Home / Themen / Zivilcourage / Aktionen / Für das Leben der Ogoni (1995)
Seit 1958 fördert Shell Erdöl in Nigeria, im Gebiet der Ogoni, im Nigerdelta. Die Lebensbedingungen der Urbevölkerung haben sich dort seither drastisch verschlechtert. Angesichts der Umweltzerstörungen, die mit der Ölförderung verbunden sind (u.a. Bau von riesigen Pipelines, Ölunfälle, Abfackeln der Gase), können viele der 500.000 Ogoni heute nicht mehr von Ackerbau und Fischfang leben.
Ende der 80er Jahre gründeten die Ureinwohner die "Bewegung für das Überleben der Ogoni" (MOSOP) die von einer breiten Mehrheit der Bevölkerung unterstützt wird. Die Ureinwohner wehren sich seit langem mit friedlichen Protestmärschen und Demonstrationen.
Ken Saro Wiwa, der Führer der MOSOP, wurde 1995 verhaftet und von einem Sondergerichtshof des Mordes angeklagt und hingerichtet. Auch die weltweiten Proteste von Menschenrechtsgruppen und Politikern konnten seine Hinrichtung nicht verhindern, obwohl offenkundig war, daß die Anklage aus politischen Gründen erfolgte und juristisch nicht haltbar war.
Ken Saro-Wiwa erzählt in seinem letzten Buch von dem Protest der Ogoni gegen Shell:
"Schon am nächsten Tag, dem 30. April (1993, d.V.) kam es zur Katastrophe. Shell war dabei, die Trans-Niger-Pipeline zu verdoppeln, die Erdöl aus fast allen Teilen des Deltas durch Ogoni-Gebiet in den Exporthafen Bonny transportiert. Sie hatten keine Studie über die Umweltverträglichkeit erstellt. Sie hatten nicht mit den Landeigentümern verhandelt, deren Grund und Boden sie verbauten oder als Zufahrt benutzten. Sie holten sich einfach Soldaten von der nigerianischen Armee, die sie schützten und Einwohner, die sich beschwerten, mit Bestechung aus dem Weg räumten. Die Soldaten hatten schon einige Ogoni-Dörfer durchquert, doch als sie nach Biara kamen, wo zwei Jahre zuvor ein Ölleck Flüsse und Land verseucht hatte, traten ihnen erboste Einwohner, meist Frauen, entgegen. Die Frauen hielten Zweige in den Händen, wie wir es ihnen geraten hatten, um zu zeigen, daß ihr Protest friedlich war. Die Soldaten schossen ihre Magazine mit scharfer Munition leer.
Elf Menschen wurden verletzt, unter ihnen auch Karalole Korgbara, eine Mutter von fünf Kindern, die eine Schußwunde am linken Arm erlitt - er mußte später amputiert werden. Wenn die Machthaber geglaubt hatten, das würde die Ogoni einschüchtern, so hatten sie sich geirrt. Am nächsten Tag strömten Tausende unbewaffneter Ogoni auf das Baugelände und stellten sich den Soldaten entgegen, damit sie ja nicht zu schießen wagten. Das war ein bißchen zuviel für die amerikanischen Ingenieure, die für die amerikanische Vertragsfirma Wilbros die Pipeline bauten; das Unternehmen zog sich anschließend vom Baugelände zurück. Allerdings erst, nachdem die Soldaten einen Mann ermordet hatten, Agbarator Otu, der in der nahe gelegenen Ortschaft Nonwa in einer Gruppe von Demonstranten war. Es blieb der MOSOP überlassen, den Toten zu begraben und die Verwundeten, einschließlich Frau Korgbara, medizinisch zu versorgen. Dieser Vorfall war für die Ogoni ein traumatisches Erlebnis, am 30. April und am Tag danach protestierten sie, indem sie in Scharen auf die Straße gingen und den Verkehr aufhielten.
Ein paar Rowdys versuchten, die Geräte der Firma Wilbros zu zerstören. Der Lenkungsausschuß der MOSOP war sehr beunruhigt über diese Entwicklung und schickte Ledum Mitee, Edward Kobani und mich auf eine Rundreise durch Ogoni, um die Menschen zu beruhigen. Da uns der Zugang zum staatlichen Rundfunk verwehrt war, schickten wir Rundbriefe an alle Dorfoberhäupter, mit dem Appell, Ruhe zu bewahren. Am folgenden Tag besuchten wir die beiden am stärksten gefährdeten Königtümer, Gokana und Tai, und die Hauptstadt Bori, wo wir vor einer großen Menschenmenge sprachen und alle aufforderten, ruhig zu bleiben und den Frieden zu wahren. Die Menschen hörten sofort auf uns, was eine große Bestätigung war. Rasch kehrte wieder Ruhe ein. Angesichts dieser Tragödie gaben einige Ogoni-Politiker und traditionelle Ogoni-Oberhäupter, Freunde von Gouverneur Ada George, eine weitere Presseerklärung heraus, die in Tageszeitungen und im Rundfunk weithin verbreitet wurde, sie übten scharfe Kritik an der MOSOP und ihren Führern wegen der Schießerei und gaben der Regierung grünes Licht, zu tun, was sie wollte, um in Ogoni wieder Ruhe und Ordnung herzustellen. (...)
Die Kosten für den Anzeigenplatz zeigten, daß die Unterzeichner dieser Erklärung von staatlichen Stellen auf Landesebene gefördert wurden, die ihnen die Leistungen der staatlichen Medien einfach kostenlos zur Verfügung stellten. Später sollte Shell diese Anzeigen in internationalen Kreisen vergeblich benutzen, um zu zeigen, daß die Arbeit der MOSOP vom Volk der Ogoni nicht getragen würde und vor allem ich nicht die Unterstützung der Ogoni hätte. Seit Shell im Februar beschlossen hatte, meine Aktivitäten genauestens im Auge zu behalten, hatte der Konzern sich tatsächlich alle Mühe gegeben, meine Bemühungen zunichte zu machen. Verlangen Sie bitte keine hieb- und stichfesten Beweise von mir. Solche Dinge werden nie schriftlich fixiert, und selbst wenn, würde keiner der Beteiligten mir die Unterlagen zugänglich machen."
Ken Saro-Wiwa: "... dann wird das Volk der Ogoni ausgerottet". Der Ölkonzern Shell und seine Politik in Nigeria. Aus dem letzten Buch des 1995 hingerichteten Bürgerrechtlers Ken Saro-Wiwa. In: Frankfurter Rundschau, 27.2.1996, S. 12.
|
Ken Saro Wiwa: Schlußwort im Prozeß (1995)
"Euer Ehren, |
Günther Gugel: Wir werden nicht weichen. Erfahrungen mit Gewaltfreiheit. Eine praxisorientierte Einführung. Tübingen 1996.