Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Kauft keine Früchte aus Südafrika - Erfahrungen mit einer Boykott-Aktion (1981)

"Kauft keine Früchte aus Südafrika‹ stand auf dem Plakat, das ich mir als ›Sandwich-Frau‹ umgehängt hatte und damit zum ersten Mal mit einer Aktion auf der Straße stand. Ich bin Mitte vierzig. Als ich zuhause davon berichtete, reagierten meine Kinder irritiert, mein Mann meinte, solche Aktionen sollten wir den Studenten überlassen.
Ich gebe ehrlich zu, daß mir diese meine erste Straßenaktion nicht leicht gefallen ist und daß ich am Anfang auch feige war: Wenn ich spürte, jemand von den Straßenpassanten kommt auf mich zu, um mir eine Frage zu stellen, dann habe ich mich oft schnell zurückgezogen und das Gespräch anderen Frauen überlassen, von denen ich meinte: Die können das besser. Hinterher stellte sich bei unseren Gesprächen heraus, daß es eigentlich allen, die da an dem gemeinsamen Stand in der Kleinstadt vor einem Supermarkt standen, ähnlich ergangen war.
Vorangegangen waren Wochen intensiver Vorbereitung. Begonnen hatte alles mit dem Warenboykottaufruf der Evangelischen Gemeinde, die sich alle 14 Tage trifft. Unser Programm bisher sah sehr unterschiedlich aus: Wir beschäftigten uns mit Fragen der Erziehung unserer Kinder, wir halfen bei den Vorbereitungen und der Durchführung von Gemeindeveranstaltungen, machten Bibelarbeit und organisierten hin und wieder für uns einen gemeinsamen Theater- oder Konzertbesuch.
Wir einigten uns darauf, erst einmal das Informationsmaterial zu bestellen und erhielten Handzettel, kleine Broschüren und einen Boykottrundbrief Nr. 2. Fast eine Stunde beschäftigten wir uns mit dem Material, konnten uns aber nicht einigen, in welchem Rahmen wir in diese Aktion einsteigen sollten. Die meisten waren sehr zurückhaltend. Die Hauptargumente waren: ›Wir sind viel zu wenig über die Situation in Südafrika informiert‹ und ›wir können uns doch nicht hier einfach auf die Straße stellen, wo in einem kleinen Ort sich doch jeder kennt.‹
Das alles war Mitte Februar und Mitte März sollte die bundesweite Boykottaktionswoche stattfinden! Auch wenn wir uns nicht entscheiden konnten, wollten wir uns auf jeden Fall genauer informieren. Wir beschlossen, daß dazu eine Frau aus der Gruppe zu einem Vorbereitungsseminar fahren sollte, das die Frauenarbeit durchführte. Weiter bestellten wir uns vom Evangelischen Filmdienst zwei Tonbildserien, die als Arbeitshilfe im Rundbrief der Frauenarbeit angegeben waren. Je mehr wir uns mit Südafrika und dem Boykott beschäftigten, desto sicherer wurde die Mehrheit der Gruppe, sich an dieser Aktion zu beteiligen. Fünf waren nach wie vor dagegen. Um es nicht zu einem Auseinanderbrechen der Gruppe kommen zu lassen und um zu verhindern, daß diese fünf nicht mehr kommen würden, beschlossen wir dann, uns wöchentlich zu treffen, statt wie bisher vierzehntägig und an dem gewonnenen Abend ausschließlich Südafrika zu behandeln.
