Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Kriegsbilder oder Wandel des Entsetzlichen

Christian Hörburger

„Eine Fotografie gilt als unwiderleglicher Beweis dafür, dass ein bestimmtes Ereignis sich tatsächlich so abgespielt hat. Das Bild mag verzerren; immer aber besteht der Grund zur Annahme, dass etwas existiert – oder existiert hat –, das dem gleicht, was auf dem Bild zu sehen ist.“[1] Das betont die amerikanische Essayistin und Journalistin Susan Sontag mit Vorsicht und Bedacht. Die Fotografie – und wir fügen hinzu auch der Film, zumal der dokumentarische – sei zu einem der wichtigsten Hilfsmittel geworden, um eine Erfahrung zu machen, um den Anschein der Teilnahme an irgend etwas zu erwecken.
Selbst das propagandistisch montierte Schaubild einer deutschen Kriegswochen-schau kann für sich noch in Anspruch nehmen, wenigstens Partikel einer vorgefundenen Situation zu reflektieren. In den „Zwölf Geboten für Filmbericht-erstatter“ hieß es im Kriegssommer 1943 u.a.: „Du sollst immer daran denken, dass durch Deinen persönlichen Einsatz Millionen an dem Weltgeschehen teilnehmen, und dass Du den gegenwärtigen und kommenden Geschlechtern eine wahrheits-getreue und lebendige Darstellung des gigantische Ringens um Deutschlands Größe durch Deine Arbeit geben musst.“[2] Natürlich wurde, wie wir wissen, mit Bild und Ton gewaltig manipuliert, das gilt schon allein für die routinemäßigen und orchestralen Nachvertonungen, die in Berlin jeweils vorgenommen wurden. Es gibt indessen auch Material von deutschen Kriegswochenschauen, das in seinem Eskapismus und monumentalen Lyrismen in fataler Weise mit jenen aussparenden Bildsequenzen konkurrieren kann, die wir beispielweise aus den jüngsten Militäreinsätzen in Afghanistan kennen. Ich denke hierbei an eine Wochenschau aus dem Jahre 1942, die den Einsatz deutscher Gebirgsjäger im Kaukasus dokumentiert. In einer monumentalen Bergwelt zwischen Schnee und Eis bleibt der „Feind“ im Bild vollständig ausgeklammert und kann nur im Off-Kommentar beschworen werden. Opfer sind in dieser erhabenen Silhouette nicht zu sehen, dafür markig angeschnittene Männer und Geschütze – ganz Riefenstahl-Schule. Eine Ding- und kriegerische Subjektwelt kommt zu Wort, die noch in der Abgeschiedenheit von 3548 Metern über dem Meeresspiegel ganz und gar dem Irrealis verpflichtet ist. Obwohl mit großer Wahrscheinlichkeit authentisches Bilddokument, montiert der Schnitt eine Kriegswelt zu einer ästhetisch durchaus anrührenden Scheinwelt, die die Faktoren hinter den Fakten kaum noch durchschimmern lässt.
Diese ausklammernde und euphemistisch bemäntelnde Bildersprache in schwarz-weiß ist der neuesten, gleichwohl farbigen, Bildersprache aus Afghanistan, wie wir sie vor allem im Dezember des vergangenen Jahres zu Gesicht bekamen, streng genommen, sehr verwandt. Die Ästhetisierung des Krieges zu pittoresken Momentaufnahmen aus dem Hindukusch, die Harmonisierung des Todes, der Armut und des Elends zu touristischen Dias-Sequenzen war diesen Bildausschnitten eigen. Dabei ist es zunächst zweitrangig festzustellen, dass andere Bilder und Einstellungen wegen US-amerikanischer Zensurmaßnahmen kaum oder gar nicht möglich waren.
