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Im österreichischen Burgenland wird gegenwärtig auf der Burg Schlaining ein Europäisches Museum für Frieden eingerichtet. Der Verein für Friedenspädagogik arbeitet bei der Ausgestaltung des Museums mit. Der wissenschaftliche Direktor des Museums, Dr. Wolfgang Vogt, beschreibt die Konzeption des Museums:
Die geplante Gründung eines Europäischen Museums für Frieden auf Burg Schlaining (Eröffnung am 8. Mai 2000) erfordert neben einer Idee und einer zukunftsweisenden Vision auch eine Friedenstheorie. Diese ist unverzichtbar als wissenschaftliche Grundlage für die Erstellung eines plausiblen und systematischen Museumskonzepts. Als Basis für die Entwicklung des Ausstellungskonzepts für das Museum bietet sich die kritisch-reflexive Friedenstheorie der Zivilisierung an. Dabei handelt es sich um ein offenes und flexibles Theoriegebäude, das Räume für alle wichtigen Denkansätze der modernen Friedens-, Konflikt- und Gewaltforschung bereithält. Dieses Theoriekonstrukt wurde im Rahmen des Forschungsprogramms des ÖSFK zur "Zivilmacht Europa" erarbeitet. Band I der ÖSFK-Forschungsreihe ist der Frage "Frieden durch Zivilisierung?" gewidmet. Dabei wird der Begriff der Zivilisierung kontrovers diskutiert und für die Zwecke der kritisch-reflexiven Friedens, Konflikt- und Gewaltforschung neu aufbereitet sowie in seinen wesentlichen Dimensionen präzise bestimmt.
Als friedenswissenschaftliche Basiskategorie bezeichnet der komplexe Begriff der Zivilisierung das komplizierte Geflecht jener Bedingungen und Entwicklungen, die im Sinne friedensförderlicher Kompetenz Qualitäten und Tendenzen dazu beitragen (1) Gewalt jedweder Form zu minimieren und möglichst zu eliminieren, (2) praktikable Prozeduren und Mechanismen ziviler, nichtmilitärischer Konfliktbearbeitung zur gewaltarmen bzw. gewaltfreien Konfliktbearbeitung auszubauen und anzuwenden sowie (3) Bedingungen, Ordnungen und Institutionen für die Gestaltung eines stabilen rechten und nachhaltigen Friedens herzustellen, zu erhalten und zu optimieren. Der kritisch-reflexive Theorieansatz der Zivilisierung ist an drei zentralen Begriffen gemacht, die näher bestimmt werden müssen: Frieden, Konflikte und Gewalt. (...)
Zur Konzeption des Museums
Auf der Basis dieses umfassenden Friedensverständnisses der kritisch-reflexiven Friedenstheorie lassen sich die Prinzipien, Kriterien und Dimensionen für die Gestaltungsphilosophie des Museums benennen. Durch die Gegenüberstellung von z. B. "Frieden" und "Gewalt", "Subjekt" und "System", "Erwartungen" und "Handlungen", "Bewahrung" und "Bewegung" werden die Gegenpole benannt, zwischen denen die Spannungslinien verlaufen, durch die die Realität in ihren Grundstrukturen gekennzeichnet ist. Dieser Gestaltungsansatz geht von den unaufhebbaren Dialektiken und Dilemmata des Lebens aus, die zu Konflikten und nicht selten zu Gewalt führen. Dadurch soll verhindert werden, daß die Friedensausstellung zu einer harmonisierenden Veranstaltung, einer weltfremden Realitätsflucht oder eine Präsentation paradiesischer Glücksverheißungen wird. Auf diese Weise sollen die sich ausschließenden "Entweder-Oder"-Konstruktionen des binären Denken durch die einschließenden "Sowohl-Als-Auch" Perzeptionen des analogen Denkens überwunden werden. Konkret lassen sich aus dieser Gestaltungsphilosophie für die Konzeption und Realisierung des Museums die folgenden Orientierungen ableiten:
Wirklichkeits- und Möglichkeitsorientierung