An einem der Abende kam plötzlich der Pfarrer der Gemeinde: Er habe gehört, daß wir uns mit Südafrika beschäftigten und auch erwägten, uns an der Aktionswoche zu beteiligen. Er möchte uns bitten, hier etwas zurückhaltend zu sein, denn der Kirchenvorstand habe in dieser Frage noch nicht entschieden. Er brachte das alles sehr freundlich und selbstverständlich vor, aber wir waren doch wie vor den Kopf geschlagen: Sollte der Kirchenvorstand darüber entscheiden, was wir machen wollen? Jetzt gerade! Natürlich wollten wir Ärger in der Gemeinde verhindern und luden erst einmal einige Kirchenvorsteher zu einem Gespräch ein. Es kamen - nur - drei, und das waren diejenigen, die der Sache positiv gegenüberstanden.
Wir entschieden gemeinsam, zunächst einen Informationsabend für die Gemeinde zu machen. Plötzlich reichte auch der eine Treffabend in der Woche nicht mehr aus und irgendwie hockten immer zwei bis drei Frauen zusammen: Da mußte ein Handzettel entworfen werden, Dia-Serien erneut bestellt, möglicherweise ein Südafrika-Kenner als Referent geworben werden und wir selbst sollten auf Fragen und Antworten auch ausreichend vorbereitet sein.
Irgendwie ›gelang‹ der Abend. Mit 50 Personen waren weit mehr gekommen als sonst zu den Gemeindeabenden. Es waren einige Gegner der Aktion da und die Diskussionen waren teilweise sehr heftig. Ungeplant sagte am Ende der Veranstaltung eine Frau aus unserer Gruppe, daß der Frauenkreis eine Straßenaktion plane und wir uns freuen würden, wenn noch ein paar Leute dazukämen. Und tatsächlich: Zwei Männer (einer aus dem Kirchenvorstand!) und drei Frauen stießen dazu, und das machte uns Mut.
In den verbleibenden zwei Wochen bis zur Boykottaktion taten wir neben den Vorbereitungen praktisch nichts anderes mehr: Wir schrieben die vorgeschlagenen Briefe an die Geschäftsführer von Ladenketten, begannen schon im Freundeskreis mit dem Sammeln von Unterschriften und nahmen Kontakte mit der Presse am Ort auf.
Zu diesem Zeitpunkt gab es die ersten Schwierigkeiten bei mir zuhause: Es war der Familie ungewohnt, daß ich soviel fort war, meinen Mann störte es, daß ich gelegentlich Dinge aus der Zeitung ausschnitt, die er noch nicht richtig gelesen hatte, und alle fanden, das Telefon würde von mir zu häufig blockiert. Sicher war ich an den Schwierigkeiten selbst nicht ganz schuldlos: Oft war ich zu müde von den vielen Diskussionen in der Gruppe und der Gemeinde und habe dann zuhause zu wenig erzählt und über die Aktion berichtet. Mir fiel aber auch auf, daß Dinge, die für die älteren Kinder und meinen Mann selbstverständlich sind, z.B. zuerst die Zeitung zu lesen oder stundenlang zu telefonieren, für mich nicht selbstverständlich waren. Meinen Mann störte auch, daß er oft nicht wußte, mit wem ich zusammen war oder mit welchen Frauen ich telefonierte. Dabei kenne ich kaum einen Berufskollegen meines Mannes. Wir haben lange miteinander geredet und ich habe versucht zu erklären, warum ich mich in dieser Aktion so engagiere und wie wichtig für mich das Zusammensein mit den Frauen ist. Die beiden älteren Kinder wollten etwas mehr lesen und überlegten, ob sie sich eventuell für ein paar Stunden mit an den Stand stellen sollten. Mein Mann dagegen meinte, er hätte gegen ein Hobby nichts einzuwenden, aber ob es gerade so etwas Politisches sein müßte? Inhaltlich kamen wir nicht voran in der Diskussion. Aber das war kein Wunder. Wann hatten wir uns zuletzt über Politik unterhalten? Auch da hat es geholfen, daß ein Teil der Frauen aus der Gruppe ähnliches berichtete und wir beschlossen, nach der Aktionswoche ein Fest zu veranstalten und dazu auch die Familien einzuladen.
