Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Integration sozialpsychologischer Vorurteilstheorien

Susanne Lin

Zusammenfassend kann mit Stroebe festgestellt werden, "daß jede spezifische Form von Vorurteilen, wie etwa der Rassismus, das Ergebnis von kognitiven, motivationalen und sozialen Lernprozessen sei, ,deren Wirkung sich im jeweiligen sozialen Kontext vereinigen, um sich in spezifischem Urteilen und Verhalten zu offenbaren' (STROEBE 1988, S. 518)." Wolfgang Stroebe stellt einen integrierten Ansatz aus den zuvor vorgestellten Theorien vor. Mit ihm klärt er die vier Fragen, deren Beantwortung seiner Meinung nach den Komplex ,Stereotypen und Vorurteile' hinreichend empirisch aufhellt. Dazu folgender Überblick, der anschließend ausführlicher erläutert wird (STROEBE 1988, S. 518-520):

Die Entstehung und der Inhalt von Vorurteilen werden
durch lerntheoretische Annahmen, nämlich durch die Übernahme von Vorurteilen der älteren Generation (= sozio-kulturelle Beeinflussung) und durch die Beobachtung und Tradierung historisch gewordener oder real existierender sozialer Unterschiede und
durch die Annahmen der kognitiven Theorie, nämlich Verzerrungsprozesse durch erkennbare Kategorisierungen, die ,Theorie der illusorischen Korrelation' und die ,Akzentuierungstheorie', erklärt;
bestehende individuelle Unterschiede durch die lerntheoretische Annahme einer unterschiedlichen Erziehung und Prägung im Elternhaus;
der Ethnozentrismus von Stereotypen durch
das motivationale Verlangen nach Selbstwertsteigerung im Rahmen der ,Theorie der sozialen Identität' (konflikttheoretische Annahme) und
die selbstverständliche Akzeptanz eigener Werte im Sinne der sozialen Lerntheorie;
die unterschiedlichen Zielgruppen und Intensitäten von Stereotypen und Vorurteilen verschiedener Gruppen und Völker werden durch die echte oder fälschlich wahrgenommene Bedrohung konkurrierender Gruppen im Rahmen der ,Theorie des realen Konflikts' erklärt.

Die Frage nach der Entstehung und dem Inhalt von Vorurteilen (zu a) wird also lerntheoretisch beantwortet. Die Lerntheorie nimmt an, dass Stereotypen und Vorurteile im Prozess des sozialen Lernens - wie andere ,Sozialisationsinhalte' auch - übernommen bzw. gelernt werden. Das zeigt sich u.a. darin, dass ein Großteil der Vorurteile in einer Gesellschaft oder innerhalb eines Kulturkreises weit verbreitet und historisch stabil ist. Dieses Phänomen ist im Rahmen sozialen Lernens und nur durch die Lerntheorie zu erklären: Vorurteile werden von einer Generation an die nächste weitergegeben. Dies geschieht durch Eltern, Schule und Medien. Dieser Erklärung der Entstehung von Vorurteilen ist noch die Annahme hinzuzufügen, dass Kinder in ihrem Sozialisationsprozess auch lernen, dass die Mitglieder von Fremdgruppen andere Meinungen und Werte teilen als sie selbst.15 Dies kann insofern zur Fremdgruppenablehnung beitragen, als nach der ,Theorie des sozialen Vergleichs' von Festinger (vgl. BROWN 1990, S. 406) Einstellungsähnlichkeit z.B. zu Sympathie führt, umgekehrt jedoch Distanz verstärkt wird. (Dem entspricht auch die Vermutung, dass vertraute Werte und Normen eher als ,richtig' empfunden werden als fremde Normen und Gewohnheiten. Daraus ergibt sich eine tendenzielle Eigengruppenüberbewertung.)
Individuelle Unterschiede innerhalb dieser gesellschaftlich geteilten Stereotypen und Vorurteile kommen durch eine unterschiedliche Erziehung und das Ausmaß der Vorurteile der Eltern zu Stande (zu b).16 Diese prägende Funktion des Elternhauses in Bezug auf Vorurteile lässt sich daran erkennen, dass sich viele Stereotypen, so z.B. Geschlechterstereotypen und nationale Stereotypen, bereits im Alter von sechs bis acht Jahren stabilisiert zu haben scheinen.