Wer zum Beispiel am 12. Dezember 2001 bei der Deutschen Presseagentur sich Bildmaterial aus Afghanistan einkaufen wollte, der konnte zwar aus hunderten von Bildern auswählen, doch die Ikonographie dieser Momentaufnahmen zeigte ein nahezu spannungsloses und vermeintlich befriedetes Land, Stillleben bescheidener Hütten, allenfalls Soldaten und Kämpfer, die den Krieg schon lange hinter sich hatten. Dann natürlich wieder Fotos agierender Eliten, nicht aber die Gesichter der namenlosen Zivilbevölkerung und ihrer Opfer.
Die dpa-Bildunterschriften sind für die sprachlose Beliebigkeit bezeichnend und Ausdruck des informatorischen Defizits: „Ein afghanischer Kämpfer bewacht erbeutete Munition des Alkaida-Netzwerk“, „Der Gouverneur von Kandahar, Gul Agha, gibt eine Pressekonferenz“, „Gul Agha begrüßt eine Journalistin vor dem Sitz des Gouverneurs“, „Muschaheddin-Kämpfer beschlagnahmen einen Panzer der Taliban bei Melawa“, „US-Flugzeuge und Cruise Missiles haben das Haus von Taliban-Führer Omar zerstört“, „US-Marines fliegen in die Region bei Kandahar“ etc. In die Erinnerung des Fernsehzuschauers haben sich in diesem Zusammenhang auch jene anonymisierten Flugzeugaufnahmen eingegraben, die auf stahlblauem Himmel zwei Kondensstreifen zeigten, Sinnbild einer immer tätigen Luftwaffe über Lufträumen im Fernen Osten. (dpa veröffentlicht solche mythisch entfremdeten Fotos mehrfach, zum Beispiel auch am 10. November 2001.) Militärische Gewalt reduziert sich in solchen Bildern notwendig zu einer ästhetischen Auseinandersetzung und Gravur an einem fernen Himmel. Obwohl ARD- und ZDF-Korrespondenten, wenn nicht vor Ort in Kabul, so doch in den benachbarten Anrainerstaaten wie Pakistan oder bei der oppositionellen Nordallianz zugegen waren, vermochten sie nur wenig gegen die gesteuerte Desinformation in Wort und Bild auszurichten. Christoph Schult meinte in diesem Zusammenhang fast resignierend: „Nie zuvor war es für Journalisten so schwierig, einen Krieg zu beschreiben wie jetzt in Afghanistan. Die Berichterstatter sind den Propagandisten der Kriegsparteien ausgeliefert. Ihre Methoden zur Manipulation der Medien haben die Militärs in den vergangenen 150 Jahren zur Perfektion gebracht.“[3]
Die 1978 verabschiedete UNESCO-Mediendeklaration scheint inzwischen keine Rolle mehr zu spielen, auch wird deren Umsetzung nicht einmal mehr von dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk eingefordert. Im Artikel 2 heißt es beispielsweise: „Der Zugang der Allgemeinheit zu Informationen soll durch die Vielfalt der ihr zur Verfügung stehenden Informationsquellen und -mittel gewährleistet werden, um so jedem einzelnen die Überprüfung der Richtigkeit von Tatsachen sowie die objektive Bewertung von Ereignissen zu ermöglichen. Dazu müssen Journalisten das Recht zur freien Berichterstattung und weitestmöglichen Zugang zu Informationen haben. Ebenso ist es wichtig, daß die Massenmedien auf die Anliegen von Völkern und Einzelpersonen eingehen, um so die Allgemeinheit stärker an der Ausarbeitung von Informationen zu beteiligen.“[4]
Das Postulat ist in der Öffentlichkeit sehr nachdrücklich in Vergessenheit geraten, allenfalls der kämpferische Medienbeauftragte der OSCE, Freimut Duve[5], dürfte sich der Tragweite dieser internationalen Verabredung noch bewusst sein. Ansonsten muten die UNESCO-Maxime wie der hehre Ruf aus einer längst versunkenen Medienwelt an, deren Verlust nicht einmal mehr vernehmlich beklagt wird. Die internationale Politik der Militärs hat auch die vermeintlich demokratisch strukturierten Rundfunkhäuser eingenommen und sie zu stillen Komplizen der Kriegsmaschinerie gemacht. Die Schere im Kopf ist das eine, das lautlose Arrangement mit allen denkbaren Formen der transatlantischen Nicht-Information die andere Seite der Medaille.
