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Das Kriegsszenario "ohne Opfer" - zumindest auf dem Bildschirm - hat sich seit dem Zweiten Golfkrieg als neue Fernsehrealität und -qualität eingestellt. Die Getöteten und Verstümmelten, die Hungernden und Verarmten, sie werden vom Fernsehen nicht immer gezeigt, obwohl vielleicht von ihnen zu sprechen wäre. Das umgekehrte Verfahren, der Blick auf die Opfer mit der Kamera, ist freilich eher die Regel. Es entspricht dies dem Selbstverständnis eines Mediums, in dem die zugespitzte oder sensationelle Bild-Ware den Marktwert mitbestimmt. Ein Berg verstümmelter Leichen, ein verwesender Körper am Straßenrand bedürfen im Fernsehen heute keiner Legitimation mehr. Der Nachrichtenwert scheint unbestritten, wenn er mit dem Außergewöhnlichen verbunden ist. Die behutsame Annäherung an Opfer, deren Leid nur vermittelt zu erkennen wäre ( ein Kind hat Vater und Mutter verloren, ein Nomade hat seine Herde bei einem Überfall eingebüßt) ist nicht alltäglich. Weiterhin gibt es ein Nord-Süd-Gefälle bei der Berichterstattung über Opfer. Das europäische Ereignis wird anders gewichtet als eine Nachricht aus Afrika; ein europäischer Vorfall mit Toten und Verletzten hat fast immer "Nachrichtenwert", während bei einem vergleichbaren Geschehen in Afrika ein Vielfaches an Toten zu beklagen sein muß, um als Nachricht nach Europa übermittelt zu werden.
positiv: Der Bericht über die Opfer von Gewalt und Erniedrigung ist im Fernsehen grundsätzlich von Bedeutung. Es kommt dabei darauf an, daß neben der faktischen Nennung des Ereignisses auch die Hintergründe des Geschehens benannt werden. Es ist sehr genau darauf zu achten, ob der Zuschauer als stummer "Voyeur" miteinbezogen ist, und ob die Würde der Betroffenen gewahrt bleibt. Das kann u.U. der Verzicht auf "hautnahe" Optik sein, verbunden mit einem behutsamen Kommentar.
negativ: Das Reality-TV hat die schamlose Konfrontation von Opfern mit Zuschauern - inszeniert oder auch real - in scharfer Zuspitzung vorgemacht. Es geht dabei um die Faszination des Intimen, um die Zurschaustellung des Leidens. Das dokumentarische Fernsehen bedient sich der Herausstellung der Opfer traditionell. Die im Bild festgestellte "Nähe" zu den Opfern ist oft vorgeschoben, wenn der Sinn einzig im Sensationellen liegt. Die Kamera scheint - und das ist von Fall zu Fall zu analysieren - bei Opfern aus Lateinamerika, Afrika und Asien noch zudringlicher zu sein, als bei europäischen oder nordamerikanischen. Wenn die Opfer instrumentalisiert werden im Sinne des effektheischenden Journalismus, ist der Vorwand der "Information" sicherlich zweitrangig.