Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Das "Neighbourhood Safety-Program" in den USA (1990)

Überfalle waren in West Philadelphia, wie auch in vielen anderen amerikanischen Städten an der Tagesordnung. Eine Reihe von Leuten begnügte sich jedoch nicht damit die Polizei zu rufen, sie entwickelten ein eigenes System nachbarschaftlicher Hilfe.

"Was also tun in Bezug auf die Kriminalität? Es war uns klar, daß wir nicht traditionelle ›Community-Organizer‹ im Sinne eines Technikers, der an anderer Leute Problemen arbeitet, sein würden. Statt dessen wollten wir an Problemen arbeiten, die unsere eigenen Probleme, aber auch die unserer NachbarInnen waren. Zum Beispiel gründeten wir eine Lebensmittelkooperative, die uns und anderen nützen sollte und uns einen Platz bot, an dem wir uns treffen konnten. Das gleiche mit ›Safety‹. Wir schufen die ›Block Association of West Philadelphia‹. Die Organisationseinheit waren jeweils die Häuser, die auf beiden Seiten einer Straße zueinander gerichtet sind.
Nun, tatsächlich ist es so entstanden, daß die NachbarInnen sich so aufgebracht fühlten, daß sie begannen, sich in ihren Wohnzimmern zu treffen und zu sagen: ›Was sollen wir unternehmen? Wie wär's damit, wenn wir den Bürgermeister anrufen würden, um mehr Polizei zu unserem Schutz zu bekommen?‹ Und es war unsere politische Analyse, daß der damalige Bürgermeister so eine Art Faschist war - sein Name war Rizzo und er war zuvor Polizeichef gewesen. (...)
Also überlegten wir uns, daß es schrecklich wäre, mehr politischen Druck für die Polizei zu schaffen - es hätte ihm in die Hände gespielt. Deshalb gingen wir zu diesen Treffen und sagten: ›Gut, ihr wollt mehr Polizei, aber erreicht ihr damit, was ihr wollt? Gibt es nicht Dinge, die wir für uns selbst tun können, die effektiver wären? Wie wäre es denn hier mit etwas Selbstvertrauen?‹ Und indem wir mit den Leuten gemeinsam nachdachten und Ideen einbrachten, entstand die Idee dieser ›Block Association‹ (Straßenzug-Vereinigung). Die Ideen, daß wir die Straßenzüge (›blocks‹) in der ganzen Gegend organisieren sollten und jeder Straßenzug eine(n) Straßenzug-Verantwortliche(n) (›block-captain‹!) haben sollte, der die Menschen zusammenbringen soll, z.B. zum gemeinsamen Kaffee oder sowas - damit sie sich kennenlernen. Denn es war damals inzwischen so weit, daß sich viele Leute aus Angst überhaupt nicht mehr hinaustrauten, um einander zu treffen. Und das ist natürlich etwas, was auch die Sicherheit des Wohngebiets betrifft, denn wenn du nicht weißt, wer in deine Straße gehört und wer nicht, dann kann alles mögliche passieren. Einer der traditionellen Wege, wie Gemeinschaften sicher bleiben, ist, daß sie wissen, wenn jemand im Wohngebiet fremd ist und daß sie herausfinden, was der bzw. die Unbekannte dort tut.
Das war also die große Sache: Menschen miteinander bekannt zu machen und Abmachungen zu treffen. Wir brachten die Leute dazu, daß sie miteinander vereinbarten, ihre Verandalichter vor dem Haus anzulassen und hinter dem Haus Lichter zu installieren.
Eine weitere wichtige Abmachung war, daß die Leute (in der Nachbarschaft) Luftdrucksirenen bei sich trugen, die einen ungeheuren Lärm machen, wenn man sie drückt. Wenn nun jemand im Begriff wäre, dich anzugreifen, würdest du dieses Signalhorn sehr laut betätigen. Und die Abmachung war, daß jeder (in der Nachbarschaft) selbst auch so eine Sirene neben der Eingangstür hatte, und - wenn du hörtest, daß sich so etwas (ein Überfall, d.V.) draußen auf der Straße ereignete - zur Tür ranntest, deine Sirene schnapptest und in diese Richtung ranntest, wobei du deine Sirene ertönen ließest. Und das funktionierte wieder und wieder und wieder. Ich bin mitten in der Nacht rausgerannt und ich glaube, die meisten Leute taten dies im einen oder anderen Fall. Die Leute kamen einfach und die angreifende Person rannte weg, wenn sie mehrere dieser Sirenen aus ein paar Richtungen auf sich zudröhnen hörte. Niemand blieb jemals, um seinen Überfall oder seine Vergewaltigung oder was auch immer durchzuführen, niemand blieb jemals und tat es. Sobald diese Sirenen losgingen, rannten sie. Und wir haben den Leuten immer wieder eingeschärft, verlaßt euch nicht nur aufs Schreien. Natürlich ist es besser zu schreien, wenn man sonst nichts hat. Aber denkt daran, diese Sirenen bei euch zu tragen.
Wir bildeten auch gewaltfreie Fuß-Streifen. Paare von Leuten, Partner(innen), die während der Verbrechens-Spitzenzeiten durch die Nachbarschaft liefen, herumliefen, herumliefen. Das ermutigte andere Leute, ebenfalls auf der Straße zu sein, denn eine verlassene Straße ist eine gefährliche Straße. Wir wollten, daß Leute draußen sind und auch, daß sie Fremden begegneten. Es war nie eine boshafte Konfrontation, sondern immer ›Hallo, netter Abend, wie geht's, was führt Sie her?‹, oder etwas in der Art. Aber genug, daß jeder, der aus einem anderen Wohngebiet kam und Schaden anrichten wollte, erkannte, daß er beobachtet wurde. (...)
Im Normalfall waren es pro Abend nur zwei Paare aus dem gesamten Wohngebiet. Wir organisierten 20 oder 30 Straßenzüge. (...) Was als Ergebnis dieser Sache passierte, war, daß wir die Verbrechensrate senkten, und sobald die Verbrechensrate niedrig war, fürchteten sich die Leute nicht mehr. Und als sich die Leute nicht mehr fürchteten, boten sie sich nicht mehr freiwillig an, und wir konnten die Fußstreifen nicht mehr machen."

George Lakey in einem Interview mit Uwe Painke. In: Detlef Beck / Barbara Müller / Uwe Painke: Man kann ja doch was tun! Gewaltfreie Nachbarschaftshilfe - kreatives Eingreifen in Gewaltsituationen und gemeinschaftliche Prävention fremdenfeindlicher Übergriffe. Minden 1994, S. 27 ff., Auszüge.

George Lakey hat die Entwicklung gewaltfreier Trainings in den USA wesentlich mitgeprägt. Er entwickelte außerdem das Neighbourhood Safety Konzept der Gruppe "Movement for a New Society".

Günther Gugel: Wir werden nicht weichen. Erfahrungen mit Gewaltfreiheit. Eine praxisorientierte Einführung. Tübingen 1996.

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