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Mir Sada - die Geschichte einer mißlungenen gewaltfreien Intervention in Bosnien (1993)

"Ungefähr dreitausend Menschen aus Italien, Frankreich, den USA, Mexiko, Japan, Deutschland, England, Belgien, den Niederlanden, Polen, Griechenland, Schweden, Norwegen und der Tschechischen Republik trafen in der ersten Augustwoche 1993 in der kroatischen Küstenstadt Split ein. Sie waren einem Aufruf gefolgt, nach Sarajevo zu fahren, um den Krieg in Bosnien zu stoppen. ›Mir Sada - Frieden jetzt‹ hieß der Titel dieser Aktion, die von zwei Organisationen gemeinsam vorbereitet worden war: der katholischen italienischen Gruppe ›Beati i costruttori di pace‹ (›Seelig sind die Friedensstifter‹), die bereits im Dezember '92 erfolgreich eine Friedenskarawane nach Sarajevo durchgeführt hatte, und der privaten französischen Hilfsorganisation Equilibre. Beide hatten unabhängig voneinander Aktivitäten in Sarajevo geplant gehabt - Beati drei Camps in Sarajevo selbst und in je einem serbisch und kroatisch dominierten Ort in der Nähe Sarajevos und Equilibre eine Großdemonstration in Sarajevo - und dann ihre Kräfte zusammengeworfen. Wäre ›Mir Sada‹ gelungen, dann wäre sie nach dem eher symbolischen Solidaritätsbesuch in Sarajevo letzten Dezember eine der ersten direkten gewaltfreien Interventionen in einen Krieg gewesen und hätte damit auch die Debatte um Alternativen zu militärischen Einsätzen einen großen Schritt vorangebracht. Aber um es kurz zu fassen: Die Aktion scheiterte praktisch in jeder Hinsicht. Nicht nur wurde das Ziel Sarajevo nicht erreicht, sondern schon nach wenigen Tagen waren OrganisatorInnen und TeilnehmerInnen hoffnungslos gespalten. Der Rest waren vierzehn Tage Diskussionen, bis alle nervlich auf dem Zahnfleisch gingen und mit dem Gefühl nach Hause fuhren, ›so nicht wieder‹. (...)
Treffpunkt der Mir Sada-Aktion war ein Parkgelände am Rande von Split, das vom kroatischen Militär als Stützpunkt ausgebaut worden war und uns teilweise als Campingplatz überlassen wurde. Die Tatsache, daß nicht genügend Busse für alle TeilnehmerInnen vorhanden waren, sowie Berichte über heftige Kämpfe in Bosnien verzögerten die Abfahrt der ersten, am Montag angekommenen Gruppe um einen Tag. Schließlich fuhr alles, was Räder hatte, nach Prozor in Südbosnien, wo an einem malerisch gelegenen See ein neues Lager aufgeschlagen wurde. Prozor ist derzeit gewissermaßen die Türschwelle zum Kriegsgebiet. Hinter Prozor beginnen heftige Kämpfe zwischen kroatischen und bosnischen (›moslemischen‹) Truppen - von unserem Lagergelände konnten wir aus kurzer Entfernung jeden Tag einem Granatwerfer zuschauen, der in Richtung auf das von bosnischen Truppen gehaltene Gornji Vaku feuerte. Diese Kämpfe veranlaßten dann auch die Organisatoren, die Weiterfahrt Richtung Sarajevo zunächst in Frage zu stellen und dann abzusagen.

Mir Sada

"Mir Sada ist eine gewaltfreie internationale Aktion humanitärer Intervention, die die folgenden Ziele hat: Den Krieg zu stoppen, beginnend mit einem Waffenstillstand während der Mir Sada Periode; in Solidarität mit jeder Person sein, die an diesem Krieg leidet, unabhängig von seiner/ihrer Ideologie, Geschlecht, Religion oder ethnischen Ursprung; zivile Interposition gegen Gewalt darzustellen; das Zusammenleben einer multiethnischen Bevölkerung in Bosnien zu unterstützen und zu ermutigen; Verhandlungen möglich zu machen; die bewaffnete Eroberung zu überwinden und sowohl Respekt wie Sicherung der Menschenrechte unter internationalem Recht durchzusetzen."
Aus dem Aufruf zu Mir Sada

