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Blockade des Atomwaffenlagers "Golf" (1982)

Im Sommer 1982 blockierten 700 Menschen die Zufahrt zum Atomwaffenlager Golf in Großengstingen auf der Schwäbischen Alb. Acht Tage lang saßen sie Tag und Nacht auf der Straße zur Zufahrt. Die Aktion war Teil einer langfristigen gewaltfreien Kampagne, die das Ziel hatte, auf die Bedrohung durch Atomwaffen aufmerksam zu machen und gleichzeitig zu zeigen, daß diese nicht widerspruchslos hingenommen werden.

Ein Auszug aus dem Blockadetagebuch der Bezugsgruppe "Hallimasch" über den Ablauf der Blockadeschicht am Mittwoch, den 4. 8. 1982, von 6 - 12 Uhr, vermittelt einen Eindruck vom Blockadealltag.

"Die Blockadegruppen waren "Hallimasch", "Fink", "Wehrpflicht Elchwag", die Paten jeweils "Gulasch", "BG Pliezhausen" und "Nonsens".
Um 5.20 Uhr brechen wir aus dem Lager auf und erreichen die Abzweigung nach Meidelstetten um 5.40 Uhr, wo eine kurze Besprechung stattfindet mit den anderen Gruppen: Die vorgehende Schicht will als Springergruppe weiter dableiben, was schließlich abgelehnt wird.
Mit einem Spruchband "Wir lassen uns nicht zu Tode verteidigen. Hier lagert 12 mal Hiroshima." ziehen die Gruppen zum Blockadeort.
Um 6.12 Uhr setzen sich die Blockadegruppen "Hallimasch" und "Fink" auf die Straße in einer Reihe Rücken an Rücken ca. 10 m vor die Absperrung. Insgesamt sind es 19 Leute. "Wehrpflicht Elchwag" läßt sich auf dem Feldweg nieder.
Auf der Straße liegen von den bisherigen Blockadetagen bereits weitere Transparente: "Im nächsen Krieg gibt's keinen Sieg".
Es ist eine Schnur gespannt mit dem Schild: "Gewaltfreie Zone".
"Es geht uns hier nicht um eine Konfrontation mit der Polizei! Wir treten hier für das Recht auf Leben ein, das durch die beiderseitige Aufrüstung gefährdet ist. Hier sind Waffen gelagert, die für den Ernstfall bereitstehen, der nie eintreten darf. Deshalb bleiben wir sitzen!"
"Gewaltfreie Blockade des Atomwaffenlagers."
"Wir Du/Ich wollen leben."
Zwischen dem Transparent steht ein Stahlhelm mit einem eingepflanzten Baum.
Um 6.30 Uhr fährt ein Wagen innerhalb des Atomwaffenlagers die Straße herunter. Vier Soldaten zerschneiden schweigend und mit mürrischem Blick die Wolle, die um den Stacheldrahtzaun gewoben worden war.
Um 6.35 Uhr sind die letzten Mitglieder der vorherigen Blockadegruppe abgezogen, man schweigt, ein Soldatenflugblatt wird vorgelesen.
Im Weiteren bleibt alles ruhig, die Blockierenden lesen, singen; es läuft ein Gespräch von Paten und Beobachtern mit Kripobeamten und Rundfunkreportern (Point): Da seit drei Blockadeschichten keine Räumung mehr stattgefunden hat, entstehen Mutmaßungen, die Bundeswehr könnte einen anderen Eingang benutzen.
Auf der gegenüberliegenden Straße nach Meidelstetten fahren öfters Bundeswehrfahrzeuge, Jeeps, Panzer und Laster vorbei.
Um 9.00 Uhr wechseln die Blockadegruppen: "Hallimasch" mit "Gulasch" und "Fink" mit "Wehrpflicht Elchwag", auf dem Feldweg sitzt die Bezugsgruppe "Fink".
Zwei uniformierte Polizisten sprechen mit einigen von uns an der von uns gezogenen Grenze zur "gewaltfreien, antimilitaristischen Zone". Sie meinen, sie hätten sich etwas Neues überlegt.
Um 10.00 Uhr nähert sich ein Polizeibus und fährt bis zu einem Abstand von ca. 50 m rückwärts an die Blockadegruppe heran. Sechs Polizisten steigen aus und reden mit den Kripobeamten. Eine Räumung bahnt sich an!
Wenig später fährt ein Konvoi von fünf Militärlastern (Personentransportern) mit einem Jeep an der Spitze sowie drei oder vier Polizeimannschaftswagen heran. Während die Polizeifahrzeuge in einigem Abstand parken, fahren die Militärlaster und der Jeep bis dicht vor die Blockadegruppe. Soldaten öffnen die Absperrung. Es ergeht die Aufforderung der Polizei, aufzustehen und die Straße freizumachen. Zahlreiche Polizisten kommen schließlich heran und tragen die blockierenden Menschen einzeln zum Bus. Sie bilden eine Kette gegenüber den am Rande des Weges stehenden Patengruppen. Der Militärzug fährt jetzt durch. Auf jedem Laster befindet sich auch ein Soldat mit Maschinenpistole. Die Räumung ist um 10.15 Uhr abgeschlossen.
Der Bus mit den Weggetragenen fährt nun weg. Der Zaun wird wieder geschlossen. Die Polizisten gehen zurück zu ihren Bussen. Um 10.20 Uhr fahren auch die Polizeibusse weg.
Die Patengruppen "Hallimasch" und "Nonsens", die sich am Ende der Polizistenspaliers niedergelassen hatten, um die Ausfahrt des Konvois zu blockieren, begeben sich nun wieder zurück zum ursprünglichen Blockadeort, ca. 10 m vor dem Stacheldraht.
Um 10.45 Uhr treffen die zuvor abtransportierten Gruppen wieder am Blockadeort ein. Nach der Aufnahme ihrer Personalien und einem Foto waren sie an der Abzweigung Meidelstetten ausgesetzt worden.
Um 10.55 Uhr kommen Kameraleute des ZDF, die für das Heute-Journal Aufnahmen über eine Räumung machen wollen.

