Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Der psychodynamische Ansatz

Susanne Lin

Der psychodynamische Ansatz führt das Zustandekommen von Vorurteilen gegenüber Fremdgruppen "letztlich auf innerpsychische Konflikte und Fehlentwicklung zurück"(ERB 1995, S. 17ff): Persönliche Konflikte und die aus ihnen entstandenen und verdrängten Aggressionen, welche die Betreffenden nicht gegen Gleich- und Höhergestellte zu äußern wagen, werden durch Vorurteile und diskriminierendes Verhalten auf soziale Randgruppen umgelenkt. Diese Deutung wird durch Annahmen der klassischen Psychoanalyse, die "Sündenbocktheorie"(DOLLARD/ MILLER/DOOB/MOWRER/SEARS 1939), im Rahmen der Frustrations-Aggressions-Theorie und die "Theorie der autoritären Persönlichkeit" von Adorno u.a. (ADORNO/FRENKEL-BRUNSWICK/LEVINSON/SANFORD 1950) gestützt bzw. differenziert.
Die ,Sündenbocktheorie' geht auf die aus psychoanalytischen Überlegungen abgeleitete Frustrations-Aggressions-Hypothese von Dollard, Miller, Doob, Mowrer und Sears zurück. Mit der Frustrations-Aggresssions-Hypothese wird grundsätzlich einmal angenommen, dass aggressives Verhalten als Reaktion auf Frustrationen auftritt, wenngleich diese Ausschließlichkeit in der neueren Forschung relativiert wird. Wird also jemand davon abgehalten, sein gewünschtes Ziel zu erreichen (Frustration), dann reagiert er mit aggressivem Verhalten, das sich in der Regel gegen den Verursacher der Frustration richtet. Können die Aggressionen jedoch nicht gegen den eigentlichen Verursacher gerichtet werden, weil er nicht erreichbar oder zu mächtig ist, so wird - nach dieser Annahme - die Aggression gegenüber anderen, z.B. weniger mächtigen Personen, ausgelebt. Werden Minderheiten Opfer solch aufgestauter Regungen - so wird angenommen - dienen sie als ,Sündenböcke'. Die Frustrations-Aggressions-Hypothese ist also das zugrunde liegende Erklärungsmodell für die ,Sündenbocktheorie'. Verschobene Aggression wird insofern rationalisiert bzw. gerechtfertigt, als man eine bestimmte Minderheit für Frustrationen, die man erfahren hat, verantwortlich macht und ihr negative Eigenschaften zuschreibt. Mit dieser Theorie lässt sich nun zwar die Frage nach der Herkunft der aggressiven Antriebsenergien bestimmen, aber die Frage nach den Zielobjekten muss - anders als in dieser ,Rohfassung' - als soziokulturell, m.E. aber auch als aktuell gesellschafts-politisch mitbedingt beantwortet werden. Denn wie kommen bestimmte Völker oder Gruppen sonst zu ihren je spezifischen ,Sündenbock-Fremd-Gruppen'? Die ,Sündenbocktheorie' will den sozusagen klassisch-irrationalen Vorgang der verschobenen Aggression auf Vorurteilsobjekte darlegen, wogegen mithilfe der anderen hier vorgestellten sozialpsychologischen Theorien versucht wird, Vorurteile mit direkten und erkennbaren Gruppenkonflikten, nachvollziehbaren Sozialisationsannahmen oder aber ,normalen' Mechanismen wie kognitiven Verkürzungen zu erklären.
In der ,Theorie der autoritären Persönlichkeit' von Adorno u.a. werden Vorurteile und Stereotypen als Teil einer umfassenden Ideologie betrachtet und ,Vorurteilhaftigkeit' als persönlichkeitsspezifisches Problem beurteilt. Die politischen und sozialen Einstellungen eines Individuums (gemessen auf verschiedenen Skalen) zeigen im Sinne dieser Theorie ein durch bestimmte gesellschaftliche Bedingungen vermitteltes Persönlichkeitsmuster, nämlich das der ,autoritären Persönlichkeit'. Der enge Zusammenhang von Antisemitismus (A-Skala), Ethnozentrismus (E-Skala), politisch-ökonomischem Konservatismus (PEC-Skala) und antidemokratisch-autoritären Persönlichkeitsstrukturen (F-Skala) soll dies belegen.

