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Für meine weiteren Überlegungen übernehme ich im wesentlichen die in den vorangehenden Abschnitten dargestellten sozialpsychologischen Definitionen und die empirisch gestützten Erklärungen bezüglich der Entstehung von Stereotypen und Vorurteilen: Stereotypen sind vereinfachende und verallgemeinernde Aussagen über Menschen in Eigen- und Fremdgruppen, die auf Grund bestehender Kategorisierungen ,gelernt' bzw. erworben werden. Stereotypen sind nicht grundsätzlich falsch, allerdings auch nicht grundsätzlich richtig; sie sind auf Grund ihres hohen Verallgemeinerungsgrades nicht einfach zu widerlegen.18 Fremdgruppen werden jedoch aus motivationalen Gründen schlechter beurteilt als Eigengruppen. Stereotypen können sich durch reale oder angenommene, vorwiegend gruppenspezifische und gesellschaftliche Konflikte verschärfen, sie werden emotional bewertet (Vorurteile) und können, in Konfliktsituationen radikalisiert, als ,Kampfmittel' für die Bestimmung von gesellschaftlich-gruppenspezifischen ,Sündenböcken' eingesetzt werden - in instrumenteller Funktion, weniger zufolge ,verschobener' individueller Aggression. Die in W. Stroebes integriertem Ansatz zur Erklärung der Entstehung von Vorurteilen nicht berücksichtigte psychodynamische Theorie schließe ich nicht rigide aus. ,Individuelle Unterschiede' in Bezug auf die ,Vorurteilhaftigkeit', also gerade die emotionale Bewertung von Fremdgruppen, können durchaus durch unterschiedliche Erziehungsstile, hier konkret durch einen ,autoritären' Erziehungsstil, erklärt werden.
Ich weise an dieser Stelle aber auf den m.E. sozialpsychologisch noch nicht ausreichend begreifbar gemachten Verlauf der Entwicklung von Vorurteilen hin. Dass Stereotypen zum Bestandteil des ,Einstellungskonzepts Vorurteil' werden, das - gemäß dem Einstellungsstrukturmodell von Rosenberg und Hovland - drei Komponenten beinhaltet, nämlich Meinung, gefühlsmäßige Bewertung und Handlung, lässt sich m.E. konflikttheoretisch erklären. Den Grundannahmen der Konflikttheorie folge ich insofern, als ich davon ausgehe, dass auf Grund einer - möglicherweise aus Konflikten und/oder Konkurrenzsituationen erwachsenen - emotionalen Betroffenheit bereits gesellschaftlich bestehende Stereotypen für das negative oder positive ,Gefühl' funktionalisiert werden. Diese Mischung wiederum kann dann zur Grundlage für etwaige Handlungsabsichten werden. Das mit der Frage nach der Genese eines Vorurteils aufgezeigte Problem der qualitativen Unterscheidung von Stereotyp und Vorurteil ist nicht neu, sondern begleitet die Stereotypen- und Vorurteilsforschung seit ihren Anfängen. Schon Katz und Braly unterscheiden 1933 Stereotyp und Vorurteil voneinander, und auch Allport grenzt sie - allerdings inhaltlich anders bestimmt - voneinander ab.
"Stereotypen sind somit ,in erster Linie Images einer Kategorie, die vom Individuum gebildet wird, um sein Liebes- oder Hassurteil zu rechtfertigen. Sie spielen beim Vorurteil eine große Rolle, können es aber nicht völlig erklären'. In anderem Zusammenhang betont Allport: ,Daraus schliessen wir, dass die Funktion der Stereotypen als Rationalisierung und Rechtfertigung viel grösser ist als ihre Funktion, Gruppeneigenschaften anzuzeigen.' Hiermit verbietet sich ein synonymer Gebrauch der Begriffe ,Stereotyp' und ,Vorurteil', wie er an gewissen Orten in der Literatur anzutreffen ist. Denn Allport hält endgültig fest: ,Stereotypen sind nicht identisch mit Vorurteilen. Sie sind in erster Linie Rationalisierungen. Sie passen sich der jeweiligen Stimmung der Vorurteile und den Bedürfnissen der Situation an.'" (GREDING 1994, S. 13)
Deutlich wird auch bei Allport der Zusammenhang von ,Liebes- oder Hassgefühlen' und Stereotypen. Denn den Gefühlen entsprechend werden Stereotypen funktionalisiert, wenngleich Allport hier noch den inzwischen überholten Forschungsstand von Stereotypen als grundsätzlich verzerrten Meinungsbildern zum Ausdruck bringt, indem er diese mit dem psychoanalytischen Terminus ,Rationalisierung' belegt. Die Funktionalisierung von bereits bestehenden, kognitions- und sozialisationstheoretisch erworbenen Stereotypen für das Vorurteil auf Grund eines vorhandenen, bewertenden Gefühls - wie sie oben als Folgerung aus der Konflikttheorie logisch erschien - wird durch Allports Aussagen also bestätigt.19
Stereotypen und Vorurteile zu ,übersteigen', also zum einen ihren begrenzten Aussagewert wahrzunehmen und ihn darüber hinaus differenziert ergänzen zu können, zum anderen abwertende Gefühlsreaktionen zu überwinden, bedarf der individuellen kognitiven und motivationalen Anstrengung, m.E. darüber hinaus aber sie übersteigender und integrierender Wertorientierungen. Andererseits kann eine Veränderung von radikalisierten, negativen Vorurteilen gegenüber einer bestimmten Fremdgruppe, die mit radikalisierten, positiven Vorurteilen gegenüber der Eigengruppe einhergeht, nicht ohne allgemeine gesellschaftspolitische, medienpolitische und ökonomisch-arbeitsmarktpolitische Hilfen umgesetzt werden.
© 2002, Susanne Lin
Überarbeitete Fassung aus:
Susanne Lin: Vorurteile überwinden - eine friedenspädagogische Aufgabe. Grundlegung und Darstellung einer Unterrichtseinheit. Beltz-Verlag, Weinheim und Basel 1999, S. 29 - 138.