Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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"Fiktive" Gewalt und "reale" Gewalt in den Nachrichten

Jo Groebel und Uli Gleich haben in einer umfassenden Analyse des privaten und öffentlich-rechtlichen Fernsehens (Basisjahr: 1991) das Potential aggressiver oder gewalttätiger Sequenzen im Programmalltag untersucht und sind dabei zu dem Ergebnis gelangt, daß in Spielfilmen und Serien die reine Gewaltdarstellung - ohne Exposition und dramaturgische Zusammenhänge - zwischen 2,3 % (ARD-Programm) und 3,3% (Pro 7) der Spielzeit betragen kann.16 Beim Sendervergleich ergaben sich folgende Werte

Die Medienwissenschaftler fanden im übrigen ihre These eindeutig bestätigt, daß in Spielfilmen und Serien aus den USA aggressive Szenen häufiger zu beobachten sind als in europäischen Produktionen. Im Verlauf einer Fernsehwoche zeigen die einschlägigen Fernsehsender nahezu 500 Mordszenen, das heißt im einzelnen und pro Tag:

In absoluten Wochenzahlen ergibt sich folgendes Schaubild:
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Am 30. Oktober 1938 strahlte der New Yorker Sender CBS den SF-Roman "The War of the Worlds" nach einer Vorlage von H.G. Wells aus. Die realistische Inszenierung - sie besorgte Orson Welles - machte Tausende von Menschen glauben, daß an diesem Abend geheimnisvolle Marsmenschen in Amerika gelandet seien. Eine Massenhysterie war die Folge, die zu Recht noch heute als einschlägiger Beleg für die Wirkung der Massenmedien dient . In dem Hörspiel war u.a. zu hören: "Der Feind ist jetzt in Sicht ... fünf gewaltige Maschinenmenschen ... Der erste kommt durch den Hudson auf New York zu ... Er durchwatet den Fluß wie ein Mensch einen Bach. Man reicht mir eine Meldung ... im ganzen Land gehen Marszylinder nieder. Jetzt steht der erste am Ufer ... blickt um sich ... Sein Kopf ist in Wolkenkratzerhöhe ... Er stößt Rauch aus ... Die Menschen fallen wie die Fliegen. Jetzt zieht der Rauch über die Sixth Avenue heran jetzt über die Fith (Husten) ... noch hundert Meter ... noch fünfzehn."17 Obwohl es zahlreiche Hinweise auf die Fiktionalität der Radiosendung gab, ließ sich die Massenhysterie zunächst nicht eindämmen. Die Menschen verließen panikartig die Häuser und verstopften auf ihrer "Flucht" die Straßen,18 der Weltuntergang schien programmiert. Gewiß, die Glaubwürdigkeit der Massenmedien, auch ihre Suggestivkraft ist heute geringer einzuschätzen als vor sechzig Jahren. Immerhin signalisiert dieses fiktional Radioereignis die Potenzen und die dramatischen Möglichkeiten, die in den Medien stecken können. "Die Tatsache, daß etwas wirklich passiert oder passiert ist", folgert Claudia Wegener, " der Verweis auf Authentizität bewirkt beim Zuhörer oder -seher anscheinend eine bestimmte Rezeptionshaltung und das wird sich bis heute nicht geändert haben."19
Entgegen der landläufigen Erwartung, daß die Nachrichtensendungen des Fernsehens von Mitteilungen und Bildern über Mord und Totschlag nur so strotzten, ergeben neuere Untersuchungen ein entgegengesetztes Bild: Weniger als 10% aller im Fernsehprogramm vorkommender Gewaltakte - wobei das Problemfeld der strukturellen Gewalt freilich unberücksichtigt bleibt - entfallen auf den Bereich der Nachrichten, wobei vor allem kriegerische und politische Auseinandersetzungen dominieren.20 Schon 1965 hatten Marie Holmboe Ruge und Johan Galtung das Spektrum der Nachrichten, die über das Ausland verbreitet werden, untersucht.21 Dabei ergab sich:

  1. Negative Ereignisse entsprechen besser dem sogenannten Frequenz-Kriterium als positive Ereignisse. Die Frequenz ist die Zeitspanne, die ein Ereignis zu seiner publizistischen Ausbreitung benötigt.
  2. Je klarer und eindeutiger ein Ereignis ist, desto eher wird darüber berichtet.
  3. Je mehr Ereignisse den Erwartungen des Publikums entsprechen, desto eher kann daraus eine Nachricht formuliert werden.
  4. Negative Ereignisse treten im Vergleich zu positiven Ereignissen zumeist unerwartet und plötzlich ein, soweit es Ereignisse aus einem "eingeschliffenem" Erwartungshorizont betrifft.22

Der Tatbestand, daß in Nachrichtensendungen, Features und auch bei der direkten Auslandsberichterstattung, das Thema Aggression und Gewalt im Vergleich mit fiktionalen Sendungen eine untergeordnetere Rolle spielt, könnte zu dem Trugschluß ihrer "Harmlosigkeit" oder "Bedeutungslosigkeit" führen. Da gerade Informationssendungen des Fernsehens auf eine hohe Akzeptanz und auch Glaubwürdigkeit beim Zuschauer stoßen, ist die Wirkung der Informationssendungen und Nachrichten nicht zu unterschätzen.
Die allmähliche Identifizierung der "Dritten Welt " als Dauerkrisenherd von ausgehungerten Desperados, die in ihrem Unglück forsch, unbedacht und rücksichtslos zur Waffe greifen, solche Krimis in bewegten Fernsehbildern verzerren auf Dauer die politische und cognitive Urteilskraft des Fernsehzuschauers und haben möglicherweise Folgen für eigenes Intervenieren oder die Unterlassung von Handlungen. Die undifferenzierte Berichterstattung über kritische Brennpunkte läßt die Vermutung aufkommen, daß diese Elendsbilder zur Tatenlosigkeit abstumpfen und einen frustrierten und handlungsunwilligen Zuschauer zurücklassen. Gleiches läßt sich auch von einer mitteleuropäischen Kriegsberichterstattung (Ex-Jugoslawien, Tschetschenien) vermuten, in der das krude Faktum Tod, Blut und Krieg höher wiegt als ein Blick hinter die Ursachen entstellter Menschlichkeit. Eine durch das Fernsehen bewirkte oder gar institutionalisierte Gleichgültigkeit wäre nur auf den ersten Blick harmlos. Immerhin hätte dieses Zuschauerverhalten auch etwas mit "struktureller Gewalt" zu tun, weil es die Ungleichgewichte in der Welt in somnambuler Beschränkung stützte. Die direkte Nachahmung kriegerischer Auseindersetzung scheint auf den ersten Blick in der Tat nicht die zentrale Gefahr zu sein. Dagegen könnte ein gewalttätiges, bellizistisches und allein krisenorientiertes Weltbild, wie es das Fernsehen in Teilen seines Programms offeriert, unsere Einstellung zur Gestaltung der Welt doch auf Dauer beeinflussen. Solches könnte heißen: "Es ist also nicht in erster Linie das konkrete aggressive Verhalten in den Filmen zu fürchten als vielmehr der (Un)geist, der in Gewaltdarstellungen ausgestrahlt wird, mit seinen Zerrbildern vom Menschen."23
Die Fernsehberichterstattung über die Krisen der neunziger Jahre

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