Home / Themen / Zivilcourage / Aktionen / Die Frauen von der Plaza de Mayo (1983)
Ein Mittel, um unliebsame Kritiker aus dem Wege zu schaffen, war für die argentinische Militärregierung einfach das spurlose Verschwindenlassen dieser Personen. Angehörige, vor allem Frauen und Mütter wehrten sich dagegen in aller Öffentlichkeit und gingen damit ein nicht unbeträchtliches Risiko ein. Die "Frauen von der Plaza de Mayo" haben hier eine traurige Berühmtheit erlangt.
"Maria verschwand am Morgen eines argentinischen Wintertages. Sie war damals fünfzehn Jahre alt, und man hat seitdem nie wieder etwas von ihr gehört.
Sie stammte aus einer gutbürgerlichen Familie, aus einem , wie man so sagt, ganz und gar normalen Elternhause also, in dem die Dinge ihre Ordnung hatten. Der Militärputsch, der wenige Monate zuvor das Land erschüttert hatte, rief bei Marias Eltern keine besondere Bestürzung hervor, eher ein gleichgültiges Schulterzucken und vielleicht einige vage Hoffnungen darauf, daß sich die chaotischen Verhältnisse unter der disziplinierten Hand des Militärs künftig irgendwie bessern würden.
Wie Maria darüber dachte, wissen ihre Eltern nicht genau. Sie war ein ganz normales junges Mädchen, das bisher niemals aus der Rolle gefallen war. Auch ihre Mitgliedschaft im Schülerverband, in den sie bereits mit dreizehn Jahren eingetreten war, wurde von niemandem als etwas Außergewöhnliches angesehen. Der Schülerverband spielte in den Jahren der Demokratie eine wichtige Rolle an den Schulen, etwa wie eine Gewerkschaft, und es galt beinahe schon als Selbstverständlichkeit, dort Mitglied zu sein.
Am Sonntagmorgen lag Maria noch im Bett, als zwei weiße Ford Dalcon ohne Nummernschilder vor dem Haus ihrer Eltern hielten. Ein Trupp schwerbewaffneter Soldaten stieg aus und schlug, ohne lange Umstände zu machen, die Wohnungstür ein. Ihre Eltern, die erstaunt die Treppe herunterkamen, wurden mit Gewehrkolbenschlägen an die Wand gedrängt. Die Soldaten fragten nach Maria. Zitternd vor Angst wies Rosalia ihnen den Weg, wurde aber daran gehindert, das Schlafzimmer zu betreten. Sie mußte in der Diele stehenblieben, während die Soldaten in das Zimmer ihrer Tochter einbrachen. Sie hörte Schreie und die Geräusche von Schlägen. Dann wurde es still. Die anderen Uniformierten durchsuchten solange die Wohnung, einige nutzten die Gelegenheit, um sich ein paar Wertgegenstände einzustecken. Erst nach geraumer Zeit kam Maria aus ihrem Zimmer, halbbekleidet, mit gefesselten Händen, blutend. Ein Soldat zerrte sie an den Haaren vorwärts, während ein anderer hinter ihr herging und sie mit dem Gewehrkolben antrieb. Dann verließen sie das Haus. Aus dem Fenster konnte Rosalia beobachten, daß ihrer Tochter eine Kapuze über den Kopf gezogen wurde, bevor sie in einen der wartenden Wagen einsteigen mußte.
Von diesem Tag an änderte sich schlagartig das Leben der Familie. In den ersten Stunden glaubte man noch den Versicherungen des Offiziers, daß es sich nur um eine ›Überprüfung‹ handele und Maria bald wieder zu Haus sein würde. Aber dann verrann die Zeit, und es kam kein Lebenszeichen von Maria. Die Eltern begannen, Erkundigungen einzuziehen, und erfuhren, daß Alex (Marias Freund, d.V.) ebenfalls verhaftet worden war und mit ihm noch viele andere aus Marias Freundeskreis.
