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Frauenprotest in der Rosenstraße (1943)

"Am 27. Februar 1943 erhielt die Berliner Schneiderin Charlotte Israel eine beunruhigende Nachricht. Bei ihrer Mutter in Berlin-Charlottenburg hatte ein Unbekannter angerufen und mitgeteilt, ihr Ehemann Julius, ein jüdischer Musiker und Zuschneider, sei verhaftet und in der Straßenbahn weggebracht worden.
Charlotte Israel begab sich mit ihrer Mutter auf schnellstem Weg zur Polizeiwache Grolmannstraße, wo ihr Mann morgens eine Genehmigung für Fahrten in öffentlichen Verkehrsmitteln zu dem zugewiesenen Arbeitsplatz in der Nähe des Alexanderplatzes hatte holen wollen. In der Revierwache wurden die beiden Frauen weitergeschickt: ›Gehen Sie mal zur Rosenstraße‹. Ein Wachtmeister erklärte ihnen freundlich den Weg, sie fuhren mit der S-Bahn bis zur Haltestelle Börse.
In der Rosenstraße 2-4 befanden sich, in einem wuchtigen dreistöckigen Gebäude, die Räume der ehemaligen Sozialverwaltung der Jüdischen Gemeinde. Vor dem Haus hatten sich, als die beiden Frauen eintrafen, mehr als hundert Menschen eingefunden, fast nur Frauen. Später stellte sich heraus, daß in den rund 50 Räumen des gesamten Verwaltungsgebäudes etwa 1.500 jüdische Häftlinge zusammengepfercht waren.
Einige sogenannte Ordner aus den Reihen der Gefangenen gingen ein und aus, benachrichtigten die meist männlichen Insassen vom Eintreffen ihrer Frauen und erkundeten für die Menschen draußen, ob der Ehemann oder andere Familienangehörige in dem Gebäude festsaßen. Die Frauen bedrängten den Lagerleiter namens Krell mit Forderungen, verlangten unbedingt benötigte Schlüssel oder, wie Charlotte Israel, die Kartoffelkarte ihres Mannes. Eine halbe Stunde später wurde die Karte herausgereicht, eine Bleistiftnotiz mit dem ersten Lebenszeichen auf der Rückseite: ›Ich bin gesund.‹
Die Ehefrau war erleichtert, aber keineswegs beruhigt. Seit Herbst 1942 hatten die Nazis die zuvor eher geräuschlose Deportation der Juden immer offener betrieben, hatten Straßen- und Häuserrazzien organisiert. Die meisten der über 160.000 Berliner Juden waren bereits verschwunden, bis 1941 in die Emigration getrieben und danach verschleppt.
Julius Israel gehörte zu den etwa 27.000 in Berlin, die in Rüstungsbetrieben Zwangsarbeit leisteten oder in sogenannten Mischehen mit nichtjüdischen Ehepartnern zusammenlebten. Da Israels Frau Nichtjüdin war, galt er in der Sprache der NS-Rassenideologen als ›arisch versippt‹. Er mußte das Brandmal des gelben Judensterns tragen und ebenfalls Zwangsarbeit leisten.
An diesem Tag im Februar war der Musiker von der Grolmannstraße mit vier jüdischen Frauen unter Bewachung eines Polizisten zunächst zur Synagoge in der Moabiter Levetzowstraße gebracht worden, die seit Oktober 1941 ein Deportationslager war. In der Straßenbahn hatte ihn ein Unbekannter mit einer freundlichen Bemerkung angesprochen. Dem hatte Israel einen Zettel mit der häuslichen Telefonnummer zugesteckt. Später am Tag wurde er in die Rosenstraße verlegt. Daß er aus diesem ›Auffanglager für arisch versippte Juden‹ nicht ohne Wiederkehr in den Holocaust verschwand, hatte Israel wie seine Mitgefangenen einer dramatischen Entwicklung zu verdanken, die zu den kleinen Wundern in jener Zeit der großen Schrecknisse gehörte - eine Episode von Bürgermut und Opfersinn, die später weitgehend in Vergessenheit geriet. Der Berliner Autor Gernot Jochheim hat die genauen Umstände dieses für die NS-Zeit einzigartigen Vorgangs ermittelt.
Die Situation vor dem Judenkerker in der Rosenstraße begann sich zuzuspitzen. Freunde und Verwandte belagerten die Kerkermeister. Sie leisteten passiven Widerstand, ließen sich nicht vertreiben und sorgten für so viel Aufsehen, daß das Unglaubliche geschah: Eine Woche nach Beginn der Verhaftungswelle wurden die ersten Gefangenen freigelassen, zunächst einzelne und schließlich, nach einigen Tagen, alle.
Das gleiche geschah in der Großen Hamburger Straße, in einem früheren jüdischen Altersheim mit benachbartem Schulgebäude. Auch dort hatten Angehörige die Freilassung jüdischer Häftlinge verlangt, die ohne diese Demonstration sicherlich der Deportation und Vernichtung zum Opfer gefallen wären. (...)
›Dieser spektakuläre Protest stellte im Dritten Reich die schärfste Form einer öffentlichen Auflehnung dar‹, schreibt der in Australien lehrende Historiker Konrad Kwiet: ›Der erfolgreiche Ausgang legt die Vermutung nahe, daß ähnliche Aktionen den Kurs der NS-Judenpolitik in andere Bahnen hätten lenken können.‹
Geholfen hat den aufbegehrenden Frauen sicher auch die kritische Stimmung in der Berliner Bevölkerung nach dem schweren Luftangriff vom 1. auf den 2. März. Goebbels notierte einige Tage später, am 6. März, in seinem Tagebuch: ›Gerade in diesem Augenblick hält es der SD für günstig, in der Judenevakuierung fortzufahren. Es haben sich da leider etwas unliebsame Szenen vor einem jüdischen Altersheim abgespielt, wo die Bevölkerung sich in größerer Menge ansammelte und zum Teil sogar für die Juden etwas Partei ergriff. Ich gebe dem SD den Auftrag, die Judenevakuierung nicht ausgerechnet in einer so kritischen Zeit fortzusetzen. Wir wollen uns das lieber noch einige Wochen aufsparen; dann können wir es umso gründlicher durchführen.‹
Als Stichwort ist bei Goebbels nur das frühere Altersheim in der Großen Hamburger Straße hängengeblieben, wo ebenso wie vor dem jüdischen Sozialamt in der Rosenstraße demonstriert wurde. Der Eintrag zeigt, daß die Führung in dieser Situation äußerst nervös auf den öffentlichen Protest reagierte. (...)
Die Frauen auf der Straße wichen nicht, sie wurden immer mehr. Und plötzlich wurden Rufe laut: ›Wir wollen unsere Männer wiederhaben‹, Sprechchöre flackerten auf: ›Gebt unsere Männer frei!‹
Berufstätige kamen nachmittags und abends hinzu. Durch Berlin lief ein Gerücht, mitten im Stadtzentrum gebe es eine Demonstration und Widerstand gegen die Behörden. Die ersten Neugierigen tauchten auf. Am Abend war die Situation nicht beruhigt. Die Menschen blieben über Nacht oder kamen am nächsten Tag wieder, auch am übernächsten.
Die ganze erste Märzwoche hindurch nahm der Auflauf der Protestierenden kein Ende. Die Rosenstraße war manchmal, wie Charlotte Israel beobachtete, ›schwarz‹ von Menschen. Die Schätzungen der Augenzeugen schwankten später zwischen 100, 200, 1.000, zeitweise sogar 6.000 Leuten - eine Zahl, die unter dem Eindruck der Ereignisse sicher zu hoch gegriffen war. Immerhin konnte der Straßenbahn oft nur mit Mühe eine Gasse durch die Rosenstraße gebahnt werden.
Die Menschen widersetzten sich den Machthabern mit einer geradezu selbstmörderischen Entschlossenheit. Sie waren durch ein gemeinsames Schicksal verbunden, hatten Erniedrigungen, Spießrutenlaufen in der Öffentlichkeit, Vorladungen zur Gestapo durchlitten.

