Home / Themen / Kriegsgeschehen... / Medien und Krieg / Bilder vom Krieg / Wir leben in einer bildbestimmten Welt, Bundespräsident Johannes Rau
Der politische Journalismus, der sich fast ausschließlich auf den Text stützen musste, war eher an den Verstand und die Vernunft als an die Emotion gerichtet. Auch wenn es sich um Polemiken oder um Propaganda handelt: ein Text geht immer nur über den Umweg des Verstandes auch in das Gefühl. Bei einem Text kann man sich distanzieren, man kann die Stelle noch einmal lesen, man kann die Argumente wägen. Texte, selbst wenn sie in manipulativer Absicht geschrieben sind, erfordern eine - wenn auch manchmal kleine - intellektuelle und rationale Auseinandersetzung. Der politische Journalismus in dieser textbestimmten Umgebung richtete sich - ob er es wollte oder nicht - an den Verstand.
Das ist in der bilderbestimmten Welt von heute radikal anders geworden. Nachrichten erreichen uns heute meist zuerst in Form von Bildern. Wenn ich &Mac226;uns‘ sage, meine ich das Publikum, nicht die kleine Gruppe der journalistischen oder politischen Tickerkunden. Wenn uns aber Nachrichten zuerst als Bilder erreichen, dann gehen sie zuerst an die Emotion und erst dann an den Verstand.
Bilder lösen immer zuerst Gefühle aus. Sie wirken auf uns authentisch und suggerieren unmittelbares Dabeisein. Der politische Journalismus in einer bilderbestimmten Umgebung muss sich also nicht nur zu den Ereignissen oder Geschichten verhalten, er muss sich auch zu den Bildern verhalten, die allen vor Augen sind.
Wie geht er damit um? Lässt er sich selber von den Bildern überwältigen? Gibt er sich zugunsten der Bilder auf und lässt sie für sich sprechen? Einerseits sagen wir „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.“ Andererseits wissen wir auch, dass Bilder lügen können.
Gerade in den bildbestimmten Zeiten kommt auf die Journalisten eine neue Herausforderung zu. Es geht darum, Distanz zu gewinnen zu der vermeintlichen Unmittelbarkeit der Bilder. Die dramatischen Bilder von den Flugzeug-Anschlägen in Amerika brauchen keine verbale Verstärkung. Genau das ist aber immer wieder geschehen.
Am Tag des 11. September, aber auch Tagen danach, wurden die Bilder immer wieder mit Sätzen kommentiert wie: „Wir sehen entsetzliche Bilder“ oder „Wir stehen fassungslos vor diesen Bildern.“ Wo es bei solcher Kommentierung bleibt, da kann sich kein Begreifen einstellen. Dann wird vielmehr die Fassungslosigkeit des Augenblicks, die selbstverständlich ist, über den Tag hinaus verlängert.
Die Aufgabe von Journalisten ist es aber nicht, angesichts solcher Bilder dauerhaft Fassungslosigkeit zu dokumentieren oder gar zu verstärken, sondern, so schwer es gerade in diesem Fall gewesen ist, Fassung zu bewahren und dem Publikum die Möglichkeit zu geben, die „unfassbaren“ Ereignisse fassen zu können.
Es ist sehr schwer, gegen die Macht der Bilder differenzierte Hintergrundberichte, Analysen und Einschätzungen der Folgen zu setzen. Genau das muss aber geschehen - es ist in vielen Fällen ja auch geschehen - , damit die Menschen nicht allein auf der emotionalen Ebene angesprochen oder sogar in Panik versetzt werden. Natürlich verkauft sich Emotion besser als Verstand. Aber muss man sich davon verführen lassen? Wären die Sendungen in den genannten Tagen nicht auch ohne manche zusätzliche Dramatisierung gesehen worden?
(...)
Es führt kein Weg zurück zur Bleiwüste. Den will auch niemand. Ich bin gespannt, wie in dem Gespräch, das wir nun versuchen wollen, die Probleme gesehen werden, die ich skizziert habe. Meine Fragen sind:
– Wie kommen wir in der Flut der Bilder zur Distanz des Reflektierens?
– Wie kommen wir in den unterschiedlichen Öffentlichkeiten zu einer für die Demokratie fruchtbaren Meinungsbildung?
– Wie kommen wir im Beschleunigungsprozess zum Nachdenken, zum kritischen Hinterfragen und zum Verstehen der Dinge und Zusammenhänge?
Die Politik in der Demokratie muss in der Lage sein - und sie muss es wollen - einer großen Öffentlichkeit auch komplexe Sachverhalte zu vermitteln. Dazu braucht sie kluge und faire Partner in den Medien.
Medien und Aufklärung gehören von Anfang an zusammen - genauso wie Medien und Propaganda oder Medien und Desinformation.
Wie in diesen Zeiten die Medien zur Aufklärung beitragen können, das sollte unsere gemeinsame Frage sein.
Bundespräsident Johannes Rau beim Gesprächsforum “Die Republik und ihre Journalisten” am 23.10.2001 im Schloss Bellevue