Dass die Medien während des Vietnam-Krieges eine ganz andere Rolle gespielt haben, ist bekannt. Die Bilanz dieses Krieges sind 2 Millionen getöteter Zivilisten und 1,2 Millionen gefallene Soldaten, darunter 60.000 Amerikaner. In der Tat vermittelt die damalige Kriegsberichterstattung einen ganz anderen dokumentarischen Zugang zu den Komponenten des Leidens im Krieg. Wegen der ungeschönten Ablichtung aus den Schlachtfeldern im Dschungel, der die Empörung der Anverwandten und Zurückgebliebenen in den USA stetig anwachsen ließ, bis letztlich eine internationale Protestbewegung einsetzte, verließ Amerika ein mörderisches und zugleich unrühmliches Schlachtfeld. Noch ganz den demokratischen Usancen auf ungeschönte und offene Information verpflichtet, wurden die Reporterteams ohne wesentliche Beschränkungen zu den militärischen Brennpunkten geflogen.
In dem Bildband „Requiem. By The Photographers Who Died In Vietnam And Indochina“[6] ist der ganz anderen, opfernahen, Bildsprache nochmals sehr eindrücklich nachzuspüren. Ob Sean Flynn die Verhörsituation (1966) eines kopfüber aufgehängten Vietkong dokumentiert[7], Kyoichi Sawada die Schleifung eines leblosen Körpers durch ein amerikanisches Kettenfahrzeug (1966) fokussiert[8], Larry Burrows die infernale Rettung eines amerikanischen Kampfpiloten als cineastisches Gruselmedaillon[9] auf dem Bildausschnitt zu inszenieren weiß – der Zuschauer wird bei diesen Bildern, die sich unschwer durch dokumentarisches Filmmaterial ergänzen lässt[10] zur Teilhabe am Entsetzlichen des Krieges verpflichtet. Da ist noch nichts, so hat es zumindest den Anschein, arrangiert und für müde und saturierte Augen choreografiert. Da werden keine Panzer (wie auf den dpa-Bildern aus Afghanistan) „bewacht“, da gibt es kein Lagerfeuer am Hindukusch, vielmehr werden Felder und Hütten am Rand der grünen Hölle in Brand gelegt. Die verstummten Schreie, der sich gegenseitig massakrierenden Soldaten, ihr Morden und Abschlachten treten noch ganz unmittelbar ins Bild – als Schreckensnachricht, die die politischen Eliten in den USA veranlassen sollte, den unerklärten Stellvertreterkrieg im Dschungel 1973 (ruhmlos) zu beenden.
Die beiden Golfkriege (1991 / 1998) zeigten dann mit hohem technischen Aufwand die neue Qualität der publizistischen Verschleierung von Kriegen. Euphemistische Bildzeichen wurden an Stelle von dokumentarischen Signaturen weltweit eingesetzt. Es gab zwar Hunderttausende Opfer, doch diese Kriege wurden dem Zuschauer als makabres Videospiel präsentiert, als ein aseptisches Bildschirmereignis, das die Opfer weitgehend verschwieg. Möglich war dieser „virtuelle“ Krieg am häuslichen Bildschirm freilich erst durch die Integration perfekter Zensurtechniken in den Medien. Die Sensation war 1991 nicht ein neues Kriegs- und Krisenfernsehen, die Sensation war, dass sich die Irreführung des Zuschauers durch das Medium so augenfällig in Szene setzte. Die Rolle und die Funktion eines machtgeschützten Journalismus (CNN im Zusammenspiel mit der Kriegsmaschinerie, den westlichen Medien und dem Pentagon) wurde nach Ende des Krieges (dieses Krieges) in vielen Arbeiten ausführlich dargestellt.[11] Viele hat dabei überrascht, wie einfach sich Journalistinnen und Journalisten für die Zwecke der militärisch und politisch Verantwortlichen instrumentalisieren ließen. Nur wenige wiesen die Zuschauerinnen und Zuschauer auf die Problematik der vorzensierten Bilder hin, nur wenige versuchten, eine Diskussion über einen „Sende-Boykott“ zu initiieren.