Charlotte Israel hatte eine 1933 eröffnete Näherei nach einem halben Jahr wieder schließen müssen, weil sie und ihr Mann boykottiert wurden.
Andere Menschen hatten auf ähnliche Weise ihre Existenz verloren. Und das, weil sie einen Ehepartner und Kinder hatten, die den gelben Stern tragen und mit dem Schlimmsten rechnen mußten. Wenn sie sich nur scheiden ließen, hatten die Behörden gelockt, dann würden ihre Kinder schon ›arisiert‹. Aber sie waren standhaft geblieben. Nun drohte ihren Angehörigen die Deportation.
Die Sicherheitsbehörden reagierten zunächst unsicher und drohten dann mit Gewaltanwendung. Charlotte Israel schloß sich einer Gruppe von Frauen an, die 200 Meter weiter, beim ›Judenreferat‹ der Gestapo in der Burgstraße, heftig gegen die Gefangennahme ihrer Angehörigen protestierten.
Andere informierten ausländische Journalisten, Korrespondenten aus Schweden und der Schweiz, die das Geschehen aus der Nähe beobachteten.
›Es haben sich unglaubliche Szenen abgespielt‹, erinnert sich die Augenzeugin Charlotte Rosenthal: ›In meiner nächsten Nähe stand eine Frau mit ihrem Bruder, der in Uniform und gerade auf Urlaub war.‹ Auch andere Wehrmachtsangehörige waren da.
Der Bruder der anderen Frau ging plötzlich auf einen SS-Mann zu und erklärte: ›Wenn mein Schwager nicht freigelassen wird, gehe ich nicht wieder an die Front.‹ Der SS-Mann drängte den Soldaten zurück ›und drohte mit Abführung‹, so Frau Rosenthal.

