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Was fasziniert die Kinder an Hörspielserien?
Da ist zum einen das Figurenensemble: die Helden bieten sich zur Identifikation an, lösen Wunschvorstellungen ein, wenn sie fast omnipotent sind, wie He-Man oder das Auto vom Knight Rider, wenn sie zaubern können und für Streiche nicht bestraft werden, wie Bibi Blocksberg. Andere Helden wirken als wünschenswerte Freunde, wie Benjamin Blümchen, der starke Elefant; viele Kinderhelden sind klüger als Erwachsene, nicht nur die Kinderkriminalisten TKKG. Als Nebenfiguren treten, teils verschlüsselt, Wunscheltern auf, die man in der Realität so verständnisvoll und kumpelhaft nicht findet. Erwachsene können aber auch naiv sein (Vater Blocksberg) oder gar so dumm (Verbrecher), daß sich bei Kindern Überlegenheitsgefühle einstellen. Die Charaktere sind immer eindimensional angelegt, daher für Kinder verständlich, durchsichtig.
Der Handlungsverlauf ist ebenfalls eindimensional, geradlinig, ohne Rückblenden. Die Helden haben Erfolgserlebnisse, erreichen das Ziel, besiegen den Gegner, Vor allem erleben sie etwas, haben die Abwechslung, Action, die die kleinen Zuhörer in ihrem Alltag nicht haben.
Der gesellschaftliche Hintergrund soll zwar manchmal auf die Realität bezogen sein, die tatsächlichen Probleme der Kinder bleiben in jedem Fall ausgespart: es gibt keinen Ärger mit der Schule (sondern meist ständige Ferien), keine Alltagssorgen (nur intakte Familien).
Inszeniert sind die marktführenden Serien durchaus professionell, mit leicht überschaubaren Spannungsbögen, nach STeigerung erfolgt ein Höhepunkt, dann ein Abfall, neue Steigerung. Ein rascher Wechsel kurzer Sequenzen vermittelt den Eindruck von Aktion. die Stimmen sind in der Regel überzeichnet und leicht identifizierbar. Musik ist eingängig, dient als Erkennungssignal für die Serien und als Element der Spannungssteigerung.
Hörspielkassetten bieten Kindern also Unterhaltung, die diese überwiegend als abwechslungsreich, spannend, lustig empfinden. Sie können Kompensationsangebote machen für eine Realität, die auch bei Sechsjährigen schon von Schulstreß geprägt sein kann oder von gestörter innerfamiliärer Kommunikation. Als Reflex auf das Alleinsein kann die Kassette dann tatsächlich zue iner Art Ersatzoma werden, zum synthetischen Gesprächspartner. Hörspielkassetten können Funktionen wahrnehmen, die andere Medien nicht in dieser Weise zu leisten vermögen. So sind auditive Medien über das Ohr leichter zu rezipieren als die durch Schriftcodes verschlüsselten Kinderbücher. Physiologisch wird der Wechsel von Geräuschen, von laut und leise als angenehmer Reiz empfunden. Die Kassette kann (z.B. neben dem Buch) als Sekundärmedium benutzt werden, erfordert kein Stillsitzen. Diese Geräuschkulisse kann Kindern als Folie für Tagträume, als Rohmaterial für die eigene Phantasie dienen. Der Stoff kann, gerade wenn er von Erwachsenen abgelehnt wird (He-Man), für Kinder zu einer spezifischen, eigenen Medienwelt werden, in die sie sich vor der Erwachsenenwelt zurückziehen, die sie zur Abgrenzung gegen Erwachsene, Eltern bentutzen können. Kindertonträger werden Anlaß und Inhalt der Kommunikation in Kindergarten und Schule, wer die letzte Benjamin-Folge nicht gehört hat, ist vom Gespräch ausgeschlossen.
Nach internen Erhebungen der phonographischen Industrie ist davon auszugehen, daß jede Kassette von Kindern 10 bis 100 Mal gehört wird. Durch die leichte Wiederholbarkeit des Mediums können Kinder bestimmte Sequenzen heraussuchen, wiederholen, komische Dialoge wiedererkennen, auswendig lernen, den Sprechern im Dialog voraus sein. Dieses Wiedererkennen, Vorwegnehmen bestätigt Kinder in ihren Erwartungen, in ihren Fähigkeiten, kann positiv zu würdigendes Erfolgserlebnis sein.
Kinder empfinden es zudem - wie erwachsene Rezipienten von Fernsehserien - als angenehm, wenn ihre Erwartungen nicht enttäuscht werden, wenn ihnen bereits vertraute Figuren und Hintergründe angeboten werden, wenn sie also im Kreis der ihnen bekannten Serienfiguren Geborgenheit finden.
Keine Probleme?
Das Hören von Hörspielkassetten bringt Kindern - objektiv gesehen - nicht ausshcließlich Nutzen. Ideologische Gefährdungen oder ethische Fehlprägungen sind sicherlich nicht auszuschließen, aber kaum zu erwarten, da die Serien heute das reproduzieren, was als "gesellschaftlich vorherrschendes Bewußtsein" bezeichnet werden kann, und dazu gehört mittlerweile auch die kritische Beschäftigung mit Gefährdungen der natürlichen Umwelt u.a. Natürlich können aber realitätsferne Scheinwelten und standardisierte Konfliktlösungen Kindern keine besondere Hilfe bei der Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt, der Bewältigung individueller Probleme geben.
Mit der Hörspielserienproduktion im Medienverbund geht ferner eine Tendenz zur Reduzierung des inahltlichen und ästhetischen Niveaus einher. Die Produktionen dürfen aus Absatzgründen kleine Hörer nicht irritieren, verunsichern, überfordern. Sie stellen Hörgewohnheiten nicht infrage, entwickeln das Hörvermögen nicht weiter, auch wenn sie professionell und mit namhaften Sprchern produziert worden sind. Die künstlerischen Leistungsmöglichkeiten des Mediums werden nicht genutzt, besonders wenn statt einer eigenen Hörspielinszenierung nur der Soundtrack einer Fernsehserie, eines Filmes übernommen, ggf. durch Erzählerkommentar kurz ergänzt wird. Eine Tendenz zur Infantilisierung des Marktangebotes ist absehbar. Das Einstiegsalter der gängigen Serien hat sich über die Jahre nach unten verlgert. So lehnen heute manchmal schon Achtjährige Benjamin Blümchen als "Kleinkinderkram" ab.
ajs-informationen 4/91, S. 3f.