Die Bild- und Wortmanipulation war breitflächig angelegt, und mancher Medienzeuge erinnert sich auch noch an jenen ölverschmierten Kormoran, der angeblich Opfer der irakischen Zerstörungspolitik wurde. In Wahrheit handelte es sich um einen „Archiv-Vogel“, der sein Gefieder bereits Jahre zuvor bei der Havarie der Exxon Valdez vor der Küste Alaskas tödlich verschmiert hatte. Der Medienwissenschaftler Dietrich Leder interpretierte die gezielte Manipulation damals mit dem Hinweis: „Der Schrecken, den zunächst das Bild des ölverschmierten Vogels auslöste, entsprang seiner besonderen Mischung aus Hässlichkeit und Schönheit. Der Vogel, der sich kaum noch bewegen, geschweige denn ernähren kann, erscheint wie ein Sinnbild der hilf- und schuldlosen Kreatur. Gleichzeitig sehen wir, dass die See durch das Öl wunderbar beruhigt ist. Überlangsam gleiten die Wogen vorüber. Die Zeit scheint stehen zu bleiben. Nichts regt sich. Die spätere Empörung über die mangelnde Authentizität des Archiv-Vogels war berechtigt. Der Nachrichtenfilm, der sich seines Bildes bediente, informierte nicht über einen komplizierten und bis heute meines Wissens noch nicht aufgeklärten Sachverhalt: Wer bombardierte warum welche Ölquellen mit welchen Folgen? Stattdessen reduzierte er ihn auf eine emotionali-sierte Anschauung. Das kann man Propaganda nennen.“[12]
Nach dem Informationsdesaster von 1991 gaben sich auch prominente deutsche Fernsehjournalisten zerknirscht und gelobten vollmundig Besserung. Ich erinnere mich an ein Interview mit Nikolaus Brender[13], in welchem er die offensichtlichen Fehlleistungen der Kolleginnen und Kollegen durchaus einräumte und nachdrücklich Wandlung in Aussicht stellte: „Es war totales Fernsehen mit null Informationen und trotzdem haben wir mitgemacht. Wir waren von der Einschaltquote fasziniert.“[14]
Verändert hat sich indessen seither kaum etwas, wenn man einmal von der medialen „Wiedergutmachung“ in Somalia am Morgen des 9. Dezember 1993 absehen will. Nur um Stunden zeitversetzt mit dem realen Ereignis am Horn von Afrika berichtete auch das Fernsehen in Deutschland über die pünktliche Landung der US-Soldaten. In Umkehrung der medialen Gepflogenheiten anlässlich des Golfkrieges waren die Medien diesmal dringlich eingeladen, sich am Strand von Mogadischu beim Landing der Amerikaner im Mondschein zu versammeln. Die meisten Bilder, die von der Landung zu sehen waren, wurden dem deutschen Fernsehen direkt von amerikanischen Agenturen angeboten. Die Bilder unterstrichen signifikant die militärische Überlegenheit der amerikanischen Helfer. Joachim Holtz zeigte in einem ZDF-spezial (9.12.1993) die gespenstische nächtliche Szenerie und die beispiellose Choreographie des Medienauftritts. Das UNOSOM-Unternehmen von 1992/93 galt zunächst der Eindämmung der somalischen Hungerkatastrophe und der Errichtung geschützter Korridore. Medial gesehen war es freilich noch einmal eine relativ risikolose und begrenzte postkoloniale Okkupation, die vor allem der amerikanischen Selbstdarstellung diente: „Rechtzeitig vor der Primetime, der Hauptnachrichtenzeit an der amerikanischen Ostküste, schieben sich die Amphibienfahrzeuge die Dünen zum Flughafen hoch – durch das Blitzlichtsperrfeuer der Journalisten. Der Vormarsch mit schwerem Gerät wird den ganzen Tag anhalten. Am Boden schwärmen Kommandos aus, zwischendurch Verkehrsstaus am Landungspunkt für Journalisten.“[15]Doch diese „neue Offenheit“ bei der Krisenberichterstattung, propagandistisch begründet wie auch immer, sollte ein relativ einmaliger Vorgang bleiben.
