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Berichterstattung über reale Gewalt

1. Gewalt und Verbrechen besitzen als Abweichung von der Norm einen besonderen Aufmerksamkeitswert und haben damit eine besonders große Chance, als Nachricht veröffentlicht zu werden. (Bad news are good news.)

2. Bei der Berichterstattung über Gewalt kommt es zu einer Realitätsverzerrung in dem Sinne, dass z. B. überproportional häufig über schwere Verbrechen wie Morde berichtet, wird.

3. Nachrichten über Gewalt und Verbrechen werden intensiv konsumiert.

4. Allein die Anwesenheit von Fernsehjournalisten kann Menschen dazu bewegen, sich durch außergewöhnliche Aktionen (z. B. Gewalt) in Szene zu setzen. Medienaufmerksamkeit kann als Belohnung wirken. Dies gilt sowohl für die Berichterstattung über Demonstrationen als auch über Zuschauerkrawalle bei Sportveranstaltungen. Gewalttätern (auch Terroristen) sollte deshalb in den Massenmedien kein Forum gegeben werden.

5. Individuen und gesellschaftliche Gruppierungen, die keinen routinemäßigen Zugang zum Nachrichtennetz haben, versuchen immer häufiger durch Pseudo-Events, also speziell für die Medienberichterstattung inszenierte Ereignisse (z. B. Demonstrationen, Gewalttaten etc.), Überraschung bei den Journalisten auszulösen, damit über sie berichtet wird.

6. Werden bei der Berichterstattung über Demonstrationen die gewaltsamen Aspekte zu stark herausgestellt, kann die demokratische Demonstrationskultur gefährdet werden. Friedfertige Personen werden von der Teilnahme abgeschreckt und violente Personen angezogen (dies gilt analog für Berichte über Sportveranstaltungen, wie z. B. über randalierende Hooligans). Die bildliche Darstellung von gewalttätigen Demonstrationen im Fernsehen kann ferner polarisierend wirken, d. h., die Positionen der (Anhänger der) Demonstranten und der gegen sie vorgehenden Polizei können extremer werden und damit u. U. konfliktverschärfend wirken.

7. Massive Kritik an staatlicher Gewaltanwendung kann als Legitimationsgrundlage für die Anwendung von Gegengewalt dienen.

8. Berichterstattung über fremdenfeindliche Gewaltakte hat (zumindest in Deutschland) weitere Straftaten stimuliert.

9. Zur Wirkung des Reality-TV (Sendungen, bei denen der Informationswert eines Ereignisses zugunsten des. Nervenkitzels bzw. Voyeurismus zurücktritt) liegen kaum Untersuchungen von Es ist nicht ausgeschlossen, dass bestimmte Formen des Reality-TV (z. B. nachgestellte Hilfeleistungen) durchaus positive Effekte haben können.

10. Zur sekundären Viktimisierung, d. h. zu den Folgen der Medienberichterstattung über ein Verbrechen für das Opfer, liegen erst wenige Studien vor. Diese zeigen, dass zum einen die journalistische Qualität der Berichte häufig ungenügend ist, zum anderen jedoch in einigen Fällen auch durchaus positive Konsequenzen für das Opfer auftreten können (z. B. bei der Verarbeitung des Geschehenen). Besonders negativ ist die Berichterstattung für die Opfer von Vergewaltigungen.

11. Berichterstattung über Gewalt kann zu größerer Zufriedenheit mit der eigenen Situation führen, wenn sich die Gewalt in weiter Ferne ereignet.

12. Berichterstattung über Gewalt ist notwendig, um ein gesellschaftliches Problembewusstsein herzustellen. In vielen Situationen ist es für Journalisten allerdings extrem schwierig, die Konsequenzen der Berichterstattung abzuschätzen. Das Entscheidungsdilemma zwischen, Informationspflicht und möglichen negativen Auswirkungen der Berichterstattung kann auch mit Hilfe der Wirkungsforschung nicht endgültig gelöst werden. So kann z. B. die Berichterstattung über die Schändung jüdischer Friedhöfe zu Nachahmungstaten führen, aber auch eine Mobilisierung der öffentlichen Meinung gegen solche Delikte und eine Diskussion darüber bewirken, wie diese verhindert werden können?

Michael Kunczik / Astrid Zipfel: Gewalttätig durch Medien. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 44/2002, S. 35 f.

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