Aber vorerst konnten wir uns darum noch nicht kümmern. Die Aktionswoche stand unmittelbar bevor. Wir hatten uns vorgenommen, eine Woche lang täglich vor einem Supermarkt in einer Fußgängerzone zu stehen: Jeweils von 14-18 Uhr in Schichten zu zwei Stunden mit jeweils sechs Frauen. Je zwei Frauen sollten sich auf das Sammeln von Unterschriften konzentrieren, zwei zu Gesprächen bereit sein und Materialien verkaufen. Schon das Aufstellen des Zeitplans war schwierig: Es zeigte sich, daß wir doch zu wenige waren und daß uns nun plötzlich der Mut verließ. So ergab es sich, daß am ersten Tag eigentlich alle Frauen der Gruppe am Stand waren, um zu sehen, wie es lief und sich Mut für den nächsten Tag zu machen. Es lief dann besser als erhofft. Vor allem unsere Befürchtungen, zu wenig Fachwissen über die Situation in Südafrika zu besitzen, traf nicht ein. Es zeigte sich, daß viele Straßenpassanten Informationen hatten und oft ganz spontan unterschrieben. Besonders erstaunt waren wir über die Gesprächsbereitschaft älterer Leute, die unsere Aktion meist positiv beurteilten. Schwierig wurde es meist bei den Leuten, die Verwandte in Südafrika haben und öfter dorthin fahren. Von ihnen wurde uns gesagt, wir könnten aus der Ferne die Situation eines Landes nicht beurteilen, und es sei alles nicht so schlimm, wie wir es darstellten. Oft wurde auch gesagt, wir sollten uns lieber um den Haushalt kümmern und die Politik den Männern überlassen. Wir haben dann am Stand angefangen, die einzelnen Beiträge aufzuschreiben, besonders dann, wenn sie häufig vorkamen, um uns für die nächsten Tage besser vorzubereiten.
Am ersten Abend hatten wir immerhin 26 Unterschriften. Außerdem war die regionale Zeitung dagewesen und brachte am nächsten Tag einen recht guten Bericht und ein Foto. Die Woche ging dann sehr schnell rum. Wir Frauen hatten wenig Zeit, unsere Erfahrungen auszutauschen, aber ich hatte den Eindruck, daß jede Frau länger am Stand gestanden hat, als sie es vorher geplant hatte.
Unser Gefühl nach der Woche war auf der einen Seite Freude und Erleichterung über die immerhin gut 130 Unterschriften und über die Tatsache, daß es nun einmal geschafft war. Auf der anderen Seite auch Ratlosigkeit, wie es weitergehen sollte mit unserer Gruppe und der Aktion, denn eigentlich war uns allen deutlich geworden, daß ein solcher Früchteboykott, soll er wirklich etwas verändern, nicht auf eine Woche beschränkt sein kann.
Wir haben dann erst einmal nach vierzehn Tagen das geplante Fest gefeiert, und es war ein sehr schönes Fest, und viele Familienmitglieder waren gekommen. Inzwischen schneidet sogar mein Mann Texte zum Thema aus der Zeitung aus und weist mich auf entsprechende Sendungen im Fernsehen oder Rundfunk hin, und als er das Bild unseres Standes (mit mir) in der Zeitung entdeckte, meinte er nur: ›Dir hätte ich so etwas eigentlich gar nicht zugetraut, und ich weiß bis heute nicht, ob ich mich darüber freuen sollte‹".