Die Krise auf dem Balkan ließ dann Monate später schon wieder ganz andere Töne und Bilder in die deutschen Fernsehstuben schwappen. So ging es (beispielsweise) am 7. Juli 1993 in der ZDF-Sendung „Vergeßt Jugoslawien!“ endlich wieder darum, einen militärischen Einsatz in einer von der Bundesrepublik nur zwei Flugstunden entfernten Region einzufordern. Emotionalisierende Bilder untermauerten die Botschaft. Der Imperativ in der Schlagzeile der Sendung machte damals stutzig, war funktionalisiert als letzter Hilfeschrei im Namen einer Region, über die die Geschichte, die Machtkartelle von Peking, Washington, Bonn, Paris und Moskau anscheinend stillschweigend hinweggegangen waren. UNO-Konvois, so war im Bericht zu hören, wurden wieder einmal von irgendwem auf dem Balkan blockiert, hungernde Menschen von Menschen schikaniert und gedemütigt.
Der Moderator Joachim Holtz sprach im Studio von „ins Fleisch schneidendem Hohn und Spott, dem höchsten Grad der bitteren Ironie“. Die Nüchternheit einer „ausgewogenen“ Berichterstattung versagte angesichts des Gemetzels. Doch die UN-Weltpolizisten schrumpften zu „possierlichen Sendboten der Vernunft“, zwei veritable Lords, etliche Außenminister, der Sicherheitsrat in toto, Tudjman, Vance, Itzetbegovic´ wurden kollektiv als „Marionetten“ verhöhnt. Der empörte Moralist am Bildschirm sprach von einer „Chronik der Heuchelei“ und rief nach Waffen und militärischem Einsatz. Dann folgte das Bildarrangement mit einer ausgemergelten Mutter, zwei Kinder auf ihren Armen. Das war natürlich kein Schnappschuss, dahinter steckte eine ausgefeilte Bilddramaturgie (ganz mater dolorosa). Die Frau sprach deutsch, wie bestellt. Auch das kein Zufall. Ihre Klage: „Warum kommen Sie hierher, um unser Elend zu filmen?! Statt uns zu helfen, wartet ihr und schaut zu, wie wir krepieren.“ Jetzt wäre eine Erklärung oder ein Kommentar fällig gewesen. Denn was die Verzweifelte meinte, wirklich sagen wollte, war so sicher nicht. Durch die Sequenzen davor und danach suggerierte das Medium die Forderung nach militärischer Vergeltung, nach verschärftem Krieg, und legte diese Aussage unausgesprochen einer hungernden Frau mit ihren zwei Kindern in den Mund, einer Frau, die deutsch spricht oder sprach. Der Begriff Frieden blieb suspendiert, niemand wollte diesen animieren, schon gar nicht Joachim Holtz. Die Bilder sollten sich einer waffenlosen Alternative allem Anschein nach versperren. Krieg dem Krieg, aber bitte mit Waffengewalt, das war die spezial-Losung im ZDF.
