Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Personalisierung und Verdinglichung

Die abendländische Geschichtsschreibung ist nicht erst seit Carl Jacob Burckhardt durch die Focussierung auf handelnde Eliten, Männer und Heroen gekennzeichnet. Es war unter anderem Bert Brecht, der auf die mißliche Schieflage in den deutschen Schulbüchern hingewiesen hat und eine Geschichtsschreibung "von unten", das heißt aus der Sicht der Opfer und objektiv am meisten Betroffenen immer wieder einforderte. Geändert hat sich an dem gängigen Klischee von den "Männern, die Geschichte machen" nichts. Im Gegenteil, es hat den Anschein, daß unter den Bedingungen der Massenkommunikations-Gesellschaft, die auf Vereinfachung und Simplifizierung im Bildkontext setzt, die imperiale und patriarchale Interpretation geschichtlicher Zusammenhänge sich weiter verfestigt hat.

Eine Analyse der Fernsehberichterstattung über die "Dritte Welt" bestätigt diese Annahme. Während die politischen Akteure der nördlichen Hemisphäre sich auf der Wirklichkeit des Fernsehbildschirms breit und namentlich darstellen können, das Medium gewissermaßen ihre Präsenz unaufhörlich verlangt und mit in Szene setzt, ist solches "namentliches Agieren" aus der Perspektive der betroffenen "Dritten Welt" die Ausnahme. Die "Diktatoren", "Banditen", "Tyrannen" und "Unterdrücker" der Zweidrittel-Welt werden zwar wie im Falle des somalischen Clanführers Aideed benannt und nach Möglichkeit ins Bild gebracht, doch dienen diese fernen und farbigen Akteure dem Fernsehen in aller Regel nur zur Bestätigung des Modells vom standardisierten Antihelden, das kaum persönliche Merkmale von Individualität und Charakter aufzuweisen hat. Es ist daher kein Zufall, wenn westliche oder europäische Gesprächspartner im Bild meist in einer Bildunterschrift ihren Namen - vielleicht auch ihre politische Funktion - zugewiesen bekommen. Dem schwarzen Clanführer wird solche Selbstverständlichkeit in aller Regel versagt, auch wenn sein Name vom Moderator oder Reporter vor Ort ausgesprochen wird. Ein afrikanischer Clanführer, zum Beispiel, erfüllt in der Sprache des Fernsehens eine undifferenzierte Funktion, die keiner weiteren Individualisierung bedarf. Wort und Begriff sind im Deutschen keineswegs gebräuchlich und lösen latent den Schauer des Geheimnisumwitterten aus. Clan- und "Stammesführer" sind in dem Selbstverständnis des westlichen Mediums etwas essentiell anderes als ein europäischer Politiker im Nadelstreif oder ein hochrangiger UN- oder NATO-Offizier, dessen Namen in der Bildunterschrift auftaucht. Krisen in Afrika werden als Schlagzeilen vermittelt, als Paukenschläge aus einer dumpfen anarchischen Welt, die das Fernsehen in fiebernder Nervosität wachhält. Die Signalwärter, deren sich das Medium bedient, lauten immer wieder "Massaker", "Seuche", "Hunger", "Aids", "Korruption", "Bevölkerungsexplosion" oder "Stammesfehde". Auf diese Katastrophen-Kaskaden hat sich der Zuschauer eingestellt, er erwartet im Zuge der Wiederholung kaum andere Begriffe. Auf Gemetzel und Blutbad ist er eingerichtet, wenn aus Afrika berichtet wird, nicht auf Bewältigung von Krisen, Aufbau und positive Entwicklung.53 Auch dann, wenn das westdeutsche Fernsehen sich sorgfältig auf einen Programmschwerpunkt vorbereitet hat wie im September 1994, als es die Kairoer "UN-Konferenz zu Bevölkerung und Entwicklung" mit zahlreichen Sondersendungen begleitete, wird die krude Sensation oftmals der behutsamen Analyse vorgezogen. Solches kann sich bereits im Titel der Fernsehbeiträge ausdrücken. Kitzel und Voyeurismus werden stimuliert, die nüchterne Analyse tut sich da schwer. Beispiel:

Die afrikanischen "Krisen" werden in der Regel außerhalb einer globalen Vernetzung beschrieben, als sich wiederholende Erschütterungen, die angeblich selbstverschuldet sind. "Aus eurozentristischer Sicht", so betont Mekonnen Mesghena, "läßt sich die "Unterentwicklung" afrikanischer Gesellschaften leicht als hausgemachtes und internes Problem des Kontinents darstellen."55

Andererseits zeichnet sich auch die Kriegsberichterstattung über und aus Ex-Jugoslawien immer wieder durch die Fülle ahistorischer Momentaufnahmen aus. Das heißt, Krieg, seine Zerstörungen und Verletzungen, werden als Zustand transferiert, als ein status quo ohne Genese. Die Momentaufnahmen auf Panzer, Ruinen, Tote und Verstümmelte sind austauschbar und beschwören in der Breite folgenlosen Schrecken. Die Berichterstattung über Ex-Jugoslawien ist über weite Strecken eine parteiliche Stellungnahme gegen den serbischen "Aggressor" und dient unter anderem der Legitimation der kroatischen Interessen durch ARD und ZDF. Als Medium des Augenblicks mit dem "Kitzel des Unvorhergesehenen"56 reflektiert das Fernsehen kaum die Genese der kriegerischen "Unordnung" auf dem Balkan. Der Konflikt wird - dabei der Krisenberichterstattung über Afrika vergleichbar - als eine instabile Konstante reflektiert, die angeblich auf ethnische und religiöse Ursachen zurückgeht. Das Fernsehen blendet dabei die mögliche Involviertheit des Zuschauers in den Akt der kriegerischen Auseinandersetzung Bild um Bild aus. Das Nachrichtengewitter als Perpetuum mobile der Zerstörung im "fernen" Balkan lähmt die notwendige Reflexion über persönliche oder staatliche Mitverantwortung. Stattdessen wähnt sich der Zuschauer in der vergleichsweise geordneten Bundesrepublik als exkulpiert. Das deutsche Fernsehen fordert spätestens seit 1993 vermehrt das militärische Eingreifen der NATO und UN-Truppen und folgte damit der populistischen These von der Befriedung Ex-Jugoslawiens durch die Militärmaschinerie des Westens.57 Die Dauerberichterstattung über einen Krieg, der vom Publikum nur noch als "Naturzustand" erlebt werden kann, als factum brutum ohne historische Koordinaten, läßt Folgenlosigkeit, allenfalls Ekel und eine unbestimmte Bedrohung beim Zuschauer zurück.58 Die Allgegenwart des Mediums hat Krieg als "häusliches" Ereignis auf dem Bildschirm einnisten lassen, das Fernsehen zeigt "Präsenz, ohne wirklich da zu sein".59

Die Präsentation einer Handvoll von angeblichen oder vorgeblichen Protagonisten in der Kriegs- und Krisenberichterstattung des Fernsehen suggeriert in der Tat eine mächtige Verantwortlichkeit von wenigen in der Welt. Mit dieser Personalisierung von Kriegsereignissen wird das tatsächliche gesellschaftliche Geschehen zum Beispiel in Ex-Jugoslawien oder am Horn von Afrika in unzulässiger Weise verkürzt. Schuld und Verantwortung lassen sich so kurz und bündig dingfest machen. Der bildliche und akustische Appell an wenige Auserwählte einer meist politischen oder militärischen Elite impliziert auch die Resignation vor der Veränderung, vor Strategien, die eine qualitativ neue Friedensordnung im Blick hätte. Geschichte, Konflikte und Krisen erscheinen allzu oft im Brennspiegel "vorgeschobener" Personen und verdecken damit die "Faktoren hinter den Fakten". Die vergrößernde und monumentale Portraitierung von Aideed, Karadzic, Milosevic oder auch anderer Konfliktträger saugt die sozialen und politischen Hintergründe der Konfrontationen tendenziell auf.
Die Erosion der SU und ihrer Nachfolgestaaten hat die Suche nach neuen Feindbildern sicherlich befördert. Wenn die Beobachtungen nicht täuschen, hat sich eine ideologische Weichenstellung im Fernsehen in Richtung eines neuen Glaubenskrieges bereits vollzogen. Der Ex-Jugoslawienkonflikt im Fernsehen fungierte dabei, gewiß unbewußt, auch als eine geheime Abwehrschlacht gegen den Islam, die "Dritte-Welt"-Berichterstattung diente demnach der Prophylaxe gegen den "Sturm auf Europa". Das Problem ist hier zugespitzt, und es gibt weiterhin jeden Monat gegenläufige Reportagen. Doch scheint die Beobachtung von Petra Weyland begründet: "Bilder von überwältigenden Strömen illegaler Einwanderer, die unser "volles Boot" stürmen, die sich nicht durch noch so perfekte Grenzsicherung abhalten lassen, bemächtigen sich unseres kollektiven westlichen Unterbewußtseins. Im Zeichen dieses Szenarios steht ein neues "Anderes" des "freien Westens", das wahlweise mit "Islam", "islamischem Fundamentalismus" oder gleich "islamischer Zivilisation" benannt wird."60 Dieser Paradigmenwechsel ist bei einer Beschreibung der aktuellen Fernsehsprache im Auge zu behalten.

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