Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Die Auslandsberichterstattung des deutschen Fernsehens

Es gehört zum erklärten Selbstverständnis der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten über die politischen, sozialen und kulturellen Entwicklungen des Auslandes, auch aus der "Dritten-Welt", umfassend und ausführlich zu berichten. Aus diesem Grund wurde in den sechziger Jahren, als die Gebühreneinnahmen bei den Sendeanstalten florierten, das internationale Korrespondentennetz von ZDF und ARD global ausgebaut, wobei die beiden Anstalten freilich aus Konkurrenzgründen oft in denselben Metropolen residieren. Das ZDF unterhält augenblicklich 17 Auslandsstudios, die in London, Brüssel, Paris, Rom, Wien, Warschau, Moskau, Tel Aviv, Kairo, Nairobi, Johannesburg, Singapur, Peking, Tokio, Washington, Caracas und Rio de Janeiro plaziert sind.24 Die ARD hat ihre entsprechenden Büros, es sind 31 an der Zahl, in Algier, Amman, Ankara, Brüssel, Buenos Aires, Genf, Istanbul, Johannesburg, Kairo, Kiew, London, Madrid, Mexico-City, Moskau, Nairobi, Neu Delhi, New York, Paris, Peking, Prag, Rabat, Riga Rio de Janeiro, Rom, Singapur, Stockholm, Tel Aviv, Tokio, Warschau, Washington und Wien postiert.25
1980 definierte Reinhard Appel die Mission der Auslandsberichte mit dem Hinweis auf die deutsche Geschichte und die neuen wirtschaftlichen Interessen der Bundesrepublik Deutschland, denen auch das Fernsehen zu dienen habe. Er führte aus: "Unmittelbar nach dem Krieg, nach der verblendeten nazistischen Einschnürung, wollten auch wir Journalisten (wie viele Deutsche) endlich die nationalen und geistigen Grenzen beseitigen. Wir wollten bewußt der hypertrophen Formel "Am deutschen Wesen soll die Welt genesen" eine weltoffene Orientierung entgegensetzen, ein Klima schaffen, in welchem der Chauvinismus keinen Nährboden mehr findet, das den menschlichen Horizont erweitert und das uns mit freien Kulturen und Traditionen vertraut macht. Diese Grundeinstellung ist bis heute geblieben. Mit der Aufwärtsentwicklung unseres Außenhandels, der wachsenden Abhängigkeit unseres Wohlstandes von der Exportfähigkeit, stieg außerdem das Interesse an Kenntnissen über die politischen und gesellschaftlichen Strukturen und Entwicklungen unserer Handelspartnerländer. Schließlich verlangt unsere geopolitische Lage - die Grenzposition zum kommunistischen System, die militärische Sicherheit und nicht zuletzt unser Eingebundensein in die Europäische Gemeinschaft - , unsere Augen geöffnet zu halten und über Entwicklungen in den europäischen Ländern und anderen Kontinenten informiert zu bleiben."26

Die Verquickung des Informationsauftrags mit merkantilen Interessen ist auffällig und macht deutlich, wie eng die publizische Nachricht aus dem Ausland mit handfesten wirtschaftspolitischen Eckpunkten verknüpft sein kann. Die verschiedenen Residenzen der ARD- und ZDF-Studios folgten und folgen kaum zufällig der bündnispolitischen Gewichtung des Westens, der dann die ehemaligen Ostblockstaaten und die wenigen Domizile in der "Dritten Welt" nachgeordnet sind. Die Dreiteilung der Welt - "freier Westen", "Ostblock" und "Dritte Welt" - haben die Sendeanstalten faktisch nachvollzogen und geopolitisch widergespiegelt. Die Zweidrittelwelt ist demnach bis heute schon rein äußerlich mit den entsprechenden Studios deutlich unterrepräsentiert. Der afrikanische Kontinent ist von der ARD mit lediglich drei Fernsehstudios vertreten (Johannesburg, Nairobi und Algier), der Ferne Osten durch vier, ein Manko, das für manche Entschuldigung herhalten muß.27 "Warum müssen ARD und ZDF in Südafrika jeweils eigene Korrespondenten unterhalten", bemängelte Walter Michler die Schieflage, "wenn es in ganz Westafrika (wo ein Drittel der Bevölkerung des Kontinents lebt) nicht einen einzigen mit festem Sitz und Büro gibt? Ferner: Kein Korrespondent ist in der Lage, zwanzig und mehr Staaten abzudecken, was bei manchen allerdings ihr Auftrag ist."28

Das gigantische Ausmaß des afrikanischen Kontinents bringen die Fernsehkorrespondenten immer wieder in Verlegenheit, weil sie unmöglich in allen Krisenregionen präsent sein können. Schon aus diesem Grund ist die Berichterstattung immer wieder defizitär und gelegentlich wenig substantiell. So wurde die deutsche Fernsehberichterstattung von der Jemenkrise im Mai 1994 völlig überrascht. Weder das ZDF noch ARD konnten zunächst notwendige Hintergrundberichte liefern. Die Sendeanstalten begnügten sich mit redundanten Bildern von fliegenden Raketen. Aden beschoß danach Sanaa und umgekehrt, doch es fehlte die Analyse. Die Berichtslage blieb über Tage unbefriedigend und diffus. Die Redaktionen von ZDF und ARD waren allem Anschein nach überfordert und konnten keine informativen Berichte abgeben.29

Ganz anders die Ausgangslage für ARD und ZDF in der Hunger- und Krisenzone von Somalia in der Zeit zwischen Dezember 1992 und Frühjahr 1994. Hier ließ sich der Einsatz der Korrespondenten generalstabsmäßig vorbereiten. Die Landung der amerikanischen UNO-Truppen am 9. Dezember 1992 lief als präzis organisiertes Medienereignis ebenso ab wie der spätere Einsatz der Bundeswehrsoldaten im Juli 1993. Das deutsche Fernsehen konnte sich auf diese internationale Hilfsaktion einstellen und widmete diesem spektakulären Ereignis zahlreiche Sendungen. Quantitativ gab es keine Defizite zu beklagen. Das Korrespondentennetz hatte über Wochen sein Thema, das in der Bundesrepublik im übrigen mit der Frage belastet war, ob der Bundeswehreinsatz verfassungskonform sei, wie es die Regierung voraussetzte, oder einen Verfassungsbruch darstellte, wie es die SPD und Teile der FDP argwöhnten. Die UNOSOM-Aktion wurde von beiden deutschen Fernsehanstalten aufmerksam registriert, die Medien waren insgesamt bestens auf die humanitäre Hilfsaktion vorbereitet. Was inhaltlich in diesen Berichtswochen gezeigt wurde, ist weiter vorne 30 im Buch dokumentiert.

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