverstanden. Doch sie wollen sich nicht gegen ihre Regierung stellen.
Die Einschränkungen der vor kurzem erst gewonnenen Freiheiten beginnen sehr schnell. Dubcek wird wenige Monate später entmachtet und als Botschafter in die Türkei abgeschoben. Doch auch der Protest geht weiter:
Am 16. Januar 1969 übergießt sich der Student Jan Palach, als "Fackel Nr. 1", am Wenzel-Platz mit Benzin, zündet ein Streichholz an und setzt sich selbst in Brand. Drei Tage später stirbt er in einem Prager Krankenhaus. In seiner Jackentasche findet man einen Brief, dessen Text später ins Ausland gelangt. Er lautet: "In Anbetracht der Tatsache, daß unsere Nationen am Rande der Hoffnungslosigkeit und Unterwerfung stehen, haben wir beschlossen, zu protestieren und die Bevölkerung des Landes auf folgende Weise wachzurütteln. Unsere Gruppe besteht aus Freiwilligen, die entschlossen sind, sich selbst für unsere Sache zu verbrennen. Ich habe die Ehre gehabt, das erste Los zu ziehen, und damit das Recht erworben, den ersten Brief zu schreiben und als erste Fackel vorzutreten. (...)
Unterschrift: Fackel Nr. 1."
Trotz der starken Beteiligung an Jan Palachs Beerdigung - etwa eine halbe Million Menschen kommt aus dem ganzen Land, um ihn zu ehren - ändert sich die Lage nicht wesentlich. So folgt die "Fackel Nr. 2", ein junger Mann namens Jan Zajic; er beendet sein Leben durch Selbstmord. Ihm folgt ein Dutzend oder mehr Patrioten. Die Behörden geben sich die größte Mühe, alle Nachrichten über die Kette herzzerreißender Selbstmorde zu unterdrücken.

Ein Jahr danach
Ohne Rücksicht auf die Gefahr für sich selbst bereiten sich die tschechoslowakischen Untergrundorganisationen auf den ersten Jahrestag dessen vor, was jetzt "Tag der Schande" heißt. Sie geben ein Zehn-Punkte-Programm des passiven Widerstandes heraus.
In der ganzen CSSR ist die Reaktion darauf eindrucksvoll, obgleich am Vorabend des Jahrestages Tausende von Menschen zur Vorbeugung verhaftet wurden: Die Empörung des Volkes führt am 21. August 1969 zu Zusammenstößen mit den Besatzungstruppen, besonders in der mährischen Hauptstadt Brno (Brünn); viele Menschen werden getötet und verletzt.
Nochmals demonstrieren Tausende ihren Widerstandswillen. Doch die Demonstrationen sind diesmal von Trauer und Resignation gezeichnet. Dann rollen wieder Panzer gegen die Demonstranten. Diesmal sind es tschechische. Der Prager Winter ist endgültig hereingebrochen.

Vgl. Günther Gugel: Menschen gegen Panzer. München 1979. Textheft zur gleichnamigen Tonbildserie.

Günther Gugel: Wir werden nicht weichen. Erfahrungen mit Gewaltfreiheit. Eine praxisorientierte Einführung. Tübingen 1996.

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