Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Der konflikttheoretische Ansatz

Susanne Lin

Der konflikttheoretische Ansatz, der die Mitte der 60er Jahre entwickelte ,Theorie des realen Konfliktes' von Campbell und Sherif (CAMPBELL 1965, SHERIF 1967) und die in den 70er Jahren von Tajfel entwickelte ,Theorie der sozialen Identität' umfaßt, erklärt die Entstehung von Stereotypen und Vorurteilen aus konkurrenz- und konflikthaften Gruppenprozessen (vgl. ERB 1995, S. 17, 20ff). Fremdgruppen werden diskriminiert, wenn zwischen der Eigengruppe und der Fremdgruppe reale Interessenkonflikte bestehen und die beiden Gruppen unvereinbare Ziele verfolgen. Als Beispiel dafür kann die Untersuchung von Shrieke 1936 in den USA dienen. Shrieke (SHRIEKE 1936) konnte zeigen, daß sich die Einstellungen gegenüber Chinesen in den USA erst dann verschlechterten und schließlich zu Feindseligkeiten führten, als im Zuge der Verknappung von Arbeitsplätzen die Chinesen als Konkurrenten um Arbeitsplätze gesehen wurden. Ähnliches kann auch für die Verschärfung von Vorurteilen gegenüber Gastarbeitern hier in Deutschland gelten. Guski (GUSKI 1986) wies in einer Analyse von Briefen deutscher Bürger an die Behörden nach, dass das Ausmaß der Ablehnung von Ausländern mit sinkender Zahl offener Stellen sowie steigender Arbeitslosigkeit zunahm.8

"Einwandererminoritäten, vor allem Arbeitsmigranten, werden angeworben und übernehmen diejenigen Arbeitsplätze, die von den Einheimischen gewöhnlich nicht mehr beansprucht werden. Der einheimische Arbeitsmarkt wird so unterschichtet durch ein Arbeitskräfteangebot, das finanziell, sozial und rechtlich schlechter gestellt ist. Die neue Minderheit bildet eine neue Schicht unterhalb der alten Unterschicht des Gastlandes. Deren Status wird kollektiv aufgewertet, während die Situation der neuen Minderheit vielfache Ansatzpunkte für Vorurteile, Diskriminierung und Stigmatisierung bietet. So sind Vorwürfe hoher Kriminalität, mangelnder Bildung, sexueller Aggressivität, Ungepflegtheit usw. typische Bestandteile des Unterschichtsstereotyps, das nun übertragen wird. Diese Vorurteile nehmen an Schärfe zu in sozialen und ökonomischen Krisensituationen, da etwa in Zeiten wirtschaftlicher Rezession ein - zumeist nur prinzipiell gemeinter - Anspruch auf die von der Minorität besetzten Positionen erhoben wird." (ERB 1995, S. 21/22)