Meldung der Kommandantur des Konzentrationslagers vom 8. März 1943 nach Berlin: "Transport aus Berlin, Eingang 7. März 43, Gesamtstärke 690 einschließlich 25 Schutzhäftlingen. Zum Arbeitseinsatz gelangten 153 Männer und 25 Schutzhäftlinge (Buna) und 65 Frauen. Sonderbehandelt wurden 30 Männer und 417 Frauen und Kinder."

Am 4. März, dem fünften Tag nach der ›Fabrik-Aktion‹, blickte Charlotte Israel plötzlich in ein Maschinengewehr. Die Waffen wurden hinter Sandsäcken in Stellung gebracht. Ein Teil der Menschen floh, andere drängten nach vorn. Frau Israel schickte sofort ihren gerade anwesenden Bruder zurück, der zu Hause erzählte: ›Charlotte ist jetzt bestimmt schon tot.‹
Aber sie hielt durch und berichtet heute als 80jährige: ›Nun war uns alles egal. Wir brüllten: ›Ihr Mörder! Ihr Feiglinge!‹ In der Hauptsache habe ich an meinen Mann gedacht. ›Jetzt kann ich ihn überhaupt nicht mehr retten‹, hab' ich gedacht. ›Jetzt ist alles aus.‹ Wir haben laut geschrien, wir haben gebrüllt: ›Ihr Mörder‹ !‹
›Dann geschah etwas Unerwartetes‹, beobachtete die damals 30jährige Berlinerin, ›die Maschinengewehre wurden abgeräumt. Vor dem Lager herrschte jetzt Schweigen, nur noch vereinzeltes Schluchzen war zu hören.‹ Einen Tag später wurden die ersten 25 Gefangenen, weitgehend unbemerkt, aus der Rosenstraße zum Bahnhof Putlitzstraße gebracht und nach Auschwitz deportiert.
Nach der Entlassung der ›arisch versippten‹ Juden protestierten die Ehefrauen der 25 bereits nach Auschwitz Deportierten bei der Gestapo gegen die ›ungleiche‹ Behandlung ihrer Männer. Die Behörden erklärten schließlich, die Häftlinge seien ›versehentlich evakuiert‹ worden und ließen sie aus Auschwitz zurückholen - eine kaum glaubliche Maßnahme. Doch die Verschleppten hatten schon zu viel gesehen. Die Männer waren mit KZ-Gefangenennummern tätowiert und von einem SS-Scharführer barsch instruiert worden, sie befänden sich im Vernichtungslager und hätten hart zu arbeiten. Sie kamen in Berlin nicht frei wie ihre Schicksalsgenossen, sondern wurden mit Besuchserlaubnis ihrer Ehefrauen in Lagern untergebracht.
Bei Kriegsende wurden sie aus dem ehemaligen jüdischen Krankenhaus in der Schulstraße befreit. Mehrere tausend andere Juden mit ›arischen‹ Angehörigen hielten sich bis zum Ende der Naziherrschaft, gezeichnet mit dem ›Judenstern‹, in der Reichshauptstadt auf. Julius Israel starb 1976, mit 77 Jahren in Berlin. Die meisten der 17.000 noch übriggebliebenen jüdischen Zwangsarbeiter in Berlin und im Reich überlebten die Deportation nicht.

Der Spiegel, Nr. 8/1993, S. 58-68, Auszüge.
Vgl. Gernot Jochheim: Frauenprotest in der Rosenstraße. "Gebt uns unsere Männer wieder." Berlin 1993.

Günther Gugel: Wir werden nicht weichen. Erfahrungen mit Gewaltfreiheit. Eine praxisorientierte Einführung. Tübingen 1996.

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