Rosalia wartete bis zum nächsten Morgen auf eine Nachricht von ihrer Tochter, dann hielt sie es nicht mehr aus und versuchte, auf eigene Faust etwas über ihren Verbleib zu erfahren. Sie ging zum Militärkommando, zur Polizei, zur Kreisverwaltung und zum Gericht. Überall erhielt sie die gleiche Antwort: Nein, über die Verhaftung einer gewissen Maria soundso sei hier nichts bekannt. Überall wurde sie abgewiesen. Die Tage vergingen ohne irgendeine Nachricht von Maria.
In dieser Zeit geschah eine Verwandlung mit der Mutter. Aus der gesättigten, sorglosen, überaus gut erzogenen argentinischen Hausfrau wurde nach und nach, mit jeder geschlossenen Tür, mit jeder unverschämten oder bedrohlichen Antwort, eine Mutter, die verzweifelt um das Leben ihres Kindes zu kämpfen begann.
Langsam begann Rosalia zu verstehen, was ihrer Tochter widerfahren war. In den Gängen der Dienststellen, in den Wartezimmern der Behörden traf sie auf Frauen, die aus dem gleichen Grund auf der Suche waren, Frauen, die ihre Kinder, ihre Enkelkinder, ihre Männer oder Geschwister verloren hatten und nicht gewillt waren, den Verlust wiederspruchslos hinzunehmen. Sie erfuhr, daß sehr viele Familien ihr Schicksal teilten, daß es geheime Haftzentren gab, in denen Gefangene lebten, deren Existenz niemand zugeben wollte; sie erfuhr, daß es in den Kellern der Diktatur eine Welt gab, von der nicht gesprochen werden durfte und in der Menschen lebten, die man ›verschwundene Gefangene‹ nennt, Menschen, für die kein Recht und kein Schutz mehr galt. Sie erfuhr, daß fast alle diese Gefängnisse nichts anderes waren als Folterzentren.
Nach wenigen Wochen bekam sie die ersten Drohbriefe. Sie solle endlich das Maul halten, sonst würde sie es nie wieder aufreißen können, stand dort.
Rosalia gab keine Ruhe. Aber langsam wurde ihr klar, daß sie allein nicht viel ausrichten konnte und die Hilfe anderer brauchte. Die Gespräche mit anderen Frauen, denen sie auf ihrer ›Wanderschaft‹ - wie sie es nannte - begegnete, begannen sich darum zu drehen, wie man gemeinsam arbeiten könne. Man wog verschiedene Möglichkeiten ab. Schließlich entschied man sich dafür, eine Demonstration vor dem Regierungspalast zu wagen, vor dem Rosa Haus (dem Regierungssitz, d.V.) auf dem Palza de Mayo, dem Maiplatz mitten im Herzen der argentinischen Hauptstadt. Die Wahl des Zeitpunktes fiel auf einen Donnerstag.
Seitdem hat es keinen Donnerstag gegeben, an dem die Frauen sich nicht auf dem Maiplatz gezeigt hätten. Die ersten Demonstrationen waren sehr vorsichtig. Kleine Gruppen von Müttern gingen im Kreis -es war verboten, in Gruppen beisammen zu stehen - und trugen Schilder mit den Bildern und Daten ihrer verschwundenen Familienangehörigen. Die Reaktion der Sicherheitsbehörden ließ nicht lange auf sich warten. Es gab Verhaftungen, Schläge, Bedrohungen, und schließlich verschwanden viele dieser Mütter selbst. Aber für jede Frau, die von Polizisten oder Soldaten mitgenommen wurde, tauchten zwei oder drei weitere auf. Ausländische Beobachter begannen, auf diese merkwürdige Erscheinung aufmerksam zu werden: Frauen, die im Kreis gingen und von sich sagten, sie hätten nichts mehr zu verlieren und sie würden um den Einsatz ihres eigenen Lebens für das Leben ihrer Familienangehörigen kämpfen.
Die Frauen tragen weiße Kopftücher. Weiß, weil es die Farbe des Lebens und der Unschuld ist. Weiß, weil sie nicht nach Toten, sondern nach Lebenden suchen und weil sie wissen, daß ihre Familienangehörigen im Sinne der Menschenrechte unschuldig sind. Jede dieser Frauen hat auf ihr Kopftuch den Namen eines oder mehrerer Familienangehörigen geschrieben. Neben jedem Namen steht das Geburtsdatum und der Tag der Verhaftung, manchmal ist nicht genug Platz, um alle Namen der betroffenen Familienangehörigen zu notieren; die Kopftücher wurden zum Erkennungszeichen der Mütter.
