Home / Themen / Kriegsgeschehen... / Medien und Krieg / Bilder vom Krieg / Die Macht der Bilder
Bilder haben vielerlei Funktionen. Sie machen auf etwas aufmerksam, sie dokumentieren, provozieren oder regen zum Nachdenken an.
Bilder üben Macht aus. Sie vermitteln in Sekundenschnelle dem Betrachter einen Eindruck, vermitteln (scheinbar) Informationen, erzeugen Stimmungen. Auf ihrem Hintergrund werden Urteile über Sympathie und Antipathie gefällt. Sie dienen als Anschauungsmaterial zur Bewertung von Sachverhalten und befriedigen oft genug voyeuristische Bedürfnisse. Fotos werden u.a. in Massenkommunikationsmittel auch bewußt eingesetzt um Ideologien zu verbreiten, Tatsachen zu verschleiern. Für diese Zwecke werden Fotos immer wieder manipuliert. Dies geschieht durch ihre Motivwahl, durch ihren Bildausschnitt, durch ihre Farbgebung, durch Weglassen oder Hinzufügen von Bildteilen.
Welche Seite des Krieges soll gezeigt werden? Wieviele Bilder von Leid und Not verkraftet die Bevölkerung? Im Zeitalter der Massenmedien ist die Berichterstattung so wichtig wie das Ereignis selbst. Fotos sind dabei nicht nur zu einem Millionengeschäft geworden sondern gerade in Kriegszeiten auch zu einem bewusst eingesetzten Manipulationsinstrument.
Viele Ereignisse werden speziell für die Medien inszeniert.
Doch es gibt auch eine andere Art von (Kriegs-)Fotografie, die auf Not und Unterdrückung, auf das Leiden im Krieg aufmerksam machen möchten, die die Würde der Abgebildeten respektiert und dabei eine eigene Ästhetik entwickelt.
Während sich Bildreporter der Boulevard-Presse auf der Jagd nach Sensationen häufig selbst in gefährliche Situationen bringen, sind Bildreporter, die aus Krisen und Kriegsgebieten berichten tatsächlich vielen Gefahren ausgesetzt. Viele werden verletzt oder kommen gar ums Leben.
Es lässt sich deshalb vorhersagen, was wir in den nächsten Wochen an Schreckensbildern sehen werden. Es wird Klagen über Militärzensur geben und gleichzeitig Abscheu über die Mediengier nach spektakulär Blutigen. Es wird Fotos großäugiger irakischer Kinder, trauernder Frauen und von Planen bedeckter Leichen geben, meist männlicher, denn in den Bildern des Grauens herrscht Geschlechterordnung. Wenn es Fotos abgetrennter Körperteile gibt, werden es diejenigen von Irakis sein. Es wird keine Fotos toter amerikanischer Soldaten geben, auf denen man ihr Gesicht erkennen kann – so ähnlich lauteten schon die Instruktionen der britischen Heeresleitung an ihren Fotographen im Krimkrieg 1855. Dafür werden wir Bilder verletzter GIs mit nackten blutigen Oberkörpern sehen, denn die Guten bluten immer mehr als die Bösen, ein altes Prinzip der Passionsfrömmigkeit. Der Gegner ist dagegen ein Wilder, der Wehrlose tötet und die Opfer barbarisch zur Schau stellt. Nach dem Ende der Kampfhandlungen wird es Gerüchte über schreckliche Fotos zerstückelter Feinde geben, die unter den Soldaten kursieren. Und diese Fotos werden umso schlimmer sein, je unsichtbarer sie bleiben.
Süddeutsche Zeitung, 26.3.2003, Auszug
Im Vorkrieg der Medien fürchten Politiker noch immer die Macht von Bildern, die sich ihrer Kontrolle entziehen. Als der amerikanische Außenminister Colin Powell und der Chef der UN-Waffeninspekteure Hans Blix vergangene Woche vor der internationalen Presse in New York ihre Positionen zu einem möglichen Krieg gegen den Irak erläuterten, sollte die Weltöffentlichkeit eines nicht sehen: Pablo Picassos "Guernica", das in Form einer Tapisserie, die Nelson A. Rockefeller 1985 den Vereinten Nationen geschenkt hat im Vorraum zum Sitzungssaal des Sicherheitsrats hängt. Picassos aufwühlendes Memento, das bekannteste Anti-Kriegs-Bild des zwanzigsten Jahrhunderts, war von einem blauen Vorhang mit UN-Logos verhüllt worden. Es sei, so ein
Diplomat kein, "angemessener Hintergrund", wenn Powell oder der Botschafter der Vereinigen Staaten bei den Vereinten Nationen, John Negroponte, über Krieg redeten und dabei von schreienden Frauen, Kindern und Tieren umgeben seien, die das durch Bombardements verursachte Leid zeigten. Ein Sprecher der Vereinten Nationen bekräftigte, der Vorhang sei "ein angemessener Hintergrund für die Kameras".
Die Entscheidung, Picassos bildhaften Ausschrei, dessen Original 1937 als Reaktion auf die Bombardierung und Zerstörung der baskischen Stadt Guernica durch die deutsche Luftwaffe gemalt wurde, zu verhüllen, ist ein symbolischer Akt. Er beschädigt nicht nur die Erinnerung, die Picassos Ereignisbild beschwört, er beschädigt auch die menschliche Gabe, im klaren Bewußtsein der Leiden und im Angesicht der Opfer - seien sie auch nur gemalt - über Krieg oder Frieden zu streiten. tw