Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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"Malen, spielen, reden und vor allem da sein"

Bei Kriegsängsten der Kinder sind die Eltern gefordert

Martin Wortmann

D/USA/Irak/Kinder/Psychologie/KORR

Tübingen, 20. März (AFP) - Unzählige Schüler demonstrierten am Donnerstag in ganz Deutschland gegen den Krieg im Irak und machten so ihren Gefühlen Luft. Aber auch kleineren Kindern entgeht die angespannte Lage nicht. Ängste vor Bedrohungen auch in Deutschland und Sorgen um das Schicksal Gleichaltriger im Irak treiben Kinder schon ab vier oder fünf Jahren um - und bedeuten eine besondere Herausforderung für die Eltern. Diese aber sind oft selbst schockiert und verunsichert, die Fragen ihres Nachwuchses sind für sie äußerst schwierig zu beantworten. Experten wie Günther Gugel vom Institut für Friedenspädagogik in Tübingen geben ihnen vor allem einen Rat: "Sie müssen dem Kind Sicherheit vermitteln, ohne zu verharmlosen und zu negieren."

Unvermeidlich kommen die Kriegsbilder in jedes Haus. Sie fern halten zu wollen, kann kaum gelingen. Auch die Kleinen werden sie zwangsläufig sehen. "Kinder allein vor dem Fernseher sitzen zu lassen, das wäre allerdings fatal", warnt Gugel. Er rät zu den "logo!"-Nachrichten des Kinderkanals, Größere könnten mit den Eltern auch die "Tagesschau" oder "heute" gucken. Die Sondersendungen dagegen sollten den Eltern vorbehalten bleiben, meint der Pädagoge.

Nicht nur vor dem Fernseher sind von Seiten der Eltern Erklärungen gefragt: über die weite Entfernung des Iraks und die geringe Reichweite irakischer Raketen etwa, oder auch über computergesteuerte US-Waffen. Verharmlosungen und falsche Vergleiche werden aber von den Kindern schnell durchschaut, warnt Gugel. Dass etwa beim Vergleich des Krieges mit einer Prügelei was nicht stimmt, "das weiß oder spürt jedes Kind". "Erwachsene sollten die Fragen der Kinder in jedem Fall ernst nehmen und ihnen emotionale Sicherheit geben", rät auch Helga Theunert vom JFF-Institut für Medienpädagogik in München.

Nur einfach da und gesprächsbereit sein, das hilft gerade den Kleinen schon viel. Denn die tatsächliche Bedrohung und die Angstgefühle der Kinder klaffen oft weit auseinander, erklärt Gugel. Untersuchungen zu den Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg hätten gezeigt, dass die Geborgenheit, die Eltern vermitteln können, sich auch durch tatsächliche Sicherheit nicht ersetzen lasse. "Kinder, die im Bunker bei ihren Eltern waren, haben den Krieg besser bewältigt, als Kinder, die allein aufs Land geschickt wurden."
Wichtig ist auch, dass Kinder spielen und malen dürfen. "Keine Eindrücke ohne Ausdrücke", lautet die Formel der Pädagogen: Gefühle, die sich nicht äußern dürfen, arbeiten im Unterbewussten weiter. "Wenn Kinder Bunker bauen und Kriegsflugzeuge malen, dann tun sie das nicht, weil sie das toll finden, sondern zur Bewältigung", betont Gugel. Von den Bildern aus ist es oft leichter, mit dem Nachwuchs ins Gespräch zu kommen. Dabei sollten die Eltern ihre eigene Wut und Betroffenheit nicht verbergen, rät Gugel. "Kinder spüren die Ängste der Erwachsenen ohnehin", meint auch Theunert. Im Gespräch sollten die Eltern natürlich auch Fragen beantworten, ohne die Kinder zu überfordern. Gugel: "Wir raten, keine Fragen zu beantworten, die das Kind gar nicht gestellt hat."

Auch Jugendliche wollen vielleicht malen - nicht ein Flugzeug, sondern ein Friedenstransparent. Der psychische Sinn sei letztlich der Gleiche, sagt Gugel. Ab etwa 13 Jahren werde allerdings das Elternhaus unwichtiger, Schule und Gleichaltrige nähmen an Bedeutung zu. Wie zu Hause sei es aber auch in den Schulen wichtig, den Krieg nicht totzuschweigen. Auch dort sollten Kinder und Jugendliche Ausdrucksmöglichkeiten haben, etwa durch eine Pinwand oder in einem Gedenkraum mit Kerze. Auch die Schülerdemonstrationen am ersten Kriegstag gehörten dazu. "Wir können gar nichts mehr tun, als unsere eigene Betroffenheit auszudrücken", sagt Gugel. "Das ist eine Botschaft in der demokratischen Gesellschaft. Aber es ist auch wichtig für die eigene Bewältigung."

+++ Internet-Informationen für Eltern und Lehrer: www.friedenspaedagogik.de +++ Informationen zum Irakkrieg für Kinder im Internet unter www.tivi.zdf.de/logo sowie im Fernsehen in den "logo!"-Nachrichten im Kinderkanal, Montag bis Freitag 16.50 Uhr, Montag bis Donnerstag zusätzlich 19.50 Uhr +++
xmw/jes

© AFP, 20.3.2003

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von AFP

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