Vom Balkan-Krieg gab es also durchaus Bildmaterial, das aufrütteln sollte. Es zeigt Wirkung insofern (und damit eine ganz andere Konsequenz als in Vietnam), als die Bilder (nicht immer aber) oft einer herbeigesehnten militärischen Intervention von außen verpflichtet waren. Doch dann, im Augenblick der Stunden Null (es gab dieser bekanntlich gleich mehrere) verfiel das deutsche Fernsehen neuerlich in jene akklamierende Apathie des bündnistreuen Zuschauens, vor der doch zum Beispiel Brender oder Voss nach dem Golf-Krieg so überzeugend gewarnt hatten. Die „Tagesschau“ vom 31.8.1995 oder auch ein Vorbericht von Peter Dudzik (30.8.1995) feierten den Nato-Einsatz gegen serbische Stellungen ganz in der Tradition der Bagdad-Berichterstattung. Neuerlich ersetzten vor allem elektronische Videospiele auf dem Bildschirm die journalistisch distanzierte Berichterstattung. Wieder war Verlautbarungsjournalismus aus der Feder der Militärsprecher angesagt: „Fünfzehn Ziele haben sie im Visier. In Sarajevo wird es ruhiger. Erster militärischer Erfolg: die serbische Artillerie rund um Sarajevo ist ernsthaft reduziert.“ („Tagesschau“, 20.08.1995.) – „Die Angriffe gegen serbische Stellungen, so hieß es am Nachmittag in Brüssel, würden so lange weitergehen, bis der Flughafen und die Zufahrtstraßen in der Stadt offen seien.“ („Tagesschau“, 31.08.1995.)
Dreieinhalb Jahre später wiederholt sich eine solche Nato-Intervention, und das ZDF gibt am Vorabend des Lufteinsatzes in einer Art militärische Vorschau auf die kommenden Ereignisse. Mit Technikeuphorie und kaum verstecktem Hurrageschrei feiert ein ZDF-spezial (24.03.1999) den neuerliche Kriegseinsatz. Karl Prümm analysierte diesen ZDF-Auftritt mit dem Hinweis: „Auch dies ist ein angeeigneter, ein übersprochener Propagandatext, aber er verzichtet auf eine eigene Sprache, schwingt sich ein in den technizistischen Jargon der Rüstungsindustrie. Hier wird ein Werbefilm begeistert nachbuchstabiert und mit einem neuen Off-Text um so wirksamer gemacht. Alle Elemente werden noch einmal übersteigert – der mythisch-märchenhafte Subtext von Unsichtbarkeit und Unfehlbarkeit, die Oberfläche von Science Fiction, das berauschende Spiel der Farben und Formen, die ausgeklügelte Lichtregie und die präzisen Schnitte.“[16] In der Tat, hier wurde nicht mehr journalistisch informiert und eigenständig bewertet, sondern der Generalität und der Kriegsindustrie Sendezeit im erheblichen Umfang eingeräumt. Kritisches Beleuchten und Analysieren wurde ausgetauscht gegen die Feier der militärischen Überlegenheit. Menschen wurden nur insofern ins Zentrum gerückt, als sie sich militärisch funktionalisieren ließen. Opfer zeigte diese Bildregie selbstverständlich nicht, sie war allein der militärischen Ästhetik verpflichtet, die damit verbundenes Zukünftiges selbstverständlich ausblendet.
Und schließlich: vor dem nur lyrisch bebilderten Afghanistankrieg jene Bildwirklichkeit (bewegt oder unbewegt), die uns am 11. September 2001 glauben machte, wir hätten durch die Reportierung der Bilder vom einstürzenden World Trade Center mehr erfahren als nur die Ablichtung einer in sich zerfallenden Wirklichkeit. Unmanipuliert schien die Botschaft und in vielfacher Hinsicht von Menschen entkleidet. Bei allem Schrecken: Sternstunde also einer dinglich sich vermittelnden „Objektivität“ ? Skepsis ist angebracht, auch wenn man vielleicht nicht unbedingt so weit zu gehen braucht, wie es Susanne Gölitzer nahe legt. Sie merkt an: „Die Ausstrahlung dieser Bilder hat uns gewissermaßen zu Komplizen der Täter gemacht, weil wir diese Bilder symbolisch als Bilder eines solchen Kampfes verstehen mussten, in dem wir uns zu positionieren hätten.“[17] Vielleicht ist es kein Zufall im übrigen, dass ein nahezu subjektfreies und damit menschenleeres Bildmaterial vom WTC später mit den pittoresken Null-Informationen aus Afghanistan korrelieren sollte. Hier wie dort kann das Bildmaterial für sich genommen nur Marginales in Beziehung setzen, bleibt ohne beredten Dolmetscher Null-Medium oder Chimäre. Und wenn der begründete Verdacht von neuerlichen Bildmanipulationen im Ground-Zero-Kontext[18] sich bestätigen sollte, dann hätten jene weiterhin Recht, die von der Suggestivkraft der Oberflächenabtastung (das Foto) mahnend sprechen. Die vermeintliche Zeugenschaft der Teilhabe dank des Bildes ist allemal eine trügerische und beschwört den status quo, ja sogar die nächste Katastrophe. Oder anders und mit Susan Sontag gesprochen: „Wer sich einmischt, kann nicht berichten; und wer berichtet, kann nicht eingreifen“.[19] Das gilt aber auch für die Mediengesellschaft als Zuschauer und offenbart ein wenig tröstliches Dilemma.

