Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Gewaltspielzeug zu therapeutischen Zwecken

Darstellung des inneren Unfriedens

Viele Pädagogen sind der Auffassung, daß Colts und Spielzeugsoldaten den Kindern eine Möglichkeit gäben, ihren inneren Unfrieden auf eine mehr oder weniger harmlose, weil spielerische Art auszuleben. Andere gehen sogar noch weiter und nehmen an, daß das Spiel mit Gewalt- oder Aggressionsspielzeug kathartischen Charakter habe, daß das Spiel einen Selbstheilungsprozeß des Kindes bezeichne und Antwort auf erfahrene Begrenzung und Unterlegenheit sei (Flitner 1973, S. 68): Kinder entledigten sich über das Kriegs- und Cowboyspiel ihrer "natürlichen" Aggressionen. (...)

Um Aggressionen der Kinder aufzugreifen und auf einen sozialeren Stand "psychischer Reife" bringen zu können, sind daher in Spielzimmern von Kindertherapeuten Spielzeuggewehr und Panzer nicht einmal eine Seltenheit. Auch wir haben im Rahmen eines Projektes der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung (Frankfurt) in den Spielstunden an einer Grundschule (eine Stunde pro Woche im normalen Unterricht) Kriegsspielzeug im Angebot (vgl. Büttner/Koester 1978[1]). Es handelt sich dbei um Spielzeug, das die Kinder von zu Hause mitgebracht haben. Was aber hat es mit der Angstlust und dem Ausleben der Aggressionen von Kindern im Spiel mit der Gewalt und dem Krieg auf sich? Sind diese Aggressionen wirklich natürlich? Drei Beispiele aus unseren Spielstunden sollen etwas tiefer in die Problematik von Aggression, Kriegsspiel und Erziehung hineinführen.

In der Klasse (3. Schuljahr) ist ein etwa 9jähriger Junge, der durch gesonders brutales und störendes Verhalten während des Unterrichts auffällt. Er ist dabei motorisch so unruhig, daß die Lehrerin immer ein Auge auf die Klasse und das andere auf ihn gerichtet haben muß. SeineLeistungen sind dementsprechend schlecht trotz durchschnittlicher Intelligenz. Dieser Junge spielt während der Spielstunden mit Panzern und Soldaten, aber auch mit Cowboy-Figuren besonders gern. Er läßt sie sich in Kämpfe oder groß angelegte Schlachten verwickeln, so daß dem Zuschauer angst und bange werden kann. In diesen Spielsituationen ist der Junge so ruhig und verträglich, wie z.B. bei Gesellschaftsspielen undenkbar, wenn er überhaupt von den anderen Kindern als Spielpartner akzeptiert wird. Dieser Junge, der sich kaum auf ein Aufgabe konzentrieren kann, spielt mit Kriegsspielzeug eine geschlagene Stunde friedlich vor sich hin.

Dieser Junge lebt in familiär außerordentlich belastenden ökonomischen Verhältnissen. Offene Brutalität in den familiären Beziehungen ist an der Tagesordnung, Mord- und Suiziddrohungen sind nicht selten. Die Auswirkungen solcher Erfahrungen sind m.E. am Verhalten des Jungen direkt ablesbar: er reagiert blind und ungesteuert auf seine Erfahrungen blinder und ungesteuerter elterlicher Gewalt (vgl. Leber 1976, S. 125). Das Kriegsspiel scheint ihm eine Entlastung für den Augenblick zu bieten. Es macht ihn für den Augenblick zugänglicher und ansprechbarer, die folgenden Unterrichtsstunden verlaufen ungestörter.

Ein anderer Junge ist im Gegensatz dazu im Unterricht lahm und verträumt und kommt kaum mit einer Aufgabe zurande. Die Lehrerin muß in ständig auffordern weiterzumachen, nicht einzuschlafen, und sitzt oft noch in der Pause neben dem Jungen, um mit ihm die Aufgabe zu vollenden. Auch seine Schulleistungen lassen erschreckend nach. Während der Spielstunden ist derselbe Junge beim Spiel mit Cowboys und Panzern fröhlich und beweglich. Er scheint all seine Lahmheit abgestreift zu haben und reagiert auch auf andere Kinder normal, wenn sie einmal mit ihm in Berührung kommen. In seinem Kriegsspiel inszeniert er die grausamsten Schlachten, in denen er z.B. eine Handvoll Spielzeugsoldaten zermanscht und mit Getöse auf den Boden fallen läßt.

Dieser Junge stammt aus sogenannten gut bürgerlichen Verhältnissen. In den ersten Lebensmonaten lebte er von der Mutter getrennt bei der Oma. Sein Vater ist schon sehr früh an Krebs gestorben; die Mutter, die tagsüber arbeiten geht, hat zwei Suizidversuche unternommen. Auch dieser Junge hätte allen Grund, mit Wut auf seine Lebenserfahrungen zu reagieren. Seine Aggressionen, für die das Kriegsspiel ein unübersehbarer Hinweis ist, sind offenbar nach innen gerichtet. Für offene Aggression ist in seinen Verhältnissen kein Platz. Der Psychoanalytiker Aloys Leber bietet für den Widerspruch zwischen Apathie gepaart mit Schulversagen und verborgenen Aggressionen bei Kindern aus bürgerlichen Verhältnissen folgende Erklärung an: "Man kann es sich nicht leisten, als schlimmes, böses Kind verachtet, verstoßen und bestraft zu werden. Schulversagen ist damit oft ein unbewußter, aus der Hilflosigkeit des Kindes erwachsender Versuch, Wut und Rache verschleiert zum Ausdruck zu bringen. Dabei darf das Ziel nicht erreicht werden, sondern Herabsetzung und Strafe werden in der Wendung auf sich selbst vom Kind schon vorweggenommen" (Leber 1976, S. 123). Auch für diesen Jungen ist das Kriegsspiel offensichtlich zunächst eine Entlastung seiner Gefühle, auch er scheint nach diesen Spielstunden verändert, er ist etwas munterer.

Beiden Jungen scheint also das Kriegsspiel irgendwie geholfen zu haben. Warum aber wählen sie gerde das Kriegsspiel zur Darstellung ihres Unfriedens, obwohl es Krieg in ihren Erlebnissen allerhöchstens im Fernsehen gegeben hat? Warum zeigt sich ihre Aggression nicht so, wie sie ist, und dort, wo sie hingehört?

Kinder sind in ihrer Existenz von ihren Eltern abhängig, vor allem von deren Liebe. Ungesteuerte elterliche Gewalt statt kontinuierlicher Liebe im Fall des einen Jungen oder totaler Liebesentzug in den ersten Lebensmoanten, durch den Tod des Vaters und die Suizidversuche der Mutter bei dem anderen müssen dahe existentiell bedrohlich wirken. Solche Erfahrungen, wenn sie den Gesamtorganismus psychisch und physisch übermäßig überlasten, werden vergessen, verdrängt, aus dem Bewußtsein abgespalten. Sie hinterlassen jedoch "Wunden", sogenannte Traumatisierungen, deren Schmerzen in verstellter, in symbolischer Form in das Bewußtsein zurückdrängen. Der symbolische Inhalt enthält den Hinweis auf den Kampf um Liebe und die Wut gegen Ablehnung und Gewalt: offene Aggressionen gegen die Eltern widerspricht den Bedürfnissen der Jungen nach Liebe und Sicherheit - ganz abgesehen davon, daß sie angesichts elterlicher Macht nur zu einer Verschärfung des Kampfes führt: der Kampf mußverlagert werden.

Ich bin der Auffassung, daß die Gefühle der beiden Jungen den Fantasien kriegerischer Auseinandersetzung sehr ähnlich sein müssen. Das existentiell Bedrohlichste, was sich Menschen vorstellen können, ist der Krieg. Er stellt die Spitze aggressiver Eskalation dar, den Haß auf das Leben. Er bedeutet das Ende jeder Existenz, aber auch die Hoffnung, auf der anderen Seite zu kämpfen, zu überleben.

Der zweite Junge, der inzwischen in einer psychoanalytisch orientierten Spielgruppe betreut wird, wiederholt bisher sein Kriegsspiel mit allen Einzelheiten und mit aller Brutalität in fast allen Spielgruppenstunden (vgl. Büttner/Koester 1978 [2]). Bei seinen Metzeleien wiederholt sich aber auch der Ausgang der Schlacht: einer überlebt immer! Dieser Junge wird wahrscheinlich noch oft seinen Haßim Spiel darstellen müssen, bis es gelingt, zu ihm vorzudringen und seine Wunden zu heilen. In der Vorstellung von Krieg mischen sich Angst und Aggression. Vor dem Krieg hat z.B. Bernd, ein Junge aus der gleichen Klasse, am meisten Angst, sicherlich auch vor der Bedrohung seiner Existenz. Auch in seiner Erfahrung wird mit Prügeln erzogen, findet tagtäglich ein Angriff auf seine Person statt. Vielleicht gleicht seine Wut auf seine Verhältnisse der Aggression, die er in dem Bild seiner Schlacht zeigt.

In diesen Beispielen ist der Zusammenhang zwischen Gewalt in der Erziehung und Aggressionen nicht zu übersehen. Die These von der natürlichen Aggression oder dem Aggressionstrieb erscheint jedenfalls bei diesen Kindern absurd. Warum aber spielen Kinder Krieg, bei denen man von zu Hause kaum Gewalt in der Erziehung vermuten würde, deren Eltern ihre Kinder lieben?

3. Ich glaube kaum, daß in unseren "zivilisierten" Verhältnissen irgendein Kind eine Lebensgeschichte ohne Gewalterfahrungen hat. Diese werden nur meist als zu unbedeutend wahrgenommen, hinter der Angst, in der Erziehung etwas falsch gemacht zu haben, versteckt oder gelten im Verständnis elterlicher LIebe gar als gerechtfertigte Erziehungsmaßnahme. Dabei denke ich gar nicht einmal an Erziehung mit Strafe! Elterliche Liebe ist nämlich meist das, was sich Eltern unter Liebe vorstellen, selbst wenn die Reaktionen eines Kindes eine ganz andere Sprache sprechen. Dieses Mißverständnis trifft Kinder besonders schwer am Beginn ihres Lebens. Ohne sprechen zu können, müßten sie gerade hier besonders verstanden werden. In einer Zeit, in der sie am meisten auf Hilfe angewiesen sind, machen sie ihre Grunderfahrungen mit dieser Welt.

Christian Büttner: "Alle Jahre wieder!" - Kritische Betrachtungen zum Kriegsspielzeug. In: Neue Praxis 4/78, S. 312-314

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