Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Stammesfehde und ethnischer Konflikt?

Die Reduktion politischer und sozialer Konflikte in der "Dritten Welt" auf alte tradierte Stammesfehden hat in der mitteleuropäischen Berichterstattung Tradition und wurzelt möglicherweise in einem kolonialen Denken, das zum Beispiel zwischen einer "modernen", "urbanen" und "fortschrittlichen" Gesellschaft westlicher Prägung und vermeintlich primitiv organisierten Kulturen afrikanischer Provenienz unterscheidet. Die Fernsehberichterstattung über die Ereignisse in Somalia (1990-1993) machte dieses Klischee der Simplifizierung von Zusammenhängen und Hintergründen immer wieder deutlich. Somalia wird in Schulbüchern und Medien landläufig als eine unorganisierte Anhäufung von "Clans" und "Nomaden" definiert. Dabei sind schon die Begriffe "Clan" und "Nomade" nicht frei von ideologischen Gravitationen. Ein gängiges PC-Programm43 wirft unter "Clan" die zum Teil wenig schmeichelhaften Synonyme: "Familienverband", "Großfamilie", "Mischpoke", "Sippe", "Sippschaft" aus und erinnert ganz nebenbei an das amerikanische Korruptions-Drama "Denver Clan", das über Jahre das Unterhaltungsfernsehen des Westens mitbestimmte. Andererseits wäre die bedenkenlos eingeführte Begrifflichkeit "Nomaden"-Staat ebenfalls eine tendenziell rassistische Terminologie, denn sie unterstellt Primitivität und Willkür seiner Bewohner. Auch hier gibt uns das Thesaurus-Programm am PC Auskunft: es meldet als Analogon zu "Nomade" "Umherziehender", "Umherirrender", "Wanderer", "Vagabund" und "Ruheloser". Der Nomadengesellschaft traut die Fernsehgesellschaft keine rationalen politischen Entscheidungen zu; im Gegenteil: die Wärter rufen aus abendländischer Tradition Mißtrauen und Geringschätzung hervor. Ethnologen und Politologen haben die afrikanische "Stammes"-Kultur mit der Definition "Tribalismus" umschrieben. Gemeint ist damit in letzter Konsequenz eine archaische Gesellschaftsstruktur mit partikularistischen und zugleich atavistischen Stammesinteressen. "Letztlich wurde durch die Kolonialpolitik das Phänomen", schreibt Michler, "das mit dem Begriff "Tribalismus" beschrieben wurde, erst geschaffen, und aus dem konkurrierenden Gruppenbewußtsein der sogenannten Stämme versuchte die Kolonialmacht dann, ihren eigenen Nutzen zu ziehen, gemäß der alten Devise "divide et impera" - "teile und herrsche""44 Die Fragwürdigkeit dieses ethnologischen Zugriffs auf die Probleme Schwarzafrikas ist evident und verdeckt immer wieder die postkolonialen oder hausgemachten Ursachen der Krisen. Fernsehberichterstattung, die diese Terminologie unhinterfragt perpetuiert, nimmt selbst Anteil an der Zementierung des Nord-Süd-Gefälles. Dabei sind diese Begriffe allemal bequem und populistisch. Sie weisen den Opfern der Ausbeutung im Kontext einer biologistischen Weltsicht die Ursachen für Hunger und Krisen zu. Auf solche versteckten oder offenen Erklärungsraster sollte der Zuschauer bei allen Filmen über das Ausland, in Sonderheit über die "Dritte Welt", achten. Michler bemerkte zum Stammes-Konzept, es sei "ein Begriff aus der kolonialistischen Rumpelkammer und sollte endgültig in diese eingemottet werden."45 Der westliche Mensch hat den Nomadismus in Somalia als etwas Rückschrittliches verstanden. Daraus haben sich fatale entwicklungspolitische Kurzschlüsse entwickelt mit dem Ziel "seßhaft machen, Land in Besitz nehmen und es mit Anbau oder Viehzucht kapitalisieren und langsam industriealisieren",46 beschreibt Al Imfeld westlichen Umstülpungsversuche in Somalia, die zu neuen Erschütterungen geführt haben.

Die offene oder verdeckte Definition eines Konfliktherdes als ein "Stammes"- oder "Clan"-Problem in Schwarzafrika - so ließe sich eine Hypothese formulieren - erleichtert das Eingreifen ausländischer Truppen, zumal der UN-Truppen. Der Druck der internationalen Medien, so läßt sich weiter argumentieren, hat die Intervention der Blauhelme in Somalia sicherlich befördert, wenngleich keinesfalls allein bedingt. In der Resolution 794 vom 3. Dezember 1992 begründet der Sicherheitsrat das Eingreifen der Völkergemeinschaft in Somalia mit dem Hinweis auf die "Bedrohung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit". Seit 1991 hatte das Internationale Komitee des Roten Kreuzes auf die Hungersnot in Somalia hingewiesen. Hinzu kam ein starkes innenpolitisches Interesse der Bush-Administration, sich auf außenpolitischem Gebiet zum Ende der Legislaturperiode zu profilieren.47

Am 5. Juni 1993 wurden 23 pakistanische Blauhelme durch Aideed-Anhänger getötet, was in der westlichen Öffentlichkeit den Eindruck der unkontrollierten "Bandenbildung" verstärkt haben mag. Eine seriöse Berichterstattung und Hinterfragung dieses Überfalls fand in den Medien m. E. ebenso wenig statt wie bei der Erschießung eines Einheimischen durch einen Bundeswehrsoldaten in Belet Huen. Die Behandlung der Vorfälle durch die Medien, die Aussparung oder Negierung der Hintergründe, macht aber deutlich, daß wir es im Falle der Somalia-Berichterstattung mit einer besonderen Problematik zu tun haben, einer Problematik, die zum Teil in einer postkolonialen Perspektive gründet. Luftangriffe der Amerikaner auf eine Rundfunkstation und auf das örtliche Krankenhaus mit dem Hinweis, man habe Aideed aufspüren wollen, zeigen die Fragwürdigkeit des Einsatzes. "Der Tatsache, daß die UN-Truppen zahlreichen Somali das Leben retteten, steht die Tatsache gegenüber", unterstreicht Volker Matthies, "daß sie Hunderte bis Tausende Somali getötet haben, darunter viele unschuldige Zivilisten."48 Mit dem Einsatz der Bundeswehr in Somalia hatten die deutschen Medien eine weitere Legitimation, spektakulär und sensationell zu berichten. Immerhin ermöglichte der umstrittene Einsatz, in aller Ausführlichkeit über die deutschen "Leistungen" zu berichten. Die Menschen, denen die Hilfe den Beteuerungen zufolge galt, die Somalis, verschwanden ein weiteres Mal aus dem Objektiv. Die Selbstdarstellung des Heeres - ja der "Wüstenfüchse" - mit seinen 1700 Soldaten stand im Mittelpunkt, die "Clans", "Banditen" und "Nomaden" waren nicht mehr so wichtig. Als Argument für die Berichterstattung waren die Somalis nur noch am Rande tauglich. Wichtig war die Präsentation des deutschen "Beitrags", der auf dem Kabinettbeschluß vom 21. April 1993 basierte. Der erste deutsche Auslandseinsatz der Bundeswehr wurde von den Medien minutiäs verfolgt, diente er doch vor allem auch der Selbstdarstellung des Verteidigungsministeriums. Kritiker des Somalia-Einsatzes haben das krasse Mißverhältnis zwischen dem personellen, finanziellen und materiellen Aufwand der Operation und ihrem eher dürftigen Ertrag (Eindämmung der Hungernot) beklagt. Volker Matthies spricht gar von einer "Schaufensteroperation"49, die bis Ende 1993 rund 330 Millionen DM gekostet hat, wobei die zusätzlichen Ausgaben für direkte humanitäre Zwecke (34 Millionen DM) eher gering ausgefallen sind.

Bei der näheren Fernsehanalyse ist darauf zu achten, wie der Konflikt in Somalia in Bild und Wort vermittelt wurde. Leuchtete das Fernsehen auch hinter das äußere Erscheinungsbild der "Clan"-Gesellschaft oder diente die komplexe somalische Sozialstruktur nur als Vorwand für die postkoloniale Intervention? Die Beseitigung des Hungers war ein berechtigtes Anliegen. Immerhin hatte die UNOSOM II-Allianz auch ganz handfeste Partikularinteressen:

Nach dem Zerfall des Ost-West-Konfliktes alter Prägung hat ein Paradigmen-Wechsel bei der Ursachenbeschreibung von Kriegen stattgefunden, der von den Medien nachhaltig gestützt wird. Ließen sich vor dem Zusammenbruch der kommunistischen Weltordnung die meisten Konflikte - fragwürdig wie auch immer - als militärisch offene oder verdeckte Konfrontation zwischen östlicher und westlicher Interessensphäre beschreiben, so scheinen sich jetzt die Medien der neunziger Jahre darauf "verständigt" zu haben, daß die kriegerischen Konflikte weltweit auf "ethnische" Ursachen zurückzuführen seien. Neben einer "biologistischen" und rassisch definierten Weltsicht, die hinter solcher Argumentation steckt, dient das ethnische oder religiöse Paradigma der Konservierung schlechterdings unüberwindlicher biologischer oder mentaler Bewußtseinsschranken. Die ideologische Verkrustung, die damit einhergeht, dient nur zu oft der Verschleierung der tatsächlichen Ursachen für Krieg und Hunger, die weiterhin im nicht befriedeten Nord-Süd-Konflikt oder in innerstaatlichen Problemen liegen können. "Jedes neue Gemetzel erhält sogleich das Etikett ethnisch"51 und legitimiert damit das neue koloniale Medienbewußtsein, das mit der militärischen Intervention von außen als ultima ratio rechnet, ja sie einfordert. Der "ethnischen Weltsicht", wo sie sich in den publizistischen Diskurs eingeschlichen hat, ist jedensfalls mit gebotener Zurückhaltung und Skepsis zu begegnen. Sie dient oft der ungeprüften Schuldzuweisung und unterschlägt das Netz der nationalen und internationalen Verantwortlichkeiten. "Die mindestens zwanzig laufenden Gewaltkonflikte in Afrika weisen zum Teil die gleichen Ursachen und Verläufe auf", betonen Günter Bächler und Schiemann Rittri; es falle dabei auf, "daß es sich bei den sogenannten ethnischen Konflikten nicht um spontane Pogrome, sondern um konzentrierte, geplante und systematisch durchgeführte Aktionen mit Methode und Strategie handelt."52

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