Aktionshandbuch Dritte Welt. 6. Aufl. Wuppertal 1982, S. 94 ff.

Boykottaktionen befragen

Zum Ziel des Boykotts

  • Was ist das Hauptziel des Boykotts?
  • Gibt es Zwischenziele? Wenn ja, welche?
  • Soll mit dem Boykottaufruf hauptsächlich auf Probleme aufmerksam gemacht werden, oder sollen die verschiedenen Ziele mit dem ausgerufenen Boykott wirklich realisiert werden?
  • Sollen die verschiedenen Ziele mit ein und derselben Boykottstrategie erreicht werden?

Zum Gegner des Boykotts

  • Wer ist der letztlich entscheidende Konfliktgegner bei den Boykottaktionen?
  • Soll durch die Boykottkampagne auch auf die politischen Instanzen, den Gesetzgeber und die Exekutive, Einfluß genommen werden? Wenn ja: In welchem Ausmaß? Und: Mit welchen Mitteln?
  • Gibt es genauere Vorstellungen darüber, welche Art(en) von Druck ausgeübt werden soll(en)?
  • In welchem Verhältnis steht der aktuell ausgerufene Boykott zu eventuell bereits laufenden Boykotts?

Zum Verlauf des Boykotts

  • In welchen Zeiträumen soll das Hauptziel, in welchen Zeiträumen sollen die Zwischenziele erreicht werden?
  • Ist an eine zeitliche Begrenzung des Boykotts gedacht?
  • Wird von seiten der BoykottorganisatorInnen die Möglichkeit in Betracht gezogen, den Boykott eskalierend aufzubauen?
  • Werden bei den Überlegungen die Auswirkungen des Boykotts auf die Konkurrenten der boykottierten Firma berücksichtigt?
  • Welche begleitenden Aktionen sollen zu welchen Zeitpunkten erfolgen?
  • Gibt es einen ungefähren Zeitplan, in dem der Boykottverlauf und mögliche begleitende Aktionen aufeinander abgestimmt sind?
  • Welche Vorstellungen bestehen zu dem Problem: Sind Verhandlungsangebote an das boykottierte Unternehmen sinnvoll? Wenn ja, zu welchem Zeitpunkt des Boykotts? Wie sollen derartige Verhandlungen ablaufen, und wie sollen sie öffentlich gemacht werden?
  • Ist an einen regional begrenzten Boykott-Probelauf, einen "Pre-Test", gedacht?

Zur Organisation des Boykotts

  • Welche Formen der Entscheidungsfindung gibt es?
  • Ist daran gedacht, die Arbeit vor Ort (der Gruppen, der Einzelnen, der Institutionen) organisatorisch zu unterstützen?

Zu den TrägerInnen des Boykotts

  • Wer sollen die primären TrägerInnen des Boykotts sein: Ist eher an Einzelaktive oder an Gruppen oder an Institutionen gedacht, die den Boykott durchführen sollen?
  • Sind "nur" bestimmte Berufsgruppen oder Personenkreise in der BRD oder weltweit aufgerufen zu boykottieren?

Zu den zu boykottierenden Gütern

  • Sind die zum Boykott ausgewählten Güter gut ausgewählt?
  • Wurden leicht zu boykottierende Güter ausgewählt? D.h. Güter, für die es gleichwertige Alternativen gibt?
  • Wird von den BoykottinitiatorInnen auf solche alternative Produkte hingewiesen?
  • Besteht Klarheit darüber, ob die vorgesehenen TrägerInnen des Boykotts zum Boykott auch wirklich in der Lage sind?
  • Wurden Güter zum Boykott ausgewählt, bei denen die OrganisatorInnen des Boykotts prüfen können, ob ihr Boykottaufruf auch tatsächlich befolgt wird?

Zur Planung des Boykotts

  • Wurde eine Marktanalyse des boykottierten Unternehmens gemacht?
  • Gibt es Vorstellungen zur Konversion der im Boykott-Erfolgsfall wegfallenden Arbeitsplätze?
  • Gibt es eine Analyse der Marktmacht der ins Auge gefaßten BoykottakteurInnen?
  • Fand eine Konfliktfeldanalyse statt, in der die strategische Macht und die Handlungsmöglichkeiten aller Konfliktbeteiligten analysiert wurden?
  • Gibt es Vorstellungen über eine Erfolgskontrolle des Boykotts?
  • Gibt es einen Erfahrungsaustausch mit anderen (alten und/oder aktuellen) Boykottinitiativen?

Uli Wohland: Zum Boykott aufrufen ist nicht schwer ... In: Graswurzelrevolution, Nr. 182, November 1993, S. 1 ff., Auszüge.

Günther Gugel: Wir werden nicht weichen. Erfahrungen mit Gewaltfreiheit. Eine praxisorientierte Einführung. Tübingen 1996.

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