Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

Home / Themen / Stereotypen, Vo... / Sozialpsycholog... / Die kognitiven Theorien

Die kognitiven Theorien

Susanne Lin

Die zuvor gekennzeichneten psychodynamischen Erklärungsansätze sind in der Sozialpsychologie nicht direkt widerlegt worden, aber sozusagen ,aus der Mode gekommen'. Sie wurden durch die ,kognitive Wende' stark infrage gestellt, indem hier "grundlegende Formen unseres Wahrnehmungs- und Denkprozesses" (ERB 1995, S. 17,19ff) als Erklärungsansatz angenommen und die bei der Stereotypisierung auftretenden Verzerrungen nun rein kognitiv erklärt wurden. Stereotypen werden hier als vereinfachte oder fehlerhafte Zuschreibungen von Eigenschaften bestimmten Gruppen gegenüber oder als Überschätzung von Unterschieden zwischen der Fremd- und der Eigengruppe gedeutet. Solche Phänomene werden, wie im Vorhergehenden gezeigt wurde, durch die psychodynamischen Konzepte ausschließlich oder vorwiegend motivational begründet. Auffällig ist nun bei den psychoanalytischen Annahmen vor allem, dass auf der einen Seite der Mensch als ein Wesen aufgefasst wird, das nicht primär von seinen Verstandeskräften gesteuert wird; auf der anderen Seite wird aber in Bezug auf die Bewertung gefasster Stereotypen von genau diesem Menschen erwartet, dass er als rationales Wesen zu objektiven Prozessen der Informationsverarbeitung fähig sein soll. Denn: ,Verfällt' er dem stereotypen Denken, wird gleichwohl an seine Fähigkeit zur objektiven Informationsverarbeitung appelliert. Er soll seine Stereotypen und Vorurteile, die mit motivationalen Gründen erklärt wurden, mit therapeutischer und/oder pädagogischer Hilfe aufarbeiten und überwinden.12 Vertreter der kognitiven Theorie hingegen gehen wertneutraler davon aus, dass der Mensch ein informationsverarbeitendes Wesen ist, seine Informationsverarbeitungskapazität jedoch beschränkt ist. Diese Beschränkung ist für solche scheinbaren Zusammenbrüche und fehlerhaften Prozesse verantwortlich, wie sie in der Wahrnehmung und Kognition von Stereotypen und Vorurteilen auftreten.
Die jene ,kognitive' Wende in der Stereotypen- und Vorurteilsforschung einleitende neue Erkenntnis bestand darin, dass viele der ,Verzerrungen', die man gerade für die soziale Stereotypisierung als typisch ansah, auch in anderen Bereichen der Informationsverarbeitung und auch bei so genannten nicht-sozialen Reizmaterialien auftraten.13 Die begrenzte menschliche Informationskapazität wirkt sich nach Auffassung der Kognitionspsychologen in Bezug auf die interpersonale Wahrnehmung folgendermaßen aus: Da kein Mensch dem anderen gleicht, sind wir gezwungen, diese Komplexität durch Kategorienbildung zu verringern. Menschen können durch ihre Nationalität, ihr Geschlecht, ihren Beruf klassifiziert werden. Diesen Kategorien, die grobe und vereinfachte Klassifizierungen darstellen, werden nun bestimmte Eigenschaften zugeordnet. Dabei können natürlich unzutreffende Vereinfachungen geschehen, die soziale Gruppen zu Unrecht mit bestimmten Eigenschaften versehen, die ihnen eigentlich nicht zugeschrieben werden dürften. Vereinfachungen bzw. Verzerrungen sind kognitionstheoretisch zunächst als Folge von Kategorisierungsprozessen zu verstehen, nicht als motivational bedingte und irrationale Verzerrungen. Solche Kategorisierungen in Bezug auf die interpersonale Wahrnehmung (die Wahrnehmung von anderen Menschen in Menschengruppen) finden durch Stereotypen statt. Das Stereotyp stellt gemäß der kognitiven Theorie einen Zusammenhang zwischen den schon erwähnten abgrenzbaren Kategorien, wie z.B. Geschlecht, Nationalität u.a., und bestimmten Eigenschaften, wie z.B. Größe, Fleiß oder Intelligenz, her. Einerseits können diese Stereotypen nun eine Spiegelung oder Abbildung realer Zusammenhänge sein, indem sie z.B. eine häufig beobachtete Eigenschaft einem bestimmten Geschlecht zuordnen, wie es auch von der sozialen Lerntheorie in Bezug auf Entstehung von Stereotypen angenommen wird. Andererseits können sie aber auch einen fehlerhaften Zusammenhang konstruieren. Mit der ,Theorie der illusorischen Korrelation' wird ein solch falscher, aber als zutreffend empfundener (= illusorisch) Zusammenhang (= Korrelation) von Eigenschaften und Kategorien erklärt: Eine ,illusorische Korrelation' ist ein angenommener Zusammenhang zwischen einer bestimmten Gruppe und bestimmten Eigenschaften, der real nicht existiert. Ein Beispiel dafür wäre der angenommene Zusammenhang zwischen der Kategorie ,Frauen' und der Eigenschaft ,schlechtes Fahrverhalten' im Autoverkehr. Wie kommt nun diese falsche ,illusorische Korrelation' zu Stande? Sie erklärt sich zum einen dadurch, dass ein auffälliges Fahrverhalten, also eines, über das man sich ärgert, besser erinnerlich ist als ein gutes bzw. normales Fahrverhalten. Zum anderen wurde die Gruppe der autofahrenden Frauen, anfangs eine Minderheit und dadurch eine auffällige Gruppe, mehr beachtet und besser in Erinnerung behalten. Fielen nun ein auffälliges Verhalten, nämlich das schlechte Fahrverhalten, und eine auffällige Gruppe, nämlich die Minderheit der anfänglich autofahrenden Frauen, zusammen, war dieser Zusammenhang besser erinnerlich als beispielsweise der Zusammenhang von ähnlich schlechtem Fahrverhalten und der in diesem Fall ,unauffälligeren' Gruppe der Männer. Der Zusammenhang von Frauen und schlechtem Fahrverhalten ist heute nicht mehr gegeben, die illusorische Korrelation jedoch besteht weiterhin und wird dann bei jedem erneut auftretenden Einzelfall - vor allem im Bewusstsein von Männern - vielfach bestätigt.
Hier tritt verstärkend auch noch der Effekt der ,Akzentuierungstheorie' hinzu. Verantwortlich für ,Verzerrungseffekte' dieser Art ist der angenommene Zusammenhang zwischen einer abgrenzbaren Kategorie (Männer) und der Urteilsdimension (fahren gut), der sich dahingehend äußert, dass die Unterschiede zwischen Mitgliedern ein- und derselben Gruppe eher unterschätzt werden ("Alle Männer fahren gut"), demgegenüber aber Unterschiede zwischen Mitgliedern der eigenen und einer fremden Gruppen eher überschätzt werden. (Unterschiede in Bezug auf das Fahrverhalten werden dann nur kategorial gesehen und dabei noch überschätzt: "Die Männer fahren eben weitaus besser als die Frauen!") Campbell fand dieser Theorie entsprechend, "daß weiße Schüler einer gemischt-rassigen Schule, die die Abschlußnoten ihrer Klassenkameraden vorhersagen mußten, die Noten ihrer weißen Mitschüler über-, die ihrer schwarzen Klassenkameraden aber unterschätzten" (STROEBE 1988, S. 517). Der Einfluss von stereotypen Erwartungen in Bezug auf eine bestimmte Kategorie zeigt sich auch deutlich in einem Versuch von Duncan von 1976, der die ,Aggressivität' sowohl eines schwarzen als auch eines weißen Gesprächspartners beurteilen ließ (vgl. HEWSTONE/ANTAKI 1990, S. 112/113). Weiße amerikanische Studenten sollten eine gefilmte Diskussion zwischen einem Weißen und einem Schwarzen beurteilen. Diese war zwar gefilmt, den Versuchspersonen wurde jedoch erzählt, dass die beobachtete Situation im Nebenzimmer stattfinden würde: Ein Schwarzer und ein Weißer diskutierten miteinander. Der Verlauf der Diskussion führte dazu, dass Diskutant A Diskutant B anrempelte. In der Hälfte der Fälle war der Schwarze der Diskutant A. Bei der anschließenden, von den Versuchsleitern bereits vorher festgelegten alternativen Interpretation beurteilten die weißen Versuchspersonen das Verhalten von Diskutant A, wenn er ein Schwarzer war, zu 75% als gewalttätig. War er ein Weißer, beschrieben ihn nur 17% als gewalttätig (!). Außerdem wurde das Verhalten des Schwarzen in der Rolle des Diskutanten A aus seiner Persönlichkeit heraus erklärt, wogegen das Verhalten des Weißen als Diskutant A auf die Umstände zurückgeführt wurde. Die Akzentuierungstheorie weist also auf kognitive Vorgänge hin, in denen Unterschiede, z.B. Eigenschaften, die sich in einem bestimmten Verhalten äußern, zwischen Gruppen eher überschätzt, innerhalb dieser Gruppen aber unterschätzt werden. Rainer Erb fasst die kognitionspsychologischen Annahmen in Bezug auf die Stereotypen- und Vorurteilsforschung folgendermaßen zusammen:

"Für die kognitive Psychologie sind Vorurteile und Stereotypen Ergebnisse der ,normalen' Informationsverarbeitung sozialer Wahrnehmungen. Zur Aufrechterhaltung der Orientierung in der Umwelt müssen die einkommenden Wahrnehmungen geordnet werden. Dies geschieht so, daß das Wahrgenommene Kategorien zugeordnet wird, die im Laufe der Erziehung gelernt werden: Äußere und soziale Unterscheidungsmerkmale wie Geschlecht, Alter, ethnische Zugehörigkeit, Sprache, Behinderungen usw. bilden etwa gelernte Kategorien, nach denen Personen eingeordnet werden. Diesen Zuordnungsprozeß nennt man Attribution: In ihm werden Personen oder Sachverhalte derjenigen Kategorie zugeordnet, die als besonders geeignet erscheint. Mit diesen Kategorien sind Wertungen und Präferenzen verbunden. Durch die Attribuierung einer Person zu einer negativ bewerteten Kategorie überträgt sich diese negative Bewertung auf die Person. Die soziale Kategorisierung folgt drei Grundformen: Dem Vergleich: Personen und Gruppen werden bestimmte Merkmale nicht absolut, sondern immer im Verhältnis zu anderen zugeschrieben. Bezeichnen sich etwa die Deutschen selbst als fleißig, gelten andere Völker fast automatisch als weniger fleißig, letztlich als faul;
der Klassenbildung: Die Wahrnehmung der Umwelt ist immer durch unser Wissen, unsere Erwartungen und durch soziale Normen und Situationen vorstrukturiert. Aufgrund dieser stereotypen Wahrnehmung fassen wir Personen oder Gruppen zu allgemeinen Klassen zusammen, wodurch diese uns untereinander ähnlicher erscheinen als sie tatsächlich sind;
der Ähnlichkeits- bzw. Differenzakzentuierung: Aufgrund der Klassenbildung werden die Ähnlichkeiten zwischen den Mitgliedern einer Gruppe überschätzt, während zwischen den Gruppen die Differenzen überbetont werden. Obwohl sicher viele Franzosen vielen Deutschen (etwa die Bankangestellten) ähnlicher sind als ihren eigenen Landsleuten, werden doch die Deutschen untereinander als gleicher und als verschiedener von den Franzosen angesehen.
Die drei Kategorisierungsformen zeigen, wie in jedem normalen Zuordnungsprozeß bereits Momente stereotyper Wahrnehmung und ethnozentrischer Wertungen enthalten sind." (ERB 1995, S. 19/20)

Diese kognitiv-beschreibenden und zunächst nicht wertenden Erklärungen für die Entstehung von Stereotypen und Vorurteilen wurden jedoch zum Teil relativiert. Henri Tajfel (TAJFEL 1982) führt nämlich aus, dass soziale Stereotypen neben ihrer Funktion, durch Kategorisierung als Orientierungshilfe zu dienen, zusätzlichen Verzerrungen unterliegen. Damit erfüllen sie bestimmte Funktionen für Gruppen. So kann z.B. durch die ,Theorie der sozialen Identität'14 als belegt gelten, dass dem Bedürfnis nach positiver, sozialer Identität im Sinne von Selbstwertschätzung durch die begünstigende Bewertung der eigenen Gruppe nachgegeben wird und dass Stereotypen somit der Stabilisierung der Eigengruppe durch die Abwertung der Fremdgruppe dienen. So werden nun auch im Rahmen kognitiver Erklärungen motivationale Zusammenhänge für die Entstehung von Stereotypen und Vorurteilen gegenüber Fremdgruppen angenommen, die sich in der Abwertung von Fremdgruppen äußern.

© 2002, Susanne Lin

Überarbeitete Fassung aus:
Susanne Lin: Vorurteile überwinden - eine friedenspädagogische Aufgabe. Grundlegung und Darstellung einer Unterrichtseinheit. Beltz-Verlag, Weinheim und Basel 1999, S. 29 - 138.

Eine PDF-Version dieser Seite herunterladen

Aktuelles / Blog

Veranstaltungen

Peace Counts School