"Man kann also etwa nationale Vorurteile als ein historisch geformtes Produkt sehen, das durch die Eltern, durch den Schulunterricht, durch Bücher und Fernsehen von einer Generation an die nächste weitergegeben wird." (STROEBE 1988, S. 519)

Das ,eigentliche Inhaltslernen' von Stereotypen und Vorurteilen (zu a) geschieht nun nach der sozialen Lerntheorie durch die Beobachtung bestehender oder historisch gewordener Unterschiede zwischen sozialen Gruppen, die nicht auf ihre eigentlichen Ursachen hin befragt, sondern mit (möglicherweise falschen) Fähigkeits- oder Eigenschaftszuschreibungen erklärt werden, die noch über Generationen weiter tradiert werden. Die Inhalte von Stereotypen entstehen gemäß der sozialen Lerntheorie also nicht aus böswilliger Intention und sind auch nicht grundsätzlich falsch. Vorurteile und Stereotypen sind so zum einen das Ergebnis sozialer und kultureller Beeinflussung (Eltern, Bezugsgruppen, Lehrer, Massenmedien, vgl. STROEBE 1988, S. 519) und spiegeln zum anderen bestehende oder historisch gewordene soziale Unterschiede zwischen Gruppen wider.
Der kognitive Ansatz (zu a) will beschreiben und erklären, wie eine - in Elternhaus, Schule, durch Massenmedien - kulturell vorgeformte, erlernte soziale Kategorienbildung zur Stereotypisierung und Vorurteilsbildung durch individuelle kognitive Prozesse führt. Verzerrungsprozesse - wie z. B. Stereotypen - werden schon allein durch erkennbare und vorgegebene Kategorisierungen initiiert. Wenn also Ausländer nicht selbstverständlich bzw. nicht relativ wertfrei in die Gesellschaft integriert werden, sondern auf sie als auffällige Kategorie besonders geachtet wird und dann an ihnen noch ein auffälliges Verhalten zu beobachten ist, so wird gemäß der ,Theorie der illusorischen Korrelation' der Zusammenhang zwischen Ausländern und sozial unerwünschtem Verhalten besser erinnert als unerwünschtes Sozialverhalten im Zusammenhang mit einer unauffälligen Gruppe, auch wenn dieses gleich häufig auftreten würde. Hinzu kommt, dass nach der ,Akzentuierungstheorie' die Unterschiede zwischen den Gruppen, Eigen- und Fremdgruppen, in unserem Falle In- und Ausländer, eher überschätzt werden.
Die kognitive Theorie gibt mit der ,Theorie der illusorischen Korrelation' und der ,Akzentuierungstheorie' Erklärungsbeiträge individueller kognitiver Art für die Entstehung und den Inhalt von Stereotypen und Vorurteilen, die mit den Annahmen der sozialen Lerntheorie folgerichtig zu verbinden sind. Auf der Basis kulturell, gesellschaftlich-sozial vorgeformter und damit auch vorgegebener Kategorien, welche als Ergebnisse allgemeiner, gesellschaftlicher Prozesse für die Entstehung von Stereotypen und Vorurteilen zu verstehen sind, können solche kognitiven Phänomene wie die der ,illusorischen Korrelation' und der ,Akzentuierung' von Unterschieden zwischen Gruppen erst wirksam werden.
Dass die Eigengruppe gegenüber einer Fremdgruppe grundsätzlich überbewertet wird (zu c), stellt Tajfel17 in den Untersuchungen zur Intergruppendiskriminierung in Situationen der ,minimalen Gruppen' empirisch fest. Dieser Ethnozentrismus ist nun nicht mehr rein kognitiv zu erklären und wird wiederum durch Tajfels ,Theorie der sozialen Identität' im Rahmen konflikttheoretischer Annahmen erläutert. Der Prozess der Identitätsbildung verläuft über Gruppenzugehörigkeiten, in denen die Eigengruppe offensichtlich höher bewertet wird, um dem motivationalen Verlangen nach einem positiven Selbstbild bzw. nach Selbstwertsteigerung nachzukommen. Ein unterschiedliches Maß der Eigengruppenüberbewertung resultiert also aus dem individuellen Bedürfnis nach Selbstwertsteigerung.
