Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Kritik an der Medienberichterstattung

Jörg Calließ / Stefan Raue

Der Mediendiskurs über die Berichterstattung zum Irakkrieg entwickelte sich zeitnah, breit angelegt, in seinen Posen eher demonstrativ als fragend. Medienkritik fand vor allem in der Presse oder auf den Fachtagungen statt, Medienkritik war fast ausschließlich Fernsehkritik. Der kritische Tenor lautete: Die aktuelle Fernsehberichterstattung über den Irakkrieg hat den Krieg im Wesentlichen nicht umfassend, nicht präzise und nicht adäquat erfasst. Die Berichterstatter sind nach Ansicht der Medienkritiker mit wenigen Ausnahmen von den Kriegsparteien vereinnahmt worden. Vor allem die Amerikaner und ihre Alliierten hätten durch ihre Informationspolitik, ihr Akkreditierungssystem, durch das Angebot des »embedding« und die Herrschaft über die sendbaren Bilder eine unabhängige Berichterstattung unmöglich gemacht. Im Vergleich mit der Arbeit der Medien bei früheren Konflikten wurde keine qualitative Verbesserung konstatiert. Alle Mängelberichte vergangener Jahre scheinen von den Akteuren ignoriert worden zu sein. Trotz der langen Vorbereitungsphase scheint eine Reflexion der zentralen Anliegen der Medienkritik nicht stattgefunden zu haben. Das lässt beunruhigenderweise höchst unterschiedliche Schlussfolgerungen zu:

- Die zentralen Forderungen der Medienkritik gehen an den Einstellungen der Medienakteure vorbei, der Mediendiskurs findet ohne die Kriegsberichterstatter statt.
- Die Methodik und die Agenda der Medienkritik erweisen sich als nicht kompatibel mit den Regeln des besonderen Arbeitsalltags der Kriegsberichterstatter.
- Die zentralen Kritikpunkte gehen an der Berichterstattungswirklichkeit vorbei. Der permanente Fälschungsverdacht gegenüber den Bildern raubt der Fernsehberichterstattung die ureigentliche Form und lässt sie als Informationsvariante letztendlich verschwinden.
- Die Medienkritik hat sich in ihren Vorurteilen und Einstellungen zu Krieg und Nachkrieg bestätigt. Eine Anpassung oder Veränderung des kritischen Instrumentariums ist nicht zu beobachten. Medienkritik und Medienarbeiter haben sich damit entkoppelt.
Notwendigkeit und Bedeutung einer kritischen Auseinandersetzung mit der Arbeit der Medien in Zeiten des Krieges sollen mit diesen desillusionierten Feststellungen natürlich nicht bestritten werden - zumal die methodisch klar geregelte, ihre eigenen Ansprüche und Maßstäbe reflektierende wissenschaftliche Beschäftigung mit der Kriegsberichterstattung dringend nötig ist, um die Voraussetzungen dafür zu verbessern, dass in Zeiten des Krieges Offenheit, Differenzierung und Nüchternheit in der Beobachtung, Wahrnehmung und Bewertung dessen, was geschieht, nicht allzu leicht verloren gehen. Es hat sich gezeigt, wie stark die Prozesse gesellschaftlicher Meinungsbildung und politischer Entscheidungsfindung innerhalb wie außerhalb der Krieg führenden Staaten von Bildern und Meldungen aus Krisen- und Kriegsgebieten beeinflusst sind. Das gibt einer wissenschaftlichen Beschäftigung mit Krisen- und Kriegsberichterstattung besondere Dringlichkeit und Relevanz. Einschlägige Forschungen liegen inzwischen zwar durchaus schon vor, doch wird man nicht umhinkommen zu konstatieren, dass noch viel zu tun bleibt.

Jörg Calließ / Stefan Raue: Diskurse in Zeiten des Krieges. In: Christian Büttner u.a. (Hrsg.): Der Krieg in den Medien. Campus Verlag, Frankfurt/New York 2004, S. 205 f.

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