Die Militärregierung wußte nicht, wie sie reagieren sollte, nachdem der Versuch fehlgeschlagen war, sie durch Verhaftungen einzuschüchtern, versuchte man, sie lächerlich zu machen. Das Militär sprach von den ›verrückten Weibern vom Maiplatz‹ und erklärte sie für Opfer einer kollektiven Hysterie. Dann, als sie trotzdem immer mehr wurden, suchte man nach Demütigungen, nannte sie Terroristenmütter, Huren und Vaterlandsfeinde. Sie wurden geschlagen und beschimpft, aber trotzdem fand man sie jeden Donnerstag wieder zur gleichen Stunde am gleichen Ort.
Mit der Zeit schlossen sich auch andere Menschen den Demonstrationen auf der Plaza de Mayo an. Die Frauen sahen das zunächst nicht gerne. Sie waren zwar selbst inzwischen so bekannt geworden, daß die Militärs es nicht mehr wagen konnten, sie zu verhaften oder verschwinden zu lassen, aber dieser Schutz galt noch lange nicht für andere. Jeder, der mit ihnen demonstrieren wollte, ging ein sehr hohes Risiko ein.
Trotzdem ließ sich eines Tages eine Gruppe von Studenten nicht abweisen. Natürlich war den Sicherheitsbehörden der plötzliche Zuwachs an Demonstranten nicht entgangen. Ein Kommando der Polizei griff ein und versuchte, einige der Studenten aus der Gruppe herauszuholen und mitzunehmen.
In diesem Augenblick, erzählte Rosalia später, zerbrachen die letzten Reste der Angst und der Zurückhaltung in ihr. Sie sah einen jungen Mann, den die Polizei holen wollte, und verstand, daß sie jetzt etwas tun mußte, damit es ihm nicht so erginge wie Maria und Alex und all den anderen. Sie mußte handeln, rechtzeitig, damit nicht später eine andere Mutter einen weiteren Namen auf ihrem Kopftuch eintragen würde. Rosalia rannte quer über den Platz und klammerte sich an den Studenten, der bereits von zwei Polizisten in die Mitte genommen worden war. ›Den nicht, ihr Mörder, den holt ihr nicht‹, schrie sie. Ihr Beispiel machte den anderen Frauen Mut. Plötzlich waren die völlig überraschten Polizisten von einem Haufen schreiender Frauen umgeben. An jedem der bedrohten Studenten hing auf einmal eine Traube von Frauen, die ihn vor dem Zugriff der Beamten schützten. Eine weißhaarige Dame, die sicherlich in ihrem Leben noch nie etwas Unpassendes getan hatte, schlug mit ihrem Regenschirm auf den verblüfften Einsatzleiter ein, einige Mütter traten und kratzten die Polizisten, wieder andere warfen sich auf den Boden und umklammerten die Füße der Uniformierten.
Mitten im Zentrum der Hauptstadt und mitten in einer Zeit, in der es scheinbar nichts anderes geben durfte als Gehorsam und Angst, griff eine Gruppe von Frauen mit weißen Kopftüchern die Staatsmacht an, um das Leben junger Menschen zu schützen. Vor den Augen der Passanten und fotografierender Touristen war es ein Kampf, den die Sicherheitsbehörden nicht gewinnen konnten. Die Gewalt der Militärdiktatur mußte sich zurückziehen vor einer kleinen Gruppe entschlossener Mütter. Niemand konnte verhaftet werden. Die verrückten Frauen von der Plaza de Mayo hatten ihren ersten, überwältigenden Sieg errungen."
Urs M. Fiechtner: Die Frauen von der Plaza de Mayo. In: Gisela Klemt-Kozinowski u.a.: Die Frauen von der Plaza de Mayo. Lesebuch Menschenrechte. Baden-Baden 1984, S. 20 ff., Auszüge.
Günther Gugel: Wir werden nicht weichen. Erfahrungen mit Gewaltfreiheit. Eine praxisorientierte Einführung. Tübingen 1996.