Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Bildjournalismus im Krieg

Fabian Biasio

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4. Aber sind die Bilder auch "echt" ?

Immer wieder taucht in der Diskussion über Sinn und Unsinn der Kriegsberichterstattung die Frage nach deren Authentizität auf - nicht nur im Zusammenhang mit instrumentalisierten und für Propagandazwecke eingespannten Medien. Die Versuchung vor Ort, einem guten Bild noch etwas nachzuhelfen, hat bestimmt schon den ehrenwertesten Fotojournalisten gepackt. Manch böse Geschichte über Manipulationen, ob wahr oder erfunden, macht die Runde: zum Beispiel über den Fotografen, der dem Elend der kosovo-albanischen Kinder im Flüchtlingscamp noch eins drauf gab, indem er ihnen fürs Foto Lehm ins Gesicht schmierte.

In den Wirren eines Krisenherdes ist die Arbeit der Medienschaffenden kaum zu kontrollieren. Manche Fotografen stehen sogar offen dazu, dass einige ihrer Bilder gestellt sind - beispielsweise das ikonenhafte Foto, welches USMarineinfanteristen zeigt, die im Zweiten Weltkrieg auf der japanischen Pazifikinsel Iwo Jima die amerikanische Flagge hissen. Das Foto, das einer biblischen Szene entsprungen sein könnte, bescherte 1945 dem Agenturfotografen Joe Rosenthal den Pulitzerpreis. Die Aufnahme entstand auf die Bitte von Rosenthal hin, der diese Szene zuvor beobachtet hatte: Die Soldaten kamen seinem Wunsch gerne nach und richteten den Fahnenmast ein zweites Mal auf.

5. Leichen reichen nicht

Ist es moralisch verwerflich, die von Plünderern verstreuten Habseligkeiten eines gefallenen Vietcong etwas kameragerechter zu drapieren? Don McCullin, der den nordvietnamesischen Soldaten 1968 fotografierte, öffnete ein Album des Toten mit Bildern von Familienangehörigen. Der bloße Körper war dem Fotografen offenbar kein ausreichendes Zeugnis einer sinnlosen Gewalteskalation - und mit dieser Einschätzung hatte er wohl recht.

"Gebt den Opfern ein Gesicht!" heißt derzeit die Maxime der Kriegsberichterstattung. Gefragt sind Aufnahmen, die die Geschichte hinter der Geschichte erzählen, die den Betrachter subjektiv anrühren, die intelligent komponiert und nah dran am Elend der Leidtragenden sind. Allerdings muss sich der Fotograf bewusst sein, dass er damit oft ebenso dem Voyeurismus zudient, wie der Kollege mit Horrorbildern im Gepäck.

"Sind deine Bilder nicht gut genug, warst du nicht nahe genug dran." Bis zum Ende des Vietnamkrieges geisterte der Ausspruch des wohl berühmtesten Kriegsfotografen - Robert Capa - in den Köpfen der ehrgeizigen Fotoreporter: Capa meinte damit eher die physische Nähe zu Kampfhandlungen, Granateinschlägen und Tod. Robert Capa starb im 1954 im Koreakrieg nach einem Tritt auf eine Landmine. Tatsächlich entspricht auch sein Zitat durchaus der Wahrheit: Wie wäre sonst das Bild des Fotografen Huynh Cong Nick Ut mit dem schreienden vietnamesischen Mädchen entstanden, das am 8. Juni 1972 vor dem Höllenfeuer eines amerikanischen Napalmabwurfs flüchtet, nachdem es sich die Kleider vom Leib gerissen hat? Nick Ut musste nicht "möglichst nah draufhalten", um dem Betrachter das Grauen des Krieges vor Augen zu führen. Das Foto entstand aus einigen Metern
Distanz zum Mädchen - aber doch mittendrin im Inferno. Das Foto löste weltweite Empörung aus und gab den Kriegsgegnern in Amerika mächtigen Auftrieb. Sogar "gestandene" amerikanische Bürger fanden die Ereignisse im fernen Vietnam nun plötzlich empörend.

6. Heute werden Kriege "sauber" geführt

Angesichts des Aufmarsches an Hightech-Waffen kommen bei Kriegen der ersten Welt Menschen kaum mehr zu Schaden jedenfalls vermittelt diesen Eindruck die Art der Berichterstattung. CNN kreiert für jeden neuen Krieg ein individuelles Logo. Die Flieger, umwabert von Dampfschwaden des Startkatapults eines Flugzeugträgers, ermöglichen höchst ästhetische Aufnahmen. Sie künden die grünlich flimmernden Videobilder der Bordkameras an, die von der Airforce zur Verfügung gestellt werden: Die Zuschauer werden Zeuge, wie die lasergesteuerten Bomben punktgenau das Schlafzimmer des jugoslawischen Staatspräsidenten treffen. So nah war man noch nie dran am Ort des Geschehens. Und gleichzeitig so fern die Bilder erlöschen im Moment der Explosion. Nichts bleibt zurück. Keine Opfer - keine Trümmer. Die "Smart Bombs" hinterlassen keine Spuren. Schon gar nicht in den Köpfen der Medienkonsumenten, sofern diese ausschließlich mit den offiziellen Bildern gefüttert werden.

Das Dilemma bei der Vermittlung von Kriegsereignissen ist, dass die Journalisten heute gar keinen Zugang mehr zu Gebieten finden, wo "Kollateralschäden" passieren. Oft bieten die abgezehrten Flüchtlinge, die zu Tausenden in die Lager strömen, die einzigen Sujets, die ans Elend erinnern. In Vietnam war die Presse noch live mit dabei, als amerikanische Boys brandschatzten, töteten oder selber starben. Meist flogen die Reporterteams gleich in den Armeehubschraubern mit zum Einsatz und zurück.

Die Militärs haben aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt: Die offizielle Medienstelle einer modernen Streitkraft arbeitet höchst effizient. Immer nach dem Grundsatz der freien Meinungsbildung - "sofern dieser nicht höhere, staatssicherheitspolitische Interessen in Frage stellt" (Weisung der "Abteilung Presse und Funkspruch APF"der Schweizer Armee). Die Verwüstungen, welche eine fehlgelenkte Cruse Missile anrichtet, tangieren wohl diese Interessen. Entsprechende Gebiete werden hermetisch abgeriegelt. Noch verkaufen jene Fotografen die meisten Bilder, die ihr Material während eines halben Tages digital an die Redaktionen übermitteln können. Qualität ist dabei selten gefragt. Gerade die inflationäre Bilderflut zwingt jedoch zu neuen Ansätzen - zum Beispiel zur Bereitschaft, wieder auf Menschen zuzugehen.

Den Opfern ein Gesicht geben: Das heißt, der Fotograf nimmt an ihrem Schicksal teil. Das Entsetzen, das sich in den Augen eines traumatisierten Kriegskindes widerzuspiegeln scheint, ist weit schwerer zu ertragen als der Anblick eines Erschossenen am Strassenrand.

Fabian Biasio: Wo Menschenleben wenig zählen. Bildjournalismus im Krieg. In: Sicherheit und Frieden 3/2000, S. 248-252, Auszug

Fabian Biasio, Fotograf, Zürich

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