Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

Home / Themen / Medien - Gewalt... / Gewalt in den M... / Personale, strukturelle und kulturelle Gewalt

Personale, strukturelle und kulturelle Gewalt

In der Diskussion um die Abbildung und Darstellung von Gewalt lohnt es sich, die grundlegenden Unterschiede für einen Moment vor Augen zu führen: Wir unterscheiden auch für das Medium Fernsehen drei wesentliche Aspekte der angewandten oder vermittelten Gewalt, die personale, strukturelle und kulturelle. Unter personaler Gewalt oder Aggression läßt sich im wissenschaftlichen Diskurs die beabsichtigte physische oder psychische Schädigung von Menschen, Sachen oder Lebewesen verstehen.2 Demnach wohnt den abgebildeten Kriegen und äußeren Konflikten immer auch der Aspekt einer "personalen Gewaltübermittlung" inne. Die Ursachen dieser Konflikte haben sehr unterschiedliche Gründe.
Sie allein auf Triebfaktoren, ethnische oder religiöse Hintergründe zu reduzieren, dürfte nicht ausreichend sein. Desweiteren transferieren die Bilder des Fernsehens vielfach Symptome der "strukturellen Gewalt". Unter diesem Gewaltpotential versteht man eine "indirekte" Gewalt, die unabhängig von Personen existieren kann.3 Eingeschränkte Lebenschancen, wie sie durch Armut oder Hunger hervorgerufen werden, sind in diesem Sinne Ausdruck einer strukturellen Gewalt, die von den Opfern nicht einmal direkt so empfunden werden muß, weil die eingeschränkten Lebensnormen bereits internalisiert sein können. Das Fernsehen berichtet tagtäglich in einer breiten Palette über Erscheinungsformen der strukturellen Gewalt, ohne daß sich der Zuschauer freilich darüber Rechenschaft ablegt. Filmnachrichten über latente oder offene Ungleichstellung der Frau gehören hier ebenso dazu, wie Berichte über Kinderarbeit oder Prostitution. Allem gemeinsam ist das Abbild ungleicher Lebenschancen und ungleicher Machtverhältnisse. Darüber hinaus läßt sich mit Johan Galtung zusätzlich auch der Komplex einer "kulturellen Gewalt" unterscheiden. Darunter wird jede Eigenschaft einer Kultur bezeichnet, mit deren Hilfe direkte oder oder strukturelle Gewalt legitimiert werden kann. Diese Form der Gewalt tötet nicht oder macht niemanden zum Krüppel, aber sie trägt zur ideologischen und cognitiven Rechtfertigung bei. Die nationalsozialistische Ideologie von der rassischen Vorherrschaft der Arier, dem "Herrenvolk", ist ein solches Beispiel für kulturelle Gewaltherrschaft.4 Als ein weites Spektrum der kulturellen Gewalt im Medium Fernsehen ist an eine Vielzahl von Sportsendungen zu denken, in denen unter anderem der Sieg des einzelnen gegenüber seinen Konkurrenten mit durch und durch gewalttätigen Mustern ins Bild gesetzt wird. Solche Muster herrschen, zum Beispiel, traditionell in der Feier der audiovisuell übertragenen Formel-1-Rennen vor. Das Medium Fernsehen kalkuliert die Sensation, auch die blutige Karambolage auf der Rennstrecke mit ein und unterstreicht das Bild von einer Männergesellschaft, die im Namen des Sports zur Not auch Tote hinterläßt. Das Argument, es werde nur über Sport berichtet, ist in diesem Zusammenhang nicht korrekt. Das Fernsehen schafft sich hier die eigene elektronische Arena und bedient die Theoreme der kulturellen Gewalt, die ihrerseits für die Legitimation und Ausübung der strukturellen und personalen Gewalt dienen können. Immer ist dabei zu bedenken, daß die triadisch strukturierten Gewaltaspekte - strukturelle Gewalt, kulturelle Gewalt, direkte oder personale Gewalt - sich zur direkten (Gewalt-) Aktion transformieren können. Wenn strukturelle Gewalt institutionalisiert ist und kulturelle Gewalt verinnerlicht, dann steigt die Gefahr, daß sich auch die persönliche und direkte Gewalt verfestigen, unterstreicht Galtung.5
Kriegsberichterstattung oder Krisenberichterstattung hat im engeren oder weiteren Sinne mit der Abbildung der drei benannten Gewaltpotentiale zu tun. Freilich gibt sich der Zuschauer nur in Ausnahmen darüber Rechenschaft. Die Fernsehforschung, das kommt erschwerend hinzu, hat sich fast immer nur mit den Aspekten der personalen Gewalt in Fernsehsendungen (in fiktiven oder non-fiktiven Genres) beschäftigt. Der Medienforscher Jo Groebel hat berechnet, daß in 48 Prozent aller Fernsehsendungen Aggression auftaucht. 70 Morde sind täglich auf dem Bildschirm zu sehen, 2745 Gewaltszenen flimmern in einer Woche über den Bildschirm, mit 14.000 Fernsehmorden ist ein Zwölfjähriger im Durchschnitt in seinem jungen Leben schon konfrontiert worden. Die Durchsetzung staatlicher, politischer und auch humanitärer Interessen durch nationale Polizisten, Soldaten oder supranationale Friedenstruppen wird landläufig nicht als die Ausübung von Gewalt verstanden. Immerhin spiegeln aber viele Berichte aus Afrika, der übrigen "Dritten Welt" und aus Ex-Jugoslawien die Allgegenwart einer latent gewalttätigen Welt. Ob diese Bilderwelt ihrerseits die Rezipienten zu gewalttätigen Handlungen stimulieren kann oder andererseits gegenüber dem Elend der Welt abstumpfen läßt, das ist weiterhin nicht gesichert. Es ist zu berücksichtigen, daß die Wissenschaftler in aller Regel die Wirkung fiktionaler Sendungen im Auge hatten, erst in zweiter Linie den Bereich der Nachrichtensendungen und politischer Magazine. Dennoch haben die Forschungsergebnisse grundsätzliche Bedeutung, auch für den non-fiktionalen Bereich der Nachrichten und die Krisenberichterstattung aus der "Dritten Welt".

Eine PDF-Version dieser Seite herunterladen

Aktuelles / Blog

Veranstaltungen

Peace Counts School