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Blockade in Mutlangen: "Ich glaube an die Gewaltlosigkeit" (1985)

Über Jahre hinweg war der schwäbische Ort Mutlangen ein Symbol des Widerstandes gegen die Stationierung atomarer Mittelstreckenraketen. In Mutlangen war eine amerikanische Raketeneinheit stationiert und hier sollten weitere Mittelstreckenraketen des Typs "Pershing II" ihren Standort finden.
Die Zufahrt zu diesem Lager wurde über mehrere Jahre hinweg regelmäßig blockiert - und von der Polizei ebenso regelmäßig geräumt. Doch es gab auch weitergehende Aktionen, so z.B. das Überwinden der Umzäunung und das Eindringen in das bewachte Gelände.

"Karfreitagmorgen, es war noch vor 7.00 Uhr, warfen wir, aus einem Waldstück kommend, alte Teppiche über die Absperrung, die NATO-Stacheldrahtrollen, und drückten sie nieder. Im Blickfeld eines GI's, der zunächst telefonierte und dann mit seinem Gewehr in der Hand an die Brüstung seines Wachturms trat, dem Wolfgang ›Don't be afraid, we are peacefull‹ zurief und der lächelnd ›I know!‹ antwortete, drangen wir etwa 50 m tief ins Außengelände ein. Wir stellten unser Kreuz direkt vor zwei Zäunen auf, zwischen denen ein Patrouillenweg verlief, gleich dahinter, im inneren (Un)-Sicherheitsbereich, ein mit Planen bedecktes kriegerisches ›long vehicle‹. Wir sangen Dorothee Sölle's ›Lied gegen die Aufrüstung‹, brachen selbstgebackenes Vollkornbrot und tranken einen Schluck schwäbischen Landwein. Leider lehnten es die hinzugekommenen GI's ebenso wie die deutschen Polizisten ab, an unserem Mahl teilzunehmen. Doch konnte ich eine Jutetasche voll Erde mitnehmen. Den größten Teil brachte ich mit zum Evangelischen Kirchentag nach Düsseldorf, wo Aktion Sühnezeichen symbolisch das Holzmodell eines Panzers der Rüstungsfirma Rheinmetall mit Erde aus solchen Orten aufwiegen ließ. Einen kleinen Beutel dieser Erde bekam Klaus Vack zum 50. Geburtstag.
Am 19.10.1985, dem 40. Jahrestag der Stuttgarter Schulderklärung des Rates der Evangelischen Kirche Deutschlands, beteiligte ich mich an einem von Werner Dierlamm initiierten Demonstrationszug von Schwäbisch Gmünd nach Mutlangen. Wir hatten abgesprochen, daß wir nach einem Gottesdienst vor dem Haupttor alle bis zur Kreuzung zurückgehen würden, um dort beide Hauptzufahrten zu sperren. Als es soweit war, sahen wir jedoch, daß mehrere Baufahrzeuge einer Gmünder Firma herausfahren wollten. Gegen unsere Vereinbarung blieben Ria und ich mit unserem ›Karfreitagskreuz‹ vor dem Haupttor stehen, unterstützt von einigen Freundinnen und Freunden. Da stieg der Geschäftsführer jener Firma, der vom Ort aus zum Tor gekommen war, aus seinem PKW und bat uns freundlich, den Weg freizugeben, seine Arbeiter wollten nach Hause. Es war Samstagnachmittag. Erregt, antwortete ich dennoch so freundlich wie möglich: er möge den Text auf Ria´s lila Kirchentagstuch ernst nehmen und zum Leben umkehren, die Zeit sei da für ein NEIN ohne jedes JA zu Massenvernichtungswaffen! Wir sprachen lange miteinander. Er wich der Frage, ob er es verantworten könne, Bauaufträge in diesem Depot ausführen zu lassen, nicht aus, glaubte, er könne sie noch bejahen. Schließlich bot er uns ein Rollenspiel an. Wir wechselten die Standpunkte. Er hielt das Kreuz, Ria und ich versuchten, mit Arbeitsplatzsicherung zu argumentieren. Nach diesem Versuch war ich noch aufgewühlter: einerseits fürchtete ich die Folgen einer dritten Festnahme in diesem Jahr, hatte vor allem Angst, ob Meta, meine ebenfalls wegen Sitzprotestes in Mutlangen vorbestrafte Frau, das noch mittragen würde, ob ich ihr das zumuten dürfte. Andererseits war ich voller Gewißheit, daß es gut war, an dieser Stelle wieder im Wege zu stehen. Als ich erklärte, nur zur Seite zu gehen, wenn er versichere, kein Fahrzeug mehr ins Depot zu schicken, nannte selbst Ria mich starrköpfig, ich ging dennoch nicht weg. Noch blieb ich kompromißlos, sagte zu meinem Kontrahenten, wenn er unsere ›Standhaftigkeit‹ nicht hinnehmen wolle, müsse er jetzt die Polizisten, die sich auffallend zurückgehalten hatten, bitten, uns festzunehmen. Daß er dies nicht tat, zeigte nicht nur, mit welcher Geduld und welchem Respekt er uns begegnete, sondern half mir schließlich, unseren Kompromiß zu akzeptieren: er sagte zu, diese Fahrzeuge würden nicht mehr ins Depot einfahren. Da die Firma über weitere Baufahrzeuge verfügte, stimmte ich nur mühsam zu, warf mir vor, aus Angst inkonsequent gewesen zu sein; gleichzeitig aber spürte ich in mir ein Stück Hoffnung: uns beiden einen Lernprozeß zuzubilligen, könnte uns beiden förderlich sein."

Heinz-Günther Lambertz: Ich glaube an die Gewaltlosigkeit. In: Friedens- und Begegnungsstätte Mutlangen e.V. (Hrsg.): Mutlanger Erfahrungen. Erinnerungen und Perspektiven. Mutlangen o.J. (1993) S. 7/8.

Günther Gugel: Wir werden nicht weichen. Erfahrungen mit Gewaltfreiheit. Eine praxisorientierte Einführung. Tübingen 1996.

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