Als erste kehrte nach einem Tag Equilibre, die für die Logistik der Fahrt verantwortlich zeichneten, mit den meisten französischen TeilnehmerInnen um, uns andere, die wir den Gedanken an eine Weiterfahrt noch nicht aufgegeben hatten, als Haufen von Mördern und Selbstmördern beschimpfend. Am Abend desselben Tages - es war inzwischen Freitag - traf ein Teil der zweiten TeilnehmerInnengruppe ein - ein anderer Teil hatte sich angesichts der Sicherheitslage von vornherein für ein Bleiben in Split entschieden. Die Erleichterung über die Abreise von Equilibre - obwohl mit ihnen auch alle logistische Ausrüstung verschwunden war - machte jedoch bald der Erkenntnis Platz, daß auch Beati nur halbherzige Versuche unternahm, eine Weiterfahrt zu organisieren. Der Vorschlag mehrerer Bezugsgruppen, doch erneut (erste Kontakte hatte es gegeben) mit den kroatischen und moslemischen Befehlshabern im Gebiet zu sprechen, um sie über unsere Durchfahrt zu informieren, wurde gar nicht erst aufgegriffen. Stattdessen bekam nach zweitägigen Diskussionen der Vorschlag eine Mehrheit, zum nächstgelegenen UNPROFOR-Standort (UN-Blauhelm-Standort, d.V.) zurückzukehren, um von der UNO zu verlangen, daß sie uns irgendwie freie Durchfahrt verschaffen sollte. Dies war der Moment, wo die bis dahin oft beschworene Einheit des Projektes endgültig zerbrach: einige französische Fahrzeuge wollten sich auf den Weg nach Sarajevo machen, andere TeilnehmerInnen planten ernsthaft, dieses durch eine Sitzblockade zu verhindern, und sechs Personen aus der amerikanisch-internationalen Bezugsgruppe holten ihre Rucksäcke aus dem Bus und machten sich zu Fuß auf den Weg Richtung Sarajevo. (...)
Nach einer Nacht an dem UN-Stützpunkt gelang es den Organisatoren dann, die Gruppe mit der Information, daß am nächsten Tag möglicherweise die Straße über Mostar nach Sarajevo geöffnet werde, zur Rückkehr nach Split zu veranlassen. Nur ein Bus mit ca. sechzig Personen und zwei LKWs beschlossen zu diesem Zeitpunkt, das Projekt zu verlassen und auf eigene Faust nach Sarajevo zu fahren. Der Großteil dieser Gruppe (einige kehrten auf dem Weg um und kehrten nach Split zurück) ist im übrigen dort heil, aber nach einigen sehr gefährlichen Situationen angekommen.
Die in Split verbliebene Gruppe - und Equilibre, die doch noch nicht endgültig abgereist waren, wie sich dann herausstellte - hatten inzwischen eine Alternativaktion in Mostar geplant. Vor einer Kirche im kroatischen Teil Mostars fand eine einstündige Kundgebung statt. (...)
Mostar war die letzte gemeinsame Aktion von Mir Sada. Am nächsten Tag reiste ein Teil der TeilnehmerInnen ab, ein anderer Teil verbrachte noch weitere vier Tage, um über einen zweiten Versuch, nach Sarajevo zu fahren, nachzudenken, kapitulierte dann aber schließlich angesichts zu vieler ungelöster organisatorischer Fragen und des Widerstands der Organisatoren.

Gründe für das Scheitern

Christine Schweitzer: Mir Sada. Die Geschichte einer mißlungenen gewaltfreien Intervention in Bosnien. In: Gewaltfreie Aktion, Heft 97/98, 3. + 4. Quartal 1993, S. 25-30, Auszüge.

Günther Gugel: Wir werden nicht weichen. Erfahrungen mit Gewaltfreiheit. Eine praxisorientierte Einführung. Tübingen 1996.

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