Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Eskalationsstufen nach Spillman

Zur Eskalation von Konflikten
Die Entwicklung von Konflikten verläuft in identifizierbaren Eskalationsstufen:
Die Eskalationsstufe 1
gehört zum normalen zwischenmenschlichen Alltag. Auch in guten Beziehungen treten immer wieder Momente auf, wo entgegengesetzte Erwartungen, Bedürfnisse oder Ideen zu Konflikten führen, die nur mit differenziertem
Denken und gegenseitiger Einfühlung - also wechselseitiger Perspektivenübernahme - gelöst werden können. In dieser Phase werden Spannungen noch freimütig angesprochen und man ist bemüht, mit der Gegenseite kooperativ nach sachgerechten Lösungen zu suchen. Nicht überall gelingt eine Problemlösung. Dann kann es vorkommen, daß sich einer der Partner versteift und der Konflikt auf die nächste Stufe eskaliert.
Auf der Eskalationsstufe 2
schwanken die Parteien hin und her zwischen kooperativen und kompetitiven Einstellungen. Man weiß um die gemeinsamen Interessen. Aber die eigenen Anliegen dominieren und nehmen an Gewicht zu. Die differenzierte Informationsaufnahme wird zugunsten von Argumenten der eigenen Seite eingeschränkt. Die Streitfragen werden erweitert, neue Zusammenhänge des Konflikts suggeriert, Logik und Verstand werden eingesetzt, um die Gegenseite zu überzeugen oder zu gewinnen. - Das Streben, sich zu behaupten und keine Schwächung der eigenen Person zuzulassen, wird immer wichtiger und die Versuchung immer größer, die Ebene rein verbaler Interaktion zu verlassen, dem anderen zu zeigen, daß man es ernst meint. Schließlich wird die Schwelle zur Eskalationsstufe 3 durch irgendeine Handlung überschritten.
Mit dem Übergang zur Eskalationsstufe 3
wächst die Angst, es könnte der Boden für eine gemeinsame Problemlösung verloren gehen. Die Interaktion zwischen den Parteien wird empfindlicher und gereizter. Die Hoffnungen werden auf aktives Handeln gesetzt; man tut jetzt, worüber man vorher zu debattieren versuchte. Dies wird momentan als befriedigend und entspannend erlebt. Dabei sind die Erwartungen der Parteien paradox: Beide erwarten, durch Druck und Entschlossenheit die Gegenpartei zum Nachgeben zu bringen, sind selber aber nicht bereit, nachzugeben. Damit entsteht der für die Eskalation bezeichnende Widerspruch, daß die beabsichtigte Wirkung einer Maßnahme von der Gegenpartei als Si e nal zur Eskalation und nicht zur DeEskalation verstanden wird .
In dieser Phase beginnt der Konformitätsdruck innerhalb der eigenen Gruppe. Dieser Konformitätsdruck ist eines der ersten sichtbaren Warnsignale einer sich intensivierenden Eskalation. Abweichende Meinungen, d.h. unterschiedliche Wahrnehmungs- und Bewertungsweisen des Konfliktverlaufs, werden immer weniger geduldet. Das bringt viele, die eigenlich anderer Meinung sind, zum Schweigen und macht sie zu Mitläufernlo. Auflehnung gegen diesen Gruppendruck wird schwierig, da die Gruppe mit starkem Zuwendungsentzug reagiert, der tiefliegende Verlassenheits- und Verlustängste evoziert. Die damit einhergehende Uniformierung der Meinung bringt notgedrungen eine Verengung und Entdifferenzierung der Wahrnehmung mit sich. Die reife, komplexe Sicht der Realität wird einer reduzierten, emotional leichter erträglichen Version geopfert. Damit einher geht auch eine Reduktion der anfänglichen Verhaltens-, Beziehungs- und Denkvielfalt.
An Stelle der Sachfragen und Sach-Konflikte treten mehr und mehr die gestalthaften (stereotypisierten) Eigenschaften der Gegenpartei ins Zentrum des Interesses und werden so zu Gegenständen der Auseinandersetzung. (Grüne, Rote, Schwarze, Linke, Rechte etc.).