[1]Susan Sontag: In Platos Höhle. In: S. Sontag: Über Fotografie. München/Wien 1989, S. 11.
[2]Zitiert nach Kay Hoffmann: Die Deutsche Wochenschau. Vortrag, gehalten am 7.12.2001 in Stuttgart.
[3]Christoph Schult: Lügen für den Sieg, in: Spiegel, 10. Oktober 2001.
[4]UNESCO-Mediendeklaration, Quelle: Europa-Archiv, Folge 71 (1979), D 190-192.
[5]Seit 1997; 2001 erneut im Amt bestätigt.
[6]© 1997 by Indochina Photo Requiem Project, LTD, New York, www.atrandom.com.
[7]Ebd., S. 113.
[8]Ebd., S. 134.
[9]Ebd.., S. 176f.
[10]Vergl. z.B. die Materialien im Haus des Dokumentarfilms (SWR) in Stuttgart.
[11]Vgl. u.a. Martin Löffelholz (Hrsg.): Krieg als Medienereignis. Grundlagen und Perspektiven der Krisenkommunikation. Opladen 1993; Heimo Schwilk: Was man uns verschwieg. Der Golfkrieg in der Zensur. Berlin 1991; eine ausführliche Auswahlbibliografie zum Thema hat jüngst Christian Filk erstellt: Christian Filk: Krisen- und Kriegskommunikation. Auswahlbibliografie zu soziokulturellen, historischen, politischen, medialen und ethischen Kontexten [Stand: März 2002]. Das Forschungsergebnis ist im Online-Forum Medienpädagogik http://www.kreidestriche.de/indexer/details.pl?id=1599.
[12]Dietrich Leder: Der Golfkrieg im Fernsehen. Eine Bildbetrachtung. In: Augen-Blick. Marburger Hefte zur Medienwissenschaft, Heft 11, Marburg 1991, S. 50.
[13]Er arbeitete damals noch für den WDR.
[14]Nikolaus Brender: „Wir haben unseren eigenen Krieg ausgefochten“. In. Löffelholz: Krieg als Medienereignis. Opladen 1993, S. 172.
[15]Off-Kommentar, ZDF-spezial, 9.12.1993.
[16]Karl Prümm: Korpsgeist und Denkverbot. Das deutsche Fernsehen im Kosovo-Krieg, Vortrag gehalten auf den 33. tage der mainzer fernsehkritik [2000]; dokumentiert auch im Online-Forum Medienpädagogik http://www.kreidestriche.de/onmerz/werkstatt/zdf/ind_pruemm.html
[17]Susanne Gölitzer: Die Wirklichkeit der Bilder. In: medien + erziehung,, Nr. 1/2002, S. 21.
[18]Vergl. Ludwig Seyfarth: Ruinen überall. Das Projekt Moderne. Gescheiterte Hoffnung nach dem Terror gegen Amerika. Eine Bildbetrachtung aus aktuellem Anlass, in: verdi-Zeitschrift, 50 (2001), Nr. 10, S. 8f.
[19]Susan Sontag a.a.O.

Hinweis: www.kreidestriche.de wurde im Dezember 2003 vom Netz genommen.

© Copyright: Christian Hörburger

Quelle: TV-Diskurs Nr. 21/Juli 2002. S. 44-49.

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