Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Begleitung von Flüchtlingen in El Salvador (1987)

El Salvador ist das kleinste und am dichtesten bevölkerte Land Zentralamerikas und zählt etwa 5 Millionen EinwohnerInnen. Im Gegensatz zu Guatemala macht die indianische Bevölkerung nur einen kleinen Anteil aus. Riesige Kaffeeplantagen sind in den Händen weniger Großgrundbesitzer, während ein Großteil der Bevölkerung in extremer Armut lebt. Eine starke, bewaffnete Befreiungsbewegung - die FMLN - kämpft um soziale Veränderungen und hält ganze Regionen unter Kontrolle. Aber auch viele Volksbewegungen wie Gewerkschaften, Menschenrechtsgruppen, Basisgemeinden und Bauernkooperativen treten gut organisiert auf offenem, demokratischem Weg für ihre Rechte und Anliegen ein.
Im Juni 1987 begannen Freiwillige der Peace Brigades International (PBI) auf Einladung des lutherischen Bischofs ihren Einsatz. Einmal im Land vermehrten sich schnell ihre Aufgaben. Sie sollten

Zeitweise arbeiteten bis zu zehn Freiwillige für durchschnittlich 6-12 Monate im PBI-Team mit.
Im Oktober 1987 hatten verschiedene Kirchen aus El Salvador PBI gebeten, eine aus Honduras kommende Gruppe salvadoreanischer Flüchtlinge in ihr eigenes Dorf zurückzubegleiten. Der folgender Bericht beschreibt das Unternehmen.

Die Flüchtlinge hatten lange klar manifestiert, daß sie nach El Salvador zurückkehren wollten, trotz der Tatsache, daß die Nachrichten aus der Heimat nicht gut waren. Bekannt wurden einige Fälle von Entführungen und von Verschwundenen aus Familien, die von sich aus zurückgingen. Anfang September bombardierte die Armee das Dorf Santa Maria, in das kurz zuvor einige Familien zurückgekehrt waren.
Doch die Flüchtlinge hatten einen Plan! 4.500 Menschen wollten geschlossen zurück an ihre Herkunftsorte. Der Plan der Regierung selber war, die Flüchtlinge in Gruppen von 100 Personen zurückkehren zu lassen. Auch die Orte der Ansiedlung wollten sie bestimmen, so daß alles gut kontrollierbar sein würde. Aus vergangenen Erfahrungen wußten die Flüchtlinge aber, daß die einzige erfolgreiche Kraft sie selbst sind, daß der einzige Weg, um das Verschwinden zu verhindern, darin bestand, in großen, vereinten Gruppen, zurückzukehren.
Seit einiger Zeit waren die lutherische Kirche, die katholische Kirche und die Kommission für Repatriierung in Kontakt mit den Flüchtlingen, um herauszufinden, wie am besten geholfen und unterstützt werden könnte. PBI wurde eingeladen, als internationale Präsenz dabeizusein.
Am frühen Morgen formten wir mit unseren Fahrzeugen eine Karawane und steuerten in Richtung Grenze. An der Grenze angekommen, sahen wir, wie auf der anderen Seite die Flüchtlinge ihre kleine Habe - wie Kleider und Kochtöpfe, die sie in Strohschlafmatten eingerollt hatten - auf die Lastwagen luden. An diesem Tag wurde die Grenze für alle Ausländer geschlossen. Somit konnten wir nicht zu den Flüchtlingen gelangen.
Die Grenze war mit internationalen Reportern, salvadoreanischen Fernsehteams und Kirchenvertretern dicht bevölkert. Wir wurden alle aufgefordert, Abstand zu halten, bis zwei Militärkommandanten ankamen. Beide schienen Nordamerikaner zu sein. Ihre Rolle bestand offensichtlich darin, einen freundlichen Eindruck bei den Medienvertretern zu erwecken. Erneut wurden wir gezwungen zurückzutreten, den internationalen Reportern aber wurde erlaubt, näher zu kommen.
In diesem Augenblick richtete sich eine leitende Frau des NCR mit einem Megaphon an die Anwesenden. Sie hieß die Flüchtlinge willkommen und übermittelte die Forderungen dieser abgeschobenen Menschen. "Diese Menschen sind angeklagt, Guerillas zu sein! Dies sind Flüchtlinge, zumeist Kinder, alte Menschen und Frauen. Es sind Bauern, deren einzige Waffe ihre Hände sind, mit denen sie ihr Land bearbeiten wollen, und das ist auch gleichzeitig ihre einzige Forderung! Sie verlangen nur wieder die Früchte ihrer Arbeit zeigen zu können."
Dies war ein sehr bewegender Augenblick, 20 Busse mit 1.000 Leuten, sowie die Lastwagen wurden schließlich beladen und fuhren ab.
Alle hatten fast 24 Stunden nicht geschlafen und nur wenig gegessen. Es wurde versprochen, um 18.30 Uhr den Konvoi für eine Ruhepause anzuhalten. Wir fragten, wo angehalten würde, denn die Rückkehrer wollten, daß es ein Ort mit Kirchen oder Schule sei, damit die Leute sich richtig ausruhen könnten. Sie versprachen, sich darum zu kümmern. Entgegen diesen Aussagen stoppte der Konvoi mitten auf der Autobahn. Es war bereits dunkel und es gab nirgends eine Möglichkeit, ein Lager zu errichten.
Die Stille der Nacht wurde immer wieder durch Schüsse aus der Nähe und vom Weinen hungriger und müder Kinder durchbrochen. Viele waren aus Wassermangel krank und litten an Durchfall.
Nach 36 Stunden wurde den Leuten endlich erlaubt auszusteigen! Alle versammelten sich auf dem Hauptplatz von Victoria. Ein Militärbefehlshaber der Stadt wandte sich an die Flüchtlinge. Er hoffe, daß sich nun zwischen der Armee und ihnen eine Verständigung ergebe. Sie sollten die Guerilla denunzieren und ihnen nicht helfen. Wenn sich alle anständig verhalten würden, dann bekämen sie Schutz vom Militär und er könne Ihnen versprechen, daß innerhalb eines Monats eine Aktion zwischen Militär und Zivilisten stattfinden würde, um etwas Essen und Kleider an sie zu verteilen.
Er beendete seine Ansprache und wartete auf den sonst in diesem Land üblichen Applaus. Die Leute verharrten in Schweigen, bis er sich zurückzog.
Nun begannen sie selbst, den Rest ihrer Reise zu organisieren. Die Lastwagen konnten nur bis auf ca. 3 km an Santa Martha heranfahren. Die Soldaten fingen an, das Gepäck der Leute, die Reis-, Bananen-, Getreide- und Milchsäcke abzuladen. Als die Lastwagen leer waren, fuhren sie weg, um angeblich den Rest zu holen. Sie taten dies aber nicht, sondern gaben vor, nicht genügend Benzin zu haben. So mußten die Frauen und Kinder diese restliche Strecke noch zu Fuß, unter der brennend heißen Sonne fortsetzen - nach 48 Stunden ohne Essen und Schlaf!
Wir standen alle entmutigt neben den schweren Säcken und den sonstigen Sachen, die getragen werden mußten. Ich bin sicher, daß in Europa die Meinung aufgekommen wäre, dies könne niemals bewältigt werden. Die 50 Pfund schweren Säcke mußten 45 Minuten in einer bergigen Gegend über einen steinigen Weg getragen werden.
Dies war ein unglaublicher Anblick: Ein Rosenkranz von Männern, Frauen, Kindern und alten Menschen transportierten Lasten auf ihren Köpfen und Rücken, die teilweise schwerer waren als sie selber. Manche rutschten auf dem tückischen lehmigen Boden aus.
Als sie mit den ersten Säcken endlich den Bestimmungsort erreichten, fanden sie sich mitten im Wald. Der einzige Anhaltspunkt, daß hier je ein Dorf gestanden hatte, war die Ruine der Schule. Alles war nach der Flucht der Bewohner vom Militär zerstört worden.
Dieser mit Bäumen und Pflanzen überwucherte Platz war das Ziel der beschwerlichen Reise. Aber alle waren glücklich, endlich wieder in ihrer vertrauten Umgebung zu sein. Das war nicht das Ende, das war gerade erst der Anfang!
Als am zweiten Morgen die Sonne aufging, waren alle bereit, ihre Arbeit zu beginnen. Die Macheten, die Pickel und Schaufeln, das Plastik und die Schnüre, alles wurde aufgeteilt. Die Einen fingen ihre Arbeit an der Zufahrtstraße an, um sie zu ebnen, damit künftig die Lastwagen näher zum Dorf fahren könnten. Andere begannen mit dem Bau von provisorischen Unterständen und mit der Überdachung der ehemaligen Schule, um sie als Lagerhaus benützen zu können.
Am Tagesende war die Straße gemacht, die provisorischen Unterkünfte gebaut, die Schule überdeckt und die Latrinen fast fertig. In dieser Nacht hatten sie zwar ein festes Dach über den Köpfen, mußten aber noch immer ohne schützende Wände am Boden schlafen.
Immer wenn jemand das Lager für eine größere Distanz verlassen mußte, baten sie uns um Begleitschutz. Unsere Anwesenheit war für sie sehr wichtig. Sie spürten durch uns eine gewisse Sicherheit und wir waren die einzigen, denen sie vertrauten.

Vgl. Peace Brigades International: Rundbrief. o.O., 1987, S. 14 ff.

Peace Brigades

Der Gedanke, gewaltfrei durch "Peace Brigades" in Konfliktgebieten zu intervenieren, stammt von Gandhi. Mit der Shanti Sena, der "Friedensarmee", die 1957 bei Straßenunruhen zwischen Hindus und Moslems in Indien zum Einsatz kam, wurde Gandhis Idee von seinem Nachfolger Vinoba Bhave erstmals in die Tat umgesetzt. Uas den Ideen der indischen Gruppe entstand 1962 der lockere Zusammensschluß "World Peace Brigade", der u.a. einen Freiheitsmarsch im damaligen Rhodesien organisierte und in einem Rücksiedlungsprojekt für türkische Flüchtlinge auf Zypern tätig war.
1981 schließlich verliehen FriedensaktivistInnen aus vier Kontinenten diesen Ansätzen mit der Gründung der "Peace Brigades International" (PBI) eine stabilere Form.

PBI Deutcher Zweig e.V., Engerser Str. 74a, 56564 Neuwied.

Günther Gugel: Wir werden nicht weichen. Erfahrungen mit Gewaltfreiheit. Eine praxisorientierte Einführung. Tübingen 1996.

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