Home / Themen / Kriegsgeschehen... / Krieg / Gerechter Krieg / Decapitation - Tyrannenmord
Der Auftakt des Irak-Krieges war nichts anderes als ein politisches Attentat mit den Mitteln des Luftkrieges. (...) Noch vor der Invasion sollten der Despot und seine Vertrauten getötet werden. (...)
Die Grenze zwischen Krieg und Tyrannenmord verschwimmt. Der Feind behält ein persönliches Gesicht. Der Krieg gegen das Böse ist nicht zuletzt ein Krieg gegen den Bösewicht.
Das Kriegsziel des Regimewechsels eröffnet zwar zahlreiche politische und wirtschaftliche Chancen, aber es begrenzt die militärischen Optionen. Eine Streitmacht, die gegen eine Regierung und nicht gegen eine Nation antritt, handelt gegen ihre eigenen Interessen, wenn sie die einheimische Bevölkerung schädigt oder die Reichtümer des Landes zerstört. Nicht auf die Vernichtung der irakischen Armee sind die Angreifer aus, sondern auf ihre Kapitulation. Weder gehört der Irak-Krieg daher in die Geschichte der modernen Volkskriege, noch gleicht er den neuen Terrorkriegen der Milizen, Marodeure und Warlords. (...)
Die Angriffe bezweckten nicht nur materielle und symbolische Zerstörungen. Sie zielten gegen das Gemüt der Militärführung. Die Generale und Obristen sollen demoralisiert und so eingeschüchtert werden, dass sie entweder putschen oder freiwillig aufgeben. Ihr Widerstandswille soll durch Terror gebrochen werden. Die punktgenaue Demolierung des Herrschaftszentrums hat einen handgreiflichen Abschreckungswert. Sie demonstriert Überlegenheit und warnt die Militärspitze vor der eigenen Vernichtung. Doch ist dieses Skalpell des Schreckens alles andere als zielgenau.
Wolfgang Sofsky, Professor für Soziologie und Publizistik, Göttingen, in: Frankfurter Rundschau, 24.3.2003.