"Von einer Freudschen Perspektive ausgehend, glaubten die Autoren, daß die Persönlichkeitsentwicklung der meisten Menschen aufgrund der Zwänge der sozialen Existenz Verdrängung und Verschiebung verschiedener Triebbedürfnisse beinhalte. Natürlich betrachteten sie die Eltern als Hauptagenten dieses Sozialisationsprozesses, die bei der ,normalen' Entwicklung einen gesunden Mittelweg zwischen Disziplin und dem Ausdruck des kindlichen Selbst finden. Das Problem der autoritären Persönlichkeit, so behaupten Adorno et al., besteht darin, dass die Eltern diesen Mittelweg zugunsten einer extrem rigiden, überdisziplinierenden Einstellung und Überängstlichkeit hinsichtlich der Konformität des Kindes aufgeben. Der Effekt, so glaubten sie, besteht darin, daß die natürliche Aggression des Kindes gegen die Eltern (eine unausweichliche Folge der ausgeübten Zwänge) aufgrund der Angst, sie direkt zu zeigen, auf alternative Ziele verschoben wurde. Wahrscheinliches Objekt sollte jemand sein, der als schwächer oder minderwertiger als man selbst betrachtet wird - zum Beispiel Mitglieder devianter Gruppen oder ethnische Minoritäten. Das Endresultat ist eine Persönlichkeit, die gegenüber Autoritäten übermäßig unterwürfig (weil sie die Eltern symbolisieren) und offen feindselig gegenüber Fremdgruppenmitgliedern ist - die sogenannte ,autoritäre Persönlichkeit'." (BROWN 1990, S. 404)

Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in den USA Untersuchungen durchgeführt, die auf durch Interviewdaten ermittelte Beziehungen zwischen den oben genannten scheinbar unterschiedlichen Skalen hinweisen sollten. Der festgestellte enge Zusammenhang zwischen den Werten einer Person auf der Skala zur Erfassung von politisch-ökonomischem Konservatismus, von Ethnozentrismus und Antisemitismus bestätigte den vermuteten Zusammenhang, dass Ethnozentrismus und Antisemitismus tatsächlich mit antidemokratischen, autoritären Persönlichkeitsstrukturen einhergehen (ausführlich dargestellt bei STROEBE 1988, S. 512-515). Neben methodischer Kritik, der diese Theorie ausgesetzt war, ist für W. Stroebe das Hauptproblem dieses Ansatzes, dass die Verknüpfung der verschiedenen Einstellungen, die eine gesamte Weltanschauung ergeben, monokausal auf eine unterdrückende Erziehung im Elternhaus zurückgeführt wird. Soziale und politische Umstände blieben hier unberücksichtigt. Dass sie gleichwohl nicht ignoriert werden dürfen, lässt sich z.B. mit einer Untersuchung von Pettigrew (PETTIGREW 1958) belegen, der feststellt, dass "weiße Südafrikaner, die für ihre Vorurteile gegenüber Schwarzen berüchtigt sind, keine wesentlich höheren Werte auf der F-Skala als Bewohner der amerikanischen Ostküste" (STROEBE 1988, S. 515) hatten. Obwohl sich die weißen Bewohner von Südafrika in ihren Merkmalen auf der Skala zur Messung von antidemokratisch-autoritären Persönlichkeitsstrukturen nicht wesentlich von denen der Bewohner an der Ostküste der Vereinigten Staaten unterschieden, hatten sie gleichwohl stärkere Vorurteile gegenüber Schwarzen. Dies zeigt, dass starke ,Vorurteilhaftigkeit' nicht automatisch aus den Persönlichkeitsstrukturen erwächst, sondern von soziokulturellen Faktoren abhängig ist. Diese müssen unbedingt mit berücksichtigt werden. Ohne sie gibt es keine Erklärung für die "Uniformität von Vorurteilen in bestimmten Gesellschaften und Subgruppen innerhalb von Gesellschaften" (BROWN 1990, S. 405). Ohne die Bezugnahme auf Verschränkungen mit aktuellen politischen und ökonomischen Problemen kann dieser individuelle Erklärungsansatz auch nicht das innergesellschaftliche Auftauchen und Verschwinden von Vorurteilen sowie deren plötzliche Schwankungen erklären.9

