Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Einfach Leben - Communauté de l'Arche (1996)

Die Arche ist eine Dorfgemeinschaft, die 1944 von Lanza del Vasto, einem Gandhi-Schüler, gegründet wurde und auf einem großen Landgut in den Cevennen angesiedelt ist. Verfallene Häuser und Bauernhöfe wurden restauriert und als Wohnungen hergerichtet. Die Organisation der Arche ist auf Unabhängigkeit, auf die Verwendung einer einfachen Technologie und die weitgehende Zurücknahme der materiellen Bedürfnisse angelegt. Die Mitglieder der Arche leben direkt von "Ihrer Hände Arbeit", die Grundbedürfnisse wie Nahrungsmittel und Kleidung werden durch eigene Produktion gedeckt.

In einer Selbstdarstellung beschreiben sich die Mitglieder der Arche so:

"›Compagnons und Compagnes‹ (= die dasselbe Brot miteinander teilen) - ob verheiratet oder ledig - stellen durch Gelübde ihr Leben in den Dienst ihrer Brüder und Schwestern gemäß der Gewaltfreiheit Gandhis: durch Handarbeit, Suche nach dem inneren Selbst, Teilen im Sinne der Nächstenliebe, Einfachheit des Lebens, gewaltfreien Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit.
Im Gebiet von La Borie Noble (auf dem Zentralmassiv im Süden Frankreichs, d.V.) leben drei Gemeinschaften: La Fleyssière, Nogaret und La Borie. Dies sind drei Weiler auf dem weiten, wilden Plateau des Haut-Languedoc am Rande des Larzac. Die Erde ist steinig und wenig fruchtbar, reicht aber aus, um die etwa 150 Bewohner der Gemeinschaften samt ihren Kühen und Arbeitspferden zu ernähren.

Leben im Hier und Jetzt
Der Tagesplan ist an die Jahreszeiten, die jeweiligen Arbeiten und die verschiedenen Aufgabenbereiche angepaßt:
6.15 Körperübungen
6.30 Meditation
7.00 gemeinsames Gebet; Frühstück
8.00 Arbeit bis mittags
12.30 gemeinsames Mittagessen
14.00 Arbeit bis 18.00
19.00 Abendessen in den Familien
20.00 gemeinsames Gebet
Während der Arbeitszeit läutet die Glocke jede Stunde zum ›Rappel‹; dies ist ein kurzer Moment der Stille und Besinnung, wo jegliche Tätigkeit unterbrochen wird, um gegenwärtig zu sein im Hier und Jetzt.

Gebet und Stille
›Im Gebet ist der Schlüssel des Morgens und der Riegel des Abends.‹ (Gandhi)
›Die Stille enthält alle möglichen Worte ... Die Kommunikation erfolgt über Worte, die Kommunion in der Stille.‹ (L. del Vasto)
Die Unabhängigkeit der Arche von Kirchen und religiösen oder politischen Bewegungen erlaubt ihr, die unterschiedlichen religiösen Überzeugungen aller zu respektieren und ermutigt jeden, die je eigene Tradition zu vertiefen. Einzig der Fanatismus und das Sektierertum - ob religiös oder antireligiös - werden abgelehnt. Diese Aufgeschlossenheit ist nicht bloß Toleranz, sondern die Überzeugung, daß der Geist weht, wo Er will, und alle Menschen uns etwas lehren können über den ›Gott der Wahrheit, den die verschiedenen Menschen mit verschiedenen Namen benennen.‹ (L. del Vasto)
Freitag ist normalerweise Tag der Stille und des Fastens.

Die Arbeit
›Durch das Formen der Dinge formt der Mensch sich selbst.‹ (L. del Vasto)
Daher ist die Arbeit mit den Händen und das Erlernen eines Handwerks sehr wichtig, damit jeder direkt verantwortlich ist für die lebenswichtigen Güter wie das Brot, die Kleidung und die Wohnung.
Auf unserem Kulturland von 50 ha produzieren wir den größten Teil unserer Nahrung: Brot, Gemüse, Eier, Butter, Käse. Wir ernähren uns vegetarisch. Baugewerbe und Handwerk vervollständigen diese gandhische Wirtschaftsweise, die die Befreiung des Menschen von der Diktatur der wirtschaftlichen Systeme anstrebt. Alle Einnahmen werden gemeinsam verwaltet. Jeder gibt sein Bestes und erhält, was er benötigt.
Diese Gemeinschaft, in der Lanza del Vasto und seine Frau Chanterelle lebten, war der Ausgangspunkt für mehrere Neugründungen. Unsere Verbindungen mit der Dritten Welt sind zahlreich; Freunde aus allen Ländern der Welt besuchen uns. Die bäuerliche Lebensweise, die nicht-mechanisierte Arbeit, der Ackerbau mit Zugtieren, das weite, windige Gebiet, das lebendige Andenken an unsere Gründer und die Berufung zur gewaltlosen Ausbildung geben der Gemeinschaft ihre charakteristische Prägung.

Einfach leben
Wir sind bemüht, unsere Bedürfnisse einzuschränken, um nicht in den Kreislauf des Konsums zu geraten und an der Ausbeutung der Dritten Welt teilzunehmen.