Die Konflikttheorie sieht also den Zusammenhang von Stereotypen, Vorurteilen und diskriminierendem Verhalten folgendermaßen: Sie geht davon aus, dass erst durch das Entstehen eines Konfliktes, in dem es dann auch zu Feindseligkeiten kommt, negative Gefühlsreaktionen (=Vorurteile) gegenüber Fremdgruppen aufbrechen. Im Verlauf des Konflikts und der entstehenden negativen Gefühlsreaktionen (=Vorurteile) entwickeln bzw. verschärfen sich erst die Stereotypen, also die Zuschreibungen von negativen Eigenschaften, die auf die Fremdgruppe attribuiert werden. Die Konflikte sind bedingt durch allgemeine, gesellschaftliche Prozesse, wie z.B. wirtschaftliche Stagnation und anwachsende Arbeitslosigkeit etc.
Die Annahmen der ,Theorie des realen Konflikts' werden in der ,Theorie der sozialen Identität' von Henri Tajfel (TAJFEL 1970) modifiziert. Tajfel weist nämlich zum einen nach, dass Interessenkonflikte, die institutionell geregelt werden, nicht zu Feindseligkeiten zwischen Gruppen führen und zum anderen zeigt er in Untersuchungen zur "minimalen Gruppensituation" (TAJFEL 1970, S. 96-102), dass eine Fremdgruppe auch ohne eine Konkurrenz- bzw. Wettkampfsituation diskriminiert wird. Die bloße Zugehörigkeit zu einer von zwei Gruppen - ohne eine Wettbewerbssituation - reicht aus, um die Eigengruppe gegenüber der Fremdgruppe überzubewerten.
In Tajfels Untersuchungen der ,minimalen Gruppensituation' wurden Versuchspersonen nach unwichtigen Gesichtspunkten, nämlich nach ihrer Vorliebe für die Maler Klee oder Kandinsky, in zwei Gruppen geteilt. Daran anschließend sollten die Versuchspersonen Geldbeträge zwischen jeweils zwei Personen aufteilen, von denen nur die Gruppenzugehörigkeit bekannt war. Das Geld wurde anschließend nicht gleich bzw. zufällig verteilt. Dem Mitglied der eigenen Gruppe wurde immer mehr Geld zugeteilt, obwohl dieses Mitglied der jeweils Geld verteilenden Versuchsperson völlig unbekannt war und auch kein Kontakt für die Zukunft zu erwarten war. Diese Verhaltensweise erklärt Tajfel über einen Identitätsbildungsprozess und den Wunsch einer jeden Person nach einem positiven Selbstbild. Denn Selbsteinschätzung erfolgt über Gruppenmitgliedschaften, genauer: Das Ansehen der eigenen Gruppe und damit das Ansehen der eigenen Person hängt vom Ergebnis des Vergleichs zwischen Eigengruppe und Fremdgruppe ab. Da jeder nach einer positiven Selbsteinschätzung strebe, werde dementsprechend die Eigengruppe gegenüber der Fremdgruppe aufgewertet.
Damit wird auch von der ,Theorie der sozialen Identität' ein Abwertungsmotiv angenommen - denn die Fremdgruppe soll ja gegenüber der Eigengruppe abgewertet werden, um der eigenen Selbstwertschätzung zu dienen. Dies ist ein individueller, innerpsychischer Prozess und hängt von der spezifischen Motivation der Selbstwertsteigerung ab. Die ,Theorie der sozialen Identität' nimmt also die Existenz eines Abwertungsmotivs an, das individuell innerpsychisch begründet ist. Gleichwohl - ließe sich hier anschließen - gibt es Menschen, die ein relativ intaktes Verhältnis zu sich selbst haben und dieser Aufwertung nicht bedürfen; ebenso dürften sich auch Differenzen in der Fremdgruppenwahrnehmung und einer dementsprechenden Stereotypen- und Vorurteilsbildung ergeben, je nachdem wie fremd oder wie ähnlich die ,fremde' Gruppe ist. Hier schließt R. Erb an, der die "These eines universalen, quasi ,natürlichen' Ethnozentrismus" bestreitet.

"Man hat herausgefunden, daß es bestimmte Einflußgrößen gibt - etwa das Größenverhältnis der beiden Gruppen, vor allem deren soziale Ähnlichkeit, die Zielsetzung einer Gruppe, innere Krisensituation, psychische Faktoren wie Frustration und Entfremdung - die die Wahrnehmungen und das Verhalten gegenüber der Fremdgruppe bestimmen. Das heißt, Form und Gegenstand der Beziehungen zwischen sozialen Gruppen bestimmten das Ausmaß und den Inhalt der Vorurteile und des feindseligen Verhaltens." (ERB 1995, S. 20/21)

Als problematisch ist - nach Stroebe und aus heutiger Forschungssicht - die grundlegende Annahme des konflikttheoretischen Ansatzes zu beurteilen, dass Stereotypen über die Mitglieder einer Fremdgruppe maßgeblich durch Intergruppenkonflikte erworben werden sollen. Mit diesen Annahmen wird nämlich noch unterschieden zwischen Stereotypen, die auf fehlerhaften Denkprozessen beruhen, und ,normalen' Meinungen. Nach der ,kognitiven Wende' in den 80er-Jahren geht man jedoch nicht mehr davon aus, dass Stereotypen auf fehlerhaften Denkprozessen beruhen und in ihrer Entstehungsweise grundsätzlich von der Entstehung ,normaler Meinungen' zu unterscheiden sind. In der neueren Forschung ist man sich weitgehend darüber einig, dass Stereotypen und Vorurteile als Untergruppen von Meinungen und Einstellungen betrachtet werden und über ,normale' Sozialisationsprozesse erworben werden, also über direkte Beobachtung, über die Information durch Eltern, Schule und Massenmedien. Die konflikttheoretische Annahme über den Erwerb von Stereotypen und Vorurteilen müsste in dieser Hinsicht korrigiert werden (vgl. STROEBE 1988, S. 508/509). Meinungen über Fremdgruppen existieren also in der Regel bereits, bevor es zu Konflikten kommt. Keine Frage ist allerdings, und diese Annahme wird aus dem konflikttheoretischen Ansatz übernommen, dass Stereotypen sich verschärfen bzw. zum Negativen verändern, sobald Konflikte entstehen.

© 2002, Susanne Lin

Überarbeitete Fassung aus:
Susanne Lin: Vorurteile überwinden - eine friedenspädagogische Aufgabe. Grundlegung und Darstellung einer Unterrichtseinheit. Beltz-Verlag, Weinheim und Basel 1999, S. 29 - 138.

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