Die Frage nach den Zielgruppen und der Intensität von Vorurteilen (zu d) wird einerseits durch die soziale Lerntheorie, andererseits durch die ,Theorie des realen Konflikts' beantwortet. Es wird davon ausgegangen, dass Konflikte zwischen Gruppen dafür verantwortlich zu machen sind, dass sich ein Stereotyp und damit auch ein Vorurteil zunehmend negativ verändern und zusätzlich durch echte oder fälschlich wahrgenommene Bedrohung zu Diskriminierungen führen können. Aus diesem Ansatz ließe sich schließen, dass es - je nach Konfliktart und -größe sowie antizipierter Behebbarkeit oder aber antizipierter Ausweglosigkeit - bestimmte ,Betroffenengruppen' gibt, die - wiederum je nach Verlauf und Dauer der Konfliktgeschichte - eine Radikalisierung von Stereotypen und Vorurteilen vornehmen und damit den Weg zur Diskriminierung ebnen. Diejenigen, die im bundesdeutschen Raum meinen, dass sie mit ,Gastarbeitern' um Arbeitsstellen konkurrieren, müssten nach der ,Theorie des realen Konflikts' ihnen gegenüberstehenden ,Fremdgruppen' am ehesten ablehnende Einstellungen entgegenbringen. Berücksichtigt man jedoch an dieser Stelle noch stärker Ergebnisse aus der Intergruppenforschung, so zeigt sich, dass das Gefühl der ,relativen Deprivation' und nicht unbedingt die ,objektive Deprivation' entscheidend für die Entstehung sozialer Unruhe ist. Differenzen zwischen Erreichtem und Erhofftem lassen auch bei objektiv stärkeren bzw. besser gestellten Gruppen das Gefühl ,relativer Deprivation' entstehen, das sich dann mit rassistischen Einstellungen und Militanz verbinden kann (vgl. BROWN 1990, S. 427). Nach der ,Theorie der sozialen Identität' und der ,Theorie des realen Konflikts' sind vermutlich Personen mit einem geringeren Maß an Selbstwertgefühl, das natürlich von der gesellschaftlichen Position bzw. jeweiligen Gruppenzugehörigkeit beeinflusst wird, eher dafür anfällig, sich in konflikthaften Situationen zu starken Vorurteilen und Diskriminierungen gegenüber Fremdgruppen hinreißen zu lassen. Dies gilt ebenso für soziale Gruppierungen, die stark von gesellschaftlichen Problemen wie Arbeitslosigkeit und sozialer Not betroffen sind. Gruppierungen, in denen sich geringes Selbstwertgefühl und ungesicherte, der Konkurrenz ausgesetzte Beschäftigungsverhältnisse überschneiden, wären potenziell besonders gefährdet. Die jeweils konkurrierenden Fremdgruppen dürften dann am ehesten Opfer von Vorurteilen und Diskriminierungen sein. Gerade problematische politisch-ökonomische und gesellschaftliche Situationen geben also vermutlich das Konstellationsmuster für das verstärkte Auftreten von Vorurteilen und Diskriminierungen ab, das konkurrierende Gruppen im ,Kampf' um materielle Versorgung und soziale Anerkennung betrifft.

Tabelle zur Veranschaulichung:

Erklärungsleistung der einzelnen Theorien

 

Individuelle Unterschiede

Unterschiede in den Zielgruppen

Inhalt

Erklärung des positiven Eigenstereotyps

Konflikttheorie (real)

x

x

(x)

(x)

Theorie der sozialen Identität

x

x

   

Lerntheorie

x

(x)

x

(x)

Psychodynamische Theorie

x

     

Kognitive Theorie

x

     

(+ illusorische Korrelation)

x

     

(+ Akzentuierungstheorie)

x

 

© 2002, Susanne Lin

Überarbeitete Fassung aus:
Susanne Lin: Vorurteile überwinden - eine friedenspädagogische Aufgabe. Grundlegung und Darstellung einer Unterrichtseinheit. Beltz-Verlag, Weinheim und Basel 1999, S. 29 - 138.

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