Sich einigen
›Die Zeit um sich zu einigen ist nicht verlorene Zeit.‹ (L. del Vasto)
Alle wichtigen Entscheidungen werden gemeinsam und einstimmig von den Compagnons und Compagnes getroffen. Jede Autorität steht im Dienste der einzelnen Personen und ist dem gemeinsamen Willen unterworfen. Vermittlung und Versöhnung sind die Voraussetzungen für Gewaltfreiheit in der Gemeinschaft, der Partnerschaft und der Familie. Jeder ist verantwortlich für sein Handeln und mitverantwortlich für alle.

Ungerechtigkeit bekämpfen
Anders leben ist an sich schon eine Aktion. Aber wir sind auch solidarisch mit der gesamten Welt und mitverantwortlich für jedes an Menschen verübte Unrecht. Die Gewaltfreiheit Gandhis ist dabei eine Methode zur Bekämpfung der Ungerechtigkeit und zur Lösung von Konflikten. Seit 1956 engagiert sich die Arche in verschiedenen gewaltfreien Kämpfen: Widerstand gegen zivile und militärische Kernenergie, gegen den Algerienkrieg, die Anwendung der Folter; Hilfe für die Bauern vom Larzac, Erforschung einer gewaltfreien Volksverteidigung, Teilnahme an der Entwicklung in der Dritten Welt, Sensibilisierung der Kirche für die Gewaltfreiheit. Dabei arbeiten wir mit anderen gewaltfreien Bewegungen zusammen.

Lanza del Vasto

"Lanza del Vasto (gebürtig Jean Lanza di Trabia-Banciforte, 1901-1981) entstammte einem alten sizilianischen Adelsgeschlecht. Sein Vater war Großgrundbesitzer in Sizilien, seine Mutter stammte aus Belgien. In seiner Jugend reiste er häufig durch Europa. Er studierte Philosophie in Florenz und Pisa und schloß das Studium mit einer Doktorarbeit über die Trinität ab. (...)
Doch die große Wende seines Lebens ereignete sich 1936, als er nach Indien reiste, wo er Gandhi begegnete und dessen Schüler wurde. Nach drei Jahren kehrte er nach Frankreich zurück. Dort schuf er das Werk, das sein Ansehen begründete: ›Plerinage aux sources‹ (›Pilgerfahrt zu den Quellen‹). Von da an trägt sich Lanza mit dem Gedanken, eine Art Laienorden zu gründen, der ein radikal gelebtes Evangelium, die Doktrin der Gewaltlosigkeit und Yoga ins Leben umsetzt und lehrt. Aus verschiedenen Bemühungen um eine derartige Gemeinschaft geht schließlich 1944 die "Arche" hervor, die seit 1963 in der Boire-Noble in Südwestfrankreich angesiedelt ist. Seit der Gründung der "Arche" ist Lanza ein geistiger Missionar, der die Werte der Gewaltfreiheit durch ungezählte Vorträge und Seminare vermittelt und Gemeinschaften aufbaut (in Frankreich, Lateinamerika, Kanada), in denen das Leben aus dem Geist der Gewaltfreiheit gestaltet wird. Von der ›Arche‹ ausgehend, entwickelte er mit seinen Mitarbeitern gewaltfreie Aktionen, z.B. gegen den Krieg in Algerien (Action Civique Non-Violente), zur Unterstützung der Bauern des Larzac gegen die Militarisierung usw. Fasten, Protestmärsche, Verhaftungen zählten zu Lanzas Engagement als Friedenskämpfer."

Hildegard Goss-Mayr: Zum Tode von Lanza del Vasto. In: Rundbrief des Versöhnungsbundes, Ostern 1981.

Ganzheitlich leben
Wir bemühen uns, konsequent zu leben, damit die Wahrheit in unserem gesamten Leben zum Ausdruck kommt: in den Gebeten, der Arbeit, dem Fest, dem Familienleben, der Erziehung, der Wirtschaftsweise, der Landwirtschaft, der Medizin, der Landesverteidigung, ...

Gemeinsam feiern
›Das Fest ist die Arbeit Gottes und die Feier der Einheit‹ (L. del Vasto)
Es vereinigt uns in der Freude, dem Lobpreis und der Dankbarkeit für das, was uns gegeben ist, in der Erinnerung an die eingeschlagene Lebensrichtung, in Gesang und Tanz. Es setzt ein einziges Herz und eine einzige Seele voraus, das Teilen und die Versöhnung. Wir zelebrieren feierlich die vier Höhepunkte des Jahres mit all ihren ökumenischen und kosmischen Bedeutungen: das Johannisfest im Sommer, das Noah-Fest am Michaelistag, das Dreikönigsfest und Ostern. Aber wir nutzen noch viele Gelegenheiten, um fröhlich beisammen zu sein: Geburten, Hochzeiten, Geburtstage, beendete Arbeiten ..."

Archegemeinschaften in Frankreich
Communauté de l'Arche, La Borie Noble, 34650 Roqueredonde
Abbaye de Bonnecombe, 12120 Cassagnes-Begonhes
Les Truels, 12100 Millau
Le Grand Mouligné, 47360 Montpezat d'Agenais
La Grande Chouannière, 72810 Segrie
St. Antoine, 38160 St. Marcellin

Günther Gugel: Wir werden nicht weichen. Erfahrungen mit Gewaltfreiheit. Eine praxisorientierte Einführung. Tübingen 1996.

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