Bei allen Schwierigkeiten hat der Gegner immer noch ein Gesicht. Es findet ein Wettkampf zwischen den verschiedenen Perspektiven statt, den jeder zu gewinnen hofft. Bei andauerender Spannung schwindet die Empathiebereitschaft mehr und mehr. Um die eigene innere Spannung abzubauen, weicht man immer häufiger auf Handlungen aus, bis „das Maß voll ist“ und die Einpathiebereitschaft überhaupt verschwindet. Damit ist die Eskalationsstufe 4 erreicht.
Auf der Eskalationsstufe 4
regredieren die kognitiven Wahrnehmungs- und Erkenntnismuster auf die Entwicklungsstufe 2, d.h. auf das Niveau der 6 - 8-Jährigen. Man weiß zwar um die andere Perspektive, aber man ist nicht mehr fähig oder bereit, die Gedanken, Gefühle und die Situation des anderen zu erschließen und für das eigene Verhalten zu berücksichtigen. Damit fallen auch die individuellen Differenzierungen weg - ein weiteres, sehr ernstzunehmendes Indiz der Eskalation.
Im emotionalen Bereich dominiert die „Schwarz/Weiß-Einordnung“, d.h. alles, was „Nicht-Ich“ &Mac226; bzw. „Nicht-Wir“ ist, ist bedrohlich und böse und wird abgelehnt. Damit nimmt der innere Abstand zwischen den Gruppen laufend zu. Gleichzeitig nehmen die gegenseitigen Projektionen zu: Was in den Parteien lebt, aber nicht als zum eigenen Bild gehörig anerkannt wird, wird in die Außenwelt bzw. auf die Gegenpartei projiziert.
(Komplementäre Projektion). Auch eigene bedrängende Regungen werden dem.Gegner angelastet, nach der Art: „weil ich Angst habe, mußt du mich bedroht haben“. So werden die sich bedroht Fühlenden selber zu Bedrohern. (Dieser Vorgang ist in der Rassismus-Thematik bedeutungsvoll, ob in einem literarischen „Andorra“ oder in einem modernen westeuropäischenStaat, der mit Asylanten konfrontiert ist.) - Und weil die Feindbild-Inhalte so viel mit Projektionen zu tun haben, können diese auch abgezogen und auf andere verlegt werden: Aus Feinden können unversehens Freunde werden, und umgekehrt.
Das Verhalten der Parteien auf dieser Eskalationsstufe kann nur verstanden werden, wenn man das Ausmaß der Regression richtig einschätzt und erkennt, wie diese projektiven Bilder zwischen den Parteien stehen und das Geschehen bestimmen. Diese Bilder verfolgen die Parteien wie böse Geister, die sie ablehnen und gleichzeitig dem Gegner anhängen wollen; m.a.W. beide Seiten provozieren und bekämpfen gleichzeitig ein bestimmtes Verhalten der Gegenpartei. Der Druck auf indifferente Personen oder Gruppen nimmt weiter zu. Wer mit beiden Parteien Kontakt pflegt, macht sich verdächtig.
Auf der Eskalationsstufe 5
bereitet sich als deutliches Zeichen einer progressiven Regression die umfassende Ideologisierung und Totalisierung der Gegensätze aus. Es geht um „heilige Werte“, um Überzeugungen und übergeordnete moralische Verpflichtungen. Diese entbinden den Einzelnen von der schweren Bürde persönlicher Verantwortung. Der Diskurs nimmt geradezu mythische Dimensionen an. Symbiotische Empfindungen in der Gruppe verstärken sich bis zum Gefühl von „wir sind eins“. Interpersonelles Verhalten ist wie ausgelöscht, Intergruppenverhalten bestimmt das Geschehen. Die Gewalt nimmt dementsprechend unpersönliche, indirekte Formen an, die Wahrnehmung der Gegenseite erstarrt zum Feindbild.
Damit ist die emotionale Einordnung von Informationen wieder auf die frühkindlich-elementare Einordnung in die Gegensatzpaare fremd/eigen, bedrohlich/sicher, bzw. böse/gut reduziert, und im kognitiven Bereich repräsentiert der eigene Gesichtspunkt die Realität. Auf diesem Eskalations- oder Regressionsniveau gibt es keine qualitativ unterschiedlichen Denk- und Gefühlsweisen mehr.

Kurt R. Spillmann und Kati Spillmann: Feindbilder. Entstehung, Funktion und Möglichkeiten ihres Abbaus. In: Beiträge zur Konfliktforschung 4, 1989, S. 19 ff.

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