Während der gesamten Blockadezeit steht ein Bundeswehrwagen gegenüber in der Wiese und beobachtet und filmt.
Von 10.15 Uhr bis 11.30 Uhr bleibt es ruhig. Dann bahnt sich erneut eine Räumung an! Soldaten erscheinen und stellen sich am Stacheldraht beim Feldwegtor auf. Der Polizeibus kommt von der Straße her, während sich die Polizeimannschaftswagen gegenüber an der Einfahrt zum Feldweg zeigen. Man erwartet nun eine Räumung am Feldweg, was doch einige Unruhe in die Gruppen bringt.
Doch schließlich erweist sich alles als Täuschungsmanöver: Die Polizeifahrzeuge kommen wie zuvor zusammen mit einem Bundeswehr-Laster (offenbar ein Essens-Transporter) über die Straße heran. Der Laster fährt bis unmittelbar vor die Sitzenden. Die Polizeibusse bleiben zurück.
Um 11.45 Uhr wird unsere Bezugsgruppe zusammen mit "Fink" nach dem üblichen Ablauf geräumt. Die Personalien werden aufgenommen und Fotos gemacht. Die Leute werden mit einem Bus bis zur nächsten Abzweigung gebracht. Nachdem der Bundeswehr-Laster durchgefahren ist und die Polizisten wieder ein Spalier bilden, setzt sich die Bezugsgruppe "Gulasch" auf die Straße. Daraufhin werden auch diese erneut "abgeräumt". Als der Bus weggefahren ist, kommt es zu einer eindrucksvollen Szene: Die Stacheldrahtabsperrung bleibt geöffnet, man wartet anscheinend auf die Ausfahrt des bei der ersten Räumung eingefahrenen Konvois. Während dieser Wartezeit von einer Viertelstunde stehen zahlreiche, meist junge Polizisten in einer langen Reihe, das Gesicht uns, den noch dastehenden Beobachtern zugewandt. Die wenigen Zivilisten, die noch da sind, singen Lieder.
Um 12.00 Uhr fährt schließlich der Konvoi heraus. Die Wachablösung ist erfolgt. Gleichzeitig zum Abzug des Militärs ziehen auf dem Feldweg die nächsten Blockadegruppen heran!
Es gießt in Strömen; auch "Hallimasch" ist bald wieder am Blockadeort. Zusammen mit den nachfolgenden Gruppen wird wie üblich ein Kreis gebildet und die Blockade übergeben.

Vgl. BG Hallimasch: Ablauf einer Blockadeschicht. In: Handbuch 2. Blockade-Aktion '82. Auswertung. o.O., 1983, S. 76-79.

Bezugsgruppen: Die Blockade wurde in sogenannten Bezugsgruppen vorbereitet und durchgeführt. Dies waren Gruppen, deren TeilnehmerInnen sich schon vorher kannten und gemeinsam an einem Vorbereitungs-training teilnahmen.

Paten: Jeder Bezugsgruppe war bei dieser Aktion eine sogenannte Patengruppe zugeteilt, die die Bezugsgruppe versorgen sollte und bei einer Räumung sofort deren Platz einzunehmen hatte.

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