Die Konzeption des Friedensmuseums hat bei der Aufarbeitung und Ausstellung der für die (Un-) Friedensgeschichte und (Un-)Friedensgegenwart bedeutsame Entwicklungen und Bedingungen zu beachten. Unter friedenswissenschaftlicher Perspektive ist die Realität mit ihren Prägungen und Verwerfungen wirklichkeitsgetreu zu dokumentieren. Ein Friedensmuseum das sich nicht auf die positivistische Widerspiegelung der Wirklichkeit beschränken will, sondern einen kritisch-reflexiven Anspruch sowie eine politisch praktische Absicht hat, bedarf neben einer an Gegenwart und Vergangenheit orientierten Empirie auch einer zukunftsweisenden Orientierung an positiven Visionen vom Frieden. Friedensvisionen sind wichtig, um die Defizite in der Gegenwart und bei den Möglichkeiten für die Zukunft zu ermitteln. Dem wird innerhalb der Ausstellung mit den Abteilungen "Panorama der Wirklichkeiten" und "Panorama der Möglichkeiten" Rechnung getragen. Erst aus dieser konstruktiven Gegenüberstellung werden Besucherlnnen in die Lage versetzt, Ansatzpunkte und Aufgabenfelder für aktives Arbeiten an Frieden zu erkennen.
Friedens- und Gewaltorientierung
Thematischer Gegenstand (...) kann nicht nur der Frieden sein, denn er erschließt sich in vielerlei Hinsicht erst aus der Konfrontation mit seinem Gegenteil: Gewalt und Krieg. Dabei ist in Anlehnung an Johan Galtung zu bedenken, daß die Abwesenheit von Krieg und Gewalt (negativer Friedensbegriff) zwar einen besseren Zustand als deren zerstörerisches Vorhandensein beschreibt, aber noch keine hinreichende Konstellation für einen positiven Frieden. Hinzu kommt, daß Frieden auf Dauer nur erreichbar ist, wenn sowohl Gewalt und Kriegsursachen als auch Friedensursachen und -be- dingungen erforscht sind. Um diese Überlegungen im Museum gestalterisch umzusetzen, ist die Abteilung "Inszenierungen der Gewalt" ebenso wichtig wie die Abteilung "Inszenierungen des Friedens".
Struktur- und Prozeßorientierung
Damit die BesucherInnen umfassende Vorstellungen vom Frieden erfahren und strukturelle Dimensionen von prozessualen Ereignisketten unterscheiden können, sind sowohl die wesentlichen Bedingungen für Krieg bzw. Frieden als auch die wichtigen Stationen der Konfliktdynamik im Gewaltprozeß aufzuarbeiten. Deshalb sollen in der Friedensausstellung gleichermaßen die Strukturbedingungen und Ursachen des Friedens wie die Prozeßabläufe und Folgen entgleister Konflikte zur Darstellung gebracht werden. Dies geschieht in den Abteilungen "Inszenierungen der Gewalt/des Friedens" und "Wege aus der Gewalt". Durch diese Unterscheidungen können die BesucherInnen zu tieferen Erkenntnissen über die hintergründigen Wirkfaktoren von Krieg und Frieden gelangen sowie Mechanismen und Prozeduren von gelungenen bzw. mißlungenen Konfliktprozessen kennenlernen.
Subjekt- und Systemorientierung
Die Betonung sowohl der mikrosozialen Subjektperspektive als auch der makrosozialen Systemperspektive und ihre Bezüge zueinander ist ein wichtiges Organisationsprinzip der Ausstellungen. Aus der subjektorientierten Perspektive ist u. a. darzustellen, unter welchen gesellschaftlichen sowie alltagsweltlichen Bedingungen und Entwicklungen es zur Einhegung bzw. Entladung aggressiver Potentiale in gewalttätiges Verhalten kommt. Von besonderer Relevanz ist dabei die Frage, welche Chancen und Möglichkeiten es gibt, Friedenskompetenzen pädagogisch optimal zu erlernen. Grundlegend ist in diesem Zusammenhang auch die Präsentation der neueren Ergebnisse der (Anti)-Rassismusforschung. Zu thematisieren ist schließlich, welche Beteiligungschancen die AkteurInnen haben, um sich in die Prozesse zivilisierter Gewaltreduzierung, Konfliktregulierung und Friedensgestaltung einzuschalten.