Exkurs: Sündenböcke

Im Rahmen der Frustrations-Aggressions-Hypothese, später auch innerhalb kritisch-friedenspädagogischer Ausführungen, spielen Sündenböcke als Opfer ,verschobener' Aggressionen der ,autoritären Persönlichkeit' eine wesentliche und für die ,Sündenbock'-Theorie notwendige Rolle; denn die einmal entstandenen aggressiven Impulse brauchen - gemäß dieser Theorie - ihr ,Entladungsobjekt'. In der Frustrations-Aggressions-Theorie hat die Vorstellung von der ,Aggressionsverschiebung' ihre wissenschaftliche Bedeutung gewonnen. Nach Nolting (vgl. NOLTING 1993a/b) zeigen zahlreiche Experimente allerdings nur, dass es nach Frustrationen häufig zu aggressiven Einstellungen oder Handlungen gegen Unschuldige kommt. Nachzuweisen ist aber nicht, dass dies auf der untergründigen ,Verschiebung' aggressiver Impulse beruht. Nolting unterscheidet darüber hinaus echte und unechte ,Sündenbock-Phänomene' voneinander, denen sehr wahrscheinlich nur das eine gemeinsam ist, nämlich dass Aggressionen gegen Unschuldige gerichtet werden (vgl. NOLTING 1993b, S. 165ff). Zu den unechten ,Sündenbockphänomenen', bei denen keine Schuldzuschreibung vorliegt, die zu einem ,Sündenbockphänomen' im Sinne der Frustrations-Aggressions-Hypothese dazu gehören müsste, rechnet Nolting:

die allgemeine Reizbarkeit im akuten Ärger-Affekt (NOLTING 1993b, S. 166)
den gewohnheitsmäßig aggressiven Umgang mit schwächeren Personen (NOLTING 1993b, S. 167).

Als echte ,Sündenbockphänomene', bei denen eine Schuldzuschreibung vorliegt, bei der die wahrgenommenen Schuldigen und die wirklichen Ursachen jedoch nicht (eindeutig) identisch sind, sieht er

die Aggression mit Schuldzuschreibung in akuten Frustrationssituationen (NOLTING 1993b, S. 167)

die gewohnheitsmäßige Aggression gegenüber Personen mit einem ,Schuldigen-Image' (NOLTING 1993b, S. 169).

Als Beispiel für das unechte ,Sündenbockphänomen' veranschaulicht Nolting im Sinne der ,allgemeinen Reizbarkeit im akuten Ärger-Affekt' folgende Situation. Ein Mann greift nach dem Ärger mit seinem Chef nicht den Chef, sondern seine Frau verbal an. Diese Reaktion erklärt Nolting nun nicht damit, dass die Aggression, die der Mann dem Chef gegenüber nicht ,ausleben' konnte, auf die Frau ,verschoben' wird, sondern er führt das Verhalten des Mannes zurück auf eine affektbedingte, unspezifische Senkung der Aggressionsschwelle. Erregung (Ärger) lässt die Umwelt "undifferenziert als störend und feindlich" (NOLTING 1993b, S. 166) erleben, man befindet sich in einer allgemein gesteigerten Reizbarkeit. Die Aggression wird nun nicht auf bestimmte Personen verschoben, sondern sie kann sich potenziell gegenüber beliebigen Personen zeigen, denen gegenüber allerdings nicht zu große Aggressionshemmungen bestehen dürfen und die (zufällig) anwesend sein müssen. Nolting versteht ein solches Verhalten als eine relativ ungerichtete, impulsive Unmutsäußerung.
Ebenfalls für ein unechtes ,Sündenbockphänomen' hält Nolting ,den gewohnheitsmäßig aggressiven Umgang mit Schwächeren', also beispielsweise den Vorgang, dass ein Kind Zuhause nicht ,mucksen' darf, sich aber aggressiv gegenüber bestimmten Schulkameraden verhält (NOLTING 1993b, S. 167). Aggressionen werden häufig nicht beliebig abreagiert, sondern zielgerichtet gegenüber schwächeren Personen. Dies beruht auf der erlernten Unterscheidung, dass aggressives Handeln offensichtlich bei einigen Personen zu Erfolg führt, bei anderen jedoch unangenehme Folgeerscheinungen nach sich zieht. Möglicherweise haben ,mächtige' Personen, beispielsweise die Eltern, in dieser Hinsicht ein schlechtes Vorbild in ihrem Umgang mit Schwächeren ausgeübt und Kinder dadurch zu einem solchen Handeln angeleitet.
Im Gegensatz zu diesen aggressiven Handlungen an ,Unschuldigen' ohne eine bestehende Schuldzuschreibung liegt nach Nolting bei einer Aggression mit Schuldzuschreibung in akuten Frustrationssituationen ein echtes ,Sündenbock-Phänomen' vor. Für dieses Problem führt er folgende Beispiele an:

"Beispiel: In einer Familie wird ein bestimmtes Kind als die Ursache für familiäre Schwierigkeiten und eigene Unzufriedenheit angesehen (,ohne Karin mit ihren Eßproblemen wären wir eine glückliche Familie').

Beispiel: Eine gesellschaftliche Gruppe (z.B. die Unternehmer, Gewerkschaften) wird für die wirtschaftlichen Schwierigkeiten eines Landes verantwortlich gemacht." (NOLTING 1993b, S. 167)

Die Opfer, hier das Kind bzw. eine bestimmte gesellschaftliche Gruppe, werden in einen schuldigen Bezug zu einer gegenwärtigen Misere gesetzt; ihnen wird - aus welchen Gründen auch immer - subjektiv die ursächliche Schuld zugeschrieben. Dies geschieht dann, wenn man sich selbst von Schuld entlasten und sein Selbstwertgefühl schützen will oder aber - wenn es um eine nicht-persönliche Schuldentlastung geht -, weil eine frustrierende Situation als schwierig und drängend empfunden wird und das Bedürfnis entsteht, eine solche Situation zu verändern (vgl. NOLTING 1993b, S. 168).

"Woran aber soll sich das Handeln orientieren? Man muß hier bedenken, daß in solchen sündenbockträchtigen Situationen die Frustrationsquelle (die ,Ursachen') häufig schwer zu identifizieren oder nicht verfügbar ist (z.B. komplizierte Zusammenhänge einer wirtschaftlichen Krise, unkontrollierbare Naturvorgänge). Die Orientierungslosigkeit, die drückende Ungewißheit, die Lähmung der Handlungsfähigkeit wird aufgehoben, wenn eine Ursache benannt wird, gegen die man vorgehen kann. Die ist im allgemeinen am einfachsten zu leisten, wenn die Frustrationsquelle personifiziert wird, wenn es ,Schuldige' gibt (z.B. die Regierung, bestimmte Minderheiten)." (NOLTING 1993b, S. 168)

Nach Nolting liefert der ,Schuldige' einerseits ,Handlungsorientierung' und lässt andererseits durch die Vorstellung, dass er schuldig an der Misere ist, aggressive Gefühle und Vergeltungswünsche erst entstehen. Nolting folgert daraus, dass nicht der Sündenbock die Folge eines Aggressionsbedürfnisses ist, sondern dass das Aggressionsbedürfnis erst aus der Existenz eines Schuldigen erwächst! In diesem Zusammenhang erinnert Nolting zum einen daran, dass die Zuschreibung von Schuld (Absicht, Fahrlässigkeit) für die Entstehung von Ärger ein entscheidender Faktor ist, und zum anderen macht er darauf aufmerksam, dass bei vielen Frustrationen ohne einen erkennbaren Schuldigen, wie es beispielsweise bei Naturkatastrophen oder Krankheiten der Fall ist, keine aggressiven Handlungen und Gefühle auftreten.10 Echte Sündenbockphänomene bestehen in akuten Frustrationssituationen aus einer Mischung von Vergeltung und instrumenteller Aggression, weil man sich dadurch eine mögliche Verbesserung der eigenen Lage erhofft, möglicherweise von eigener Schuld ablenken kann oder aber auch, um das Zusammengehörigkeitsgefühl unter Betroffenen gegenüber dem gemeinsamen Gegner zu stärken. Durch die Schuldzuweisung an den anderen hat man eine Legitimation für das eigene Handeln, wodurch auch bestehende Aggressionshemmungen gemindert werden können. Nolting macht in seinen Ausführungen deutlich, dass es sich bei den Schuldzuschreibungen an bestimmte Sündenböcke für die ,Täter' um ",zweckmäßige' Kausalattribuierungen" handelt.

Seine vierte und letzte Differenzierung, die in diesem Fall wieder der Beschreibung eines ,echten Sündenbockphänomens' dient, das als eine Schuldzuschreibung charakterisiert wird, bei der die wahrgenommenen Schuldigen und die wirklichen Ursachen nicht eindeutig identisch sind, ist die "gewohnheitsmäßige Aggression gegen Personen mit einem ,Schuldigen-Image'". Als ein in unserem Zusammenhang relevantes Beispiel nennt Nolting Folgendes: In "einer Gesellschaft werden Angehörige einer rassischen oder religiösen Minderheit traditionell benachteiligt, ausgebeutet und schärfer bestraft". Nolting führt aus, dass hier Sündenböcke nicht für akute Probleme verantwortlich gemacht, sondern ihnen dauerhaft bestimmte Merkmale wie ,kriminell' oder ,faul' zugeschrieben werden; das ist der klassische Vorgang der Stereotypisierung. Damit bekommen eben diese Minderheitengruppen "das Image eines Schuldigen, der die aggressive Behandlung ,verdient' hat".11 Dieser stereotypen Zuschreibung bestimmter Eigenschaften liegt nach Nolting meist eine instrumentelle Aggression zu Grunde, die Vorteile einbringt. Man will aus ihnen wirtschaftlichen Nutzen ziehen oder Rangordnungen herstellen. Schuldzuschreibungen sind in diesem Falle ,gewohnheitsmäßiger Aggression gegenüber Personen mit einem ,Schuldigen-Image' vermutlich die Folge von Aggressionen und nicht der ursächliche Faktor. Es handelt sich hier also um ein "sekundäres Sündenbockphänomen", wohingegen die "Aggression bei Schuldzuschreibungen in akuten Problemlagen als primäre Sündenbock-Phänomene" gelten können. Beide können jedoch miteinander verbunden werden, wenn "Personen mit Sündenbock-Stereotyp auch in akuten Frustrationssituationen zum Schuldigen gestempelt werden". Es gibt also offensichtlich bestimmte Merkmale oder Charakteristika, die bestimmte Personen für ,Sündenbockphänomene' als geeignet erscheinen lassen:

"1. Die Personen werden ohnehin nicht ,gemocht' (persönliche Abneigung, Gegnerschaft).
2. Die Personen werden irgendwie mit der primären Frustrationsquelle assoziiert (z.B. Juden als Vertreter der herrschenden Wirtschaftsmacht).
3. Es erscheint ungefährlich, die Personen anzugreifen.
4. Es erscheint moralisch gerechtfertigt, sie anzugreifen. Häufig werden, wie im Falle der Minoritätengruppen (Juden, Farbige usw.), noch zwei weitere Merkmale erfüllt:
5. Sie sind andersartig in Sprache, Glauben, Gewohnheiten (wegen der Andersartigkeit werden sie eventuell nicht gemocht, insbesondere wenn deren Anschauungen die eigenen Überzeugungen ,bedrohen').
6. Sie sind gut erkennbar (Hautfarbe und andere Körpermerkmale)." (NOLTING 1993b, S. 170)

Nolting zeigt also, dass sich alle hier dargestellten Phänomentypen anders als mit der spekulativen Annahme einer untergründigen Aggressionsverschiebung erklären lassen. Daraus lässt sich schließen, dass an der Frustrations-Aggressions-Theorie weniger die als vorhanden postulierte und danach ,verschobene' Aggression relevant ist - denn in Noltings Analyse der "Aggression mit Schuldzuschreibung in akuten Frustrationssituationen" wird ja sogar darauf hingewiesen, dass aus dem Verweis auf Schuldige erst das Aggressionsbedürfnis erwächst. Eine Konsequenz der Nolting´schen Darstellung ist, dass man sich nicht auf der Annahme einer existierenden ,verschobenen' Aggression ,ausruhen', sondern kritisch analysieren sollte, welcher Nutzen von den betreffenden Personen aus den jeweiligen ,Sündenböcken' gezogen wird und wie dieser anderweitig erfüllt werden könnte.

© 2002, Susanne Lin

Überarbeitete Fassung aus:
Susanne Lin: Vorurteile überwinden - eine friedenspädagogische Aufgabe. Grundlegung und Darstellung einer Unterrichtseinheit. Beltz-Verlag, Weinheim und Basel 1999, S. 29 - 138.

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