Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Sozialpsychologische Vorurteilsforschung

Susanne Lin

Es gibt unterschiedliche Erklärungsansätze und Zielrichtungen bei der Beantwortung dieser Frage. Hier soll der Frage nach der Bedeutung von Stereotypen1, Vorurteilen und Feindbildern bei diskriminierenden und gewalttätigen Gruppenprozessen nachgegangen werden. Gründe für kollektive Aggressionen gegenüber Ausländern, Asylbewerbern und Aussiedlern - als Beispiel für Fremdgruppen - sollen analysiert und Anregungen zur Veränderung gegeben werden. Im Rahmen der sozialpsychologischen Vorurteilsforschung2, die zunächst dargestellt werden soll, werden überwiegend die Fragen nach der Entstehung und Entwicklung von Stereotypen und Vorurteilen untersucht. Die kritisch-friedenspädagogische Rezeption nahezu ausschließlich psychoanalytisch geprägter Theorien hingegen geht schwerpunktmäßig der individuellen und gesellschaftlichen Funktion von Vorurteilen nach.3 Jeweils relevante Ansätze werden dargestellt, interpretiert und bewertet. Ziel ist es, die Notwendigkeit zu begründen, jene friedenspädagogischen Ansätze durch die sozialpsychologische Vorurteilsforschung zu erweitern. Aus den Ergebnissen wissenschaftlicher Forschung sollen Konsequenzen für einen friedenserzieherisch-motivierten Unterricht über den Themenkomplex Vorurteile in der Schule gezogen werden.

Zur Erforschung der Entstehungsbedingungen von Stereotypen4 und Vorurteilen werden vonseiten der Psychologie bzw. der Sozialpsychologie einerseits individuelle, innerpsychische Prozesse und andererseits allgemeine, gesellschaftliche und (Inter-) Gruppenprozesse untersucht.
Individuelle, psychische Bedingungen werden beispielsweise im Rahmen der kognitiven Theorie für die Entstehung von Stereotypen verantwortlich gemacht. Stereotypen werden in dieser Theorie als individueller, kognitiver Antwortversuch auf die massive Informationsflut gesehen, welcher der Einzelne in Bezug auf die dingliche und soziale Umwelt ausgesetzt ist. Menschen suchen ,mentale' Abkürzungen, um sich im Umgang mit anderen Menschen (schnell) zurechtfinden zu können. Diesen ,mentalen Abkürzungen' entsprechen im Rahmen der kognitiven Theorie informationsverarbeitende, vereinfachende Kategorisierungsprozesse. Diese Kategorisierungen dienen der Ordnung der Umwelt, indem sie nach bestimmten Regeln Gegenstände, Personen oder Ereignisse als gleichwertig betrachten und derselben Klasse zuordnen. So wird beispielsweise die interpersonale Umwelt (die Wahrnehmung von anderen Menschen in Menschengruppen) nach Geschlecht, Beruf, Nationalität etc. kategorisiert.
Andererseits sind jedoch häufig keine individuellen, sondern Intergruppenprozesse für die Wahrnehmung von Fremdgruppen und das Verhalten ihnen und einzelnen ihrer Mitglieder gegenüber verantwortlich, denn Wahrnehmung und Verhalten sind unterschiedlich, je nachdem, ob ein Einzelner einem anderen Individuum oder ob Gruppen sich gegenüberstehen. Hierbei gelten für die (inter-) individuellen Prozesse einerseits und für die (Inter-) Gruppenprozesse andererseits unterschiedliche Wahrnehmungs- und Verhaltensbedingungen. Gerade Intergruppenprozesse sind durch stereotypisiertes Wahrnehmen und Verhalten gekennzeichnet, die zu Fehleinschätzungen und bei entsprechenden Konflikten zwischen Gruppen zu diskriminierendem Verhalten führen können. Demzufolge unterscheidet Henri Tajfel (vgl. TAJFEL 1978) zwischen interpersonalem und intergruppalem Verhalten. Ein tendenziell interpersonales Verhalten an den Tag zu legen bedeutet, sich eher als Individuum zu verhalten. Ein tendenziell intergruppales Verhalten zu praktizieren bedeutet, sich eher als Gruppenmitglied zu verhalten. Im ersten Fall sind die sozialen Kategorien, zu denen man gehört, weniger wichtig als die Konstellation individueller und interpersonaler Dynamik. Im zweiten Fall ist es umgekehrt.
Für eine erstrebte Veränderung von Stereotypen und Vorurteilen müssen sowohl individuelle und kollektive Prozesse bedacht werden als auch - da Stereotypen und Vorurteile gemäß lerntheoretischer Annahmen ,gelernt' werden - regionale, gesellschaftliche, möglicherweise auch europäische bzw. kulturkreisspezifische Komponenten.

© 2002, Susanne Lin

Überarbeitete Fassung aus:
Susanne Lin: Vorurteile überwinden - eine friedenspädagogische Aufgabe. Grundlegung und Darstellung einer Unterrichtseinheit. Beltz-Verlag, Weinheim und Basel 1999, S. 29 - 138.

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