Hinsichtlich der systemorientierten Dimensionierung sind die Bedingungen und Entwicklungen ausgewählter Gesellschaften mit ihren Teilsystemen im Blick auf ihre friedensförderlichen bzw. gewaltproduzierenden Funktionen zur Darstellung zu bringen. Entscheidend für die Friedensfähigkeit der einzelnen Subsysteme ist, an welchen Prinzipien die Handlungsstrategien der gesellschaftlichen Teilsysteme orientiert sind (z.B. Eigennutz vs. Gemeinwohl, Verteilungsgerechtigkeit oder Kapitalakkumulation).
Staaten und Gesellschaftsweltorientierung
Frieden ist ein komplexer Prozeß, der auf Dauer nur gelingt, wenn die Bemühungen zur "Friedensstiftung von oben" durch die offizielle Staatenpolitik und ihre (Friedens-)Ordnungen mit den Anstrengungen der "Friedensstiftung von unten" durch engagierte BürgerInnen und ihre (Friedens-)Bewegungen in der Gesellschaft auf kongeniale Weise aufeinander abgestimmt sind. Die Darstellungen gelungener Verschränkungen der Staaten und Gesellschaftsweltorientierungen sowie die Verknüpfung von staatlichen Ordnungsmustern und gesellschaftlichen Beteiligungsprozessen sollen stilsetzende Gestaltungslinien in der Ausstellung sein.
Erwartungs- und Handlungsorientierung
Um die Landesausstellung (als Einstieg in das Museum, d.A.) besuchernah und akteursbezogen zu gestalten, sollen die BesucherInnen aktiv ihre Interessen, Erwartungen und Handlungen einbringen können. Diese Erwartungs- und Handlungsorientierung des Ausstellungskonzepts zielt auf die Bereitschaft der Besucher ab, sich für Frieden und Zukunft zu engagieren. Die Landesausstellung soll ihnen in differenzierter Weise anregende Gelegenheiten zum Fragen und Suchen, zum Gestalten und Handeln, zum Einmischen und Nachdenken geben. Durch die Nutzung multimedialer Technologien soll die Ausstellung als ein interaktives Mitmachangebot organisiert werden und allen BesucherInnen, vor allem Kindern und Jugendlichen, aktive Beteiligungschancen geben.
Zeit- und Raumorientierung
Das Friedensmuseum soll nicht nur ein Ort sein, der über (un)friedliche Vergangenheit informiert und der das kollektive, nicht selten verschüttete Friedensgedächtnis der Geschichte, Gesellschaft und Kulturen bewußt macht. Er soll auch ein Forum für kritische Vergangenheitsbearbeitung sowie für kontroverse Diskussionen und Dokumentationen der Friedensfragen und Friedensbedingungen unserer Gegenwart sein. Es geht darum, unsere Geschichte, Gegenwart und Zukunft stärker aus der Optik des Friedens zu betrachten. Die bisher unterbelichtete Friedensgeschichte soll mit den modernen Mitteln eines zeitgemäßen Museums aus dem Schatten der Kriegsgeschichte hervorgehoben werden. Insofern soll die Landesausstellung eine positive Provokation unserer bisherigen Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsmuster bewirken.
Nicht zuletzt besteht eine Funktion des Friedensmuseums darin, die Tendenzen, Entwürfe und Visionen des Friedens mit Blick auf die abschätzbare Zukunft zu thematisieren. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bilden einen Dreiklang, der die BesucherInnen für die historischen Dimensionen des Friedensprozesses sensibilisieren soll. Die Landesausstellung will BesucherInnen eine friedenshistorische Zeit-, Raum- und Sinnreise durch die geschichtlichen Ereignisse und Prozesse des (Un)Friedens in den verschiedenen Regionen mit Hilfe modernster Präsentationstechniken ermöglichen.
Bewahrungs- und Bewegungsorientierung
Es besteht die Absicht, eine Ausstellung neuer, animierender Art zu schaffen. Denn Frieden und Zukunft bedürfen der VordenkerInnen und FürsprecherInnen, der Symbole und Visionen, der Einsicht und der Weltsicht. Geplant ist keine Friedensausstellung, sondern eine Ausstellung für Frieden. Frieden ist kein musealer Ausstellungsgegenstand, sondern ein konfliktreicher Entwicklungsvorgang. Deshalb soll die Landesausstellung bzw. später das Europäische Museum für Frieden nicht in erster Linie Ort der Aufbewahrung sein, sondern vor allem eine Stätte der Initiierung von Bewegungen. Die Aufbewahrung und Ausstellung relevanter Erfahrungen und Erkenntnisse über gelungene Prozesse der Friedensgestaltung sollen Anregungen für eine weitere Friedensentfaltung geben.
Frieden ist nichts Abgeschlossenes, das hinter Mauern zur Schau gestellt wird, sondern ein Prozeß. Das Anliegen des Museums ist es, die Geschichte zu nutzen, um Diskussionen über Friedensentwicklung und Zukunftsgestaltung in Gang zu setzen oder zu halten. Das Museum soll sich mit seinen Ausstellungen, Angeboten und Aktionen durchaus in aktuelle Kontroversen über die besten Strategien und Wege zum Frieden einmischen. Es soll friedenspolitische Positionen beziehen und begründen, die durchaus unbequem und anstößig sein können. Den BesucherInnen sollen weder Rezepte und Gewißheiten noch die Verknüpfung von Ideologien zugemutet werden. Vielmehr sollen sie Denkanstöße für die eigene, überlegte Urteilsfindung angeboten werden.
Fragen- und Antwortenorientierung
Die Exponate, Installationen und Inszenierungen der Landesausstellung sind um zentrale (Streit)Fragen herum gruppiert. Diese bilden den Focus für die friedensgeschichtlichen, friedenswissenschaftlichen und friedenspolitischen Betrachtungen. Die Objekte und Sammlungen bieten Erklärungsversuche und Deutungsangebote für ein besseres Verständnis der Hauptaufgaben einer friedlicheren Gestaltung des Zusammenlebens im Sinne einer nachhaltigen Zivilisierung durch Gewaltreduzierung, Konfliktregulierung und Friedensgestaltung. Daß die Ausstellung auf die vielen Fragestellungen keine eindeutigen Antworten liefern kann, ist nicht als Nachteil zu sehen. Durch offene Fragen werden bei den BesucherInnen jene produktiven Irritationen erzeugt, die zum selbständigen Mit- und Weiterdenken anregen.
Die wissenschaftliche Konzeption des Museums ergibt sich aus der Verknüpfung dieser Spannungsbögen und Konfliktlinien. Die Beschreibung der Dilemmata und Paradoxien des Lebens, die der Landesausstellung als Gestaltungsorientierung zugrunde gelegt werden soll, ist ihre prinzipielle Unaufhebbarkeit. Die historischen Erfahrungen haben uns gelehrt, daß alle extremistischen und totalitaristischen Versuche, diese Dilemmata und Paradoxien einseitig zu überwinden und prinzipiell auflösen zu wollen, aufgrund ihrer Strukturen vergeblich sind und scheitern müssen. Die entscheidende Herausforderung aller Zivilisierungsbemühungen liegt deshalb nicht in einer endgültigen Überwindung der bestehenden Dilemmata und Paradoxien. Vielmehr müssen diese Widersprüche durch "Sowohl-als-auch-Balancen" sowie durch "Und-Strategien" entschärft werden. Obwohl die Ausstellung durch ihr Thema eindeutig Partei für den Frieden ergreift, soll sie keine Ideologie verbreiten. Ihre Aufgabe soll es sein, die BesucherInnen zum Suchen nach gewaltfreien Wegen für eine vorsorgliche Gewaltverhinderung, eine konstruktive Konfliktbearbeitung und eine nachhaltige Friedensgestaltung zu ermutigen.
Wolfgang R. Vogt