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Ist Kriegsspielzeug harmlos?

Gehören Panzer ins Kinderzimmer? Seit einigen Jahren steht Kriegsspielzeug bei Kindern und deren Eltern wieder hoch im Kurs. Experten sehen in der weiblichen Übermacht, die Jungs in ihrer Sozialisation oft erleben, eine Ursache für "Die Rückkehr des Kriegsspielzeugs", berichtet 3SAT.DE. Virtuelle Killerspiele, Kampfhubschrauber oder Panzer ließen der Fantasie der Kinder Freiräume, ihre Alltagserlebnisse nachzustellen und verträgliche Lösungen zu finden, meinen die Befürworter von Kriegsspielzeug.

Günther Gugel, Pädagoge, mischt sich heute im Tagebuch in die Debatte ein. Er warnt vor einer Verharmlosung von Gewaltspielzeug, die seiner Meinung nach ein veraltetes Abbild von Männlichkeit, Macht und Geschichtsverständnis darstellen.

Gastkommentar von Günther Gugel bei "Die Gesellschafter": 

Der Verkauf von Kriegsspielzeug erlebt in den letzten Jahren einen neuen Boom. Das Spiel damit wird, trotz Verunsicherung vieler Eltern, oft als unproblematisch, ja sogar als positiv bewertet, so auch der Tenor einer Reihe von Medienberichten. Zur Klarstellung drei Dinge vorweg: Wer mit Kriegsspielzeug spielt, wird deshalb sicherlich weder zum Militaristen noch zum Gewalttäter. Und solange es in der Welt der Erwachsenen Waffen gibt, wird es auch in der Spielzeugwelt Kriegs- und Gewaltspielzeug geben. Und schließlich: Kriegsspielzeug zu verbieten ist keine Lösung.

Wenn von Kriegsspielzeug die Rede ist, geht es nicht um Wasserpistolen, Knallerbsen oder den Spielzeugrevolver an Fasching. Mit Kriegsspielzeug werden Nachbildungen von Waffen und Kriegesgeräten wie Panzer, Flugzeuge, Raketen, Kriegsschiffe usw. und ganze Szenarien - Ruinen, Bunker, Schlachtfelder - bezeichnet, die historisch oder aktuell auf reale oder fiktive Kriege bezogen sind. Kriegsspielzeug ist für das (Nach-)Spielen von Kriegshandlungen und Kriegsszenarien konstruiert und vorgesehen. Ergänzt und erweitert wird dieses »Spielzeug« durch den Medienverbund mit Videos, Computer- und Onlinespielen.Die Faszination von Waffen ist weit verbreitet und nicht nur auf Kinder bezogen. Waffen waren und sind Symbol für Status, Macht und Kampfkraft und hängen eng mit Allmacht(sphantasien) und Entscheidungsmöglichkeiten über Leben und Tod zusammen. Dies macht sie auch für Kinder so interessant:

Da Kriegsspielzeug oft in historische oder aktuelle Kriegsszenarien eingebettet wird, wird »Pseudo« -Wissen in Form von »Bildern« vermittelt, die erste Grundlagen für eine Weltsicht legen können, lange bevor Kinder ein wirkliches Geschichts- und Weltverständnis entwickeln oder Sachverhalte differenziert auffassen können.

Wird heute vor allem die pädagogisch-psychologische Dimension von Kriegsspielzeug diskutiert, wurde früher - etwa in den 1950er Jahren in Debatten des Deutschen Bundestags - stets auch dessen politische Funktion beleuchtet. Dabei war klar, dass Kriegsspielzeug Kriege verharmlost und zu ihrer Glorifizierung beiträgt.

Es darf nicht vergessen werden, dass es nicht Kinder, sondern Erwachsene sind, die Spielzeugwaffen und reale Waffen produzieren und verkaufen. Nicht das Spiel mit Kriegs- und Gewaltspielzeug ist ein »Tabubruch«. Das wahre Tabuthema ist das »zweite Gesicht« der Bundesrepublik Deutschland. Diese ist nicht nur eine zivile Gesellschaft, sondern deutsche Soldaten befinden sich im Krieg, Deutschland steht bei den Rüstungsausgaben weltweit, in absoluten Zahlen, auf Rang sechs und nimmt bei den Rüstungsexporten hinter den USA und Russland den dritten Platz ein.

Die Diskussion um Abrüstung im Kinderzimmer hat so nicht nur eine pädagogische Komponente. Sie ist scheinheilig, solange sie nicht verbunden wird mit der Forderung um Abrüstung der realen Waffen. Vielleicht sollte man sich überlegen, was Kinder brauchen, damit sie Kriegsspielzeug nicht brauchen.

Gastkommentar bei "